6 CD-Box RADU LUPU „THE UNRELEASED RECORDINGS 1970-2002“; DECCA
Neues zum 80. Geburtstag von Radu Lupu: Das Beste vom Besten des Giganten – Repertoireerweiterungen und aufregende Radiomitschnitte

Es war schon länger her: An einem etwas wodkaseligen Nachmittag auf meinem Balkon in Paris fiel der Name Radu Lupu zum ersten Mal in meinem Leben. Die wunderbare Gemma Salem, Autorin und Thomas Bernhard-Expertin, Mutter des Komponisten Richard Dubugnon, schwärmte damals derart wortreich und in liebender Begeisterung vom Schubertspiel des rumänischen Pianisten, dass mir ab da zumindest der Name eine unvergessliche Kostbarkeit war. Dass Gemma und ich in unseren Vorstellungen künstlerisch harmonierten, ergab sich, als sie mir ihre Begeisterung für das literarische Werk Mikhail Bulgakovs erfolgreich für immer übertrug.
Also schaffte ich mir etliche Studioeinspielungen an – Schubert, Mozart, Schumann, Brahms, Franck – und war gefangen vom so individuell den Künstler auszeichnenden Spagat zwischen diesen fluiden Anschlagsnuancen im Piano und Pianissimo und dem kräftig modellierten klaren Forteklang. Entrückt in musikalische Sphären, wohin sonst kein Mensch gelangt.
Am 30.11.1945 als Sohn eines Lehrerehepaars in Galati geboren, war zuerst einmal das Komponieren im Zentrum von Radus Interesse. Der 15-jährige kam mit einem Regierungsstipendium in der Tasche zuerst an eine Moskauer Kompositionsschule, dann ans berühmte Konservatorium der russischen Metropole. Da wurde Radu jüngster Schüler in der Klasse von Heinrich Neuhaus, der eine ganze Spitzengeneration von Pianisten unter seinen Fittichen hatte (u.a. Emil Gilels, Swjatoslaw Richter und Igor Schukow). Nach dem Tod von Heinrich Neuhaus setzte er die nun lockerer ablaufenden Studien bei dessen Sohn Stanislav Neuhaus fort. Wer jedoch denkt, dass Radu Lupu ein solipsistischer Übungsberserker war, der irrt. Wie die britische Musikjournalistin, Romanautorin, Dramatikerin und Opernlibrettistin Jessica Duchen in „Remembering Radu“ festhält, zog der literaturbeflissene Künstler gerne mal mit seinen Freunden um die Häuser, liebte Schach und Kartenspiel.
Vom Komponieren ließ Lupu alsbald die Finger und konzentrierte sich auf seine Laufbahn als Pianist, wo er rasch seinen unverwechselbaren Sound auf Basis eines mikroelastischen Pedaleinsatzes, einer seltenen Gabe, Anschlagsvirtuosität in flirrende Tonkaskaden zu transponieren sowie eine individuell markante Phrasierungsgabe entwickelte.
Drei erste Preise hievten den 20 bis 24-jährigen an die Weltspitze und bescherten ihm einen Plattenvertrag mit der Decca: die Van Cliburn Competition in Ford Worth, der George Enescu Wettbewerb in Bukarest 1967 und die Leeds International Piano Competition 1969.
Die für spontane Inspiration kaum Platz bietende Knochenarbeit im Studio plagte den Perfektionisten und Selbstzweifler zunehmend, der – oft unzufrieden mit dem Erreichten – die nachschöpferisch ungezwungenere Atmosphäre im Konzertsaal vermisste. Nicht ausreichend perfekt gestimmte oder klangfarblich zu laute/schrille Klaviere nervten den sensiblen Pianisten enorm. Eine heikle Balance für die bemühten Aufnahmeteams. Nur der niederländische Klaviertechniker Michel Brandjes wurde stets seinen hohen Erwartungen gerecht.
Die vorliegende Box wartet mit zwei Arten von Neuveröffentlichungen auf. Allen ist gemeinsam, dass sie Lupu zuvor nicht aufgenommen hatte: Bisher unter Verschluss gehaltene Studioaufnahmen, im Konkreten die Decca Masters 1976 (Mozarts Klavierquartette Nr. 1 und Nr. 2, KV 478 und 493 mit Mitgliedern des Aviv Streichquartetts sowie die Decca Masters 1992/1995 mit Franz Schuberts Klaviersonaten in C „Reliquie“, D. 840 und in D, D. 850, „Gasteiner“. Großartige Aufnahmen, die Lupu auf Tonträgern als teamfreudigen Kammermusiker und wieder einmal als Schubert-Seelenleser, der nicht zuletzt dessen Schalk und kecken Humor wie kein Zweiter in Klang wandeln konnte, vorstellen.
Künstlerisch und für ein breiteres Verständnis des Pianisten noch wesentlicher sind jedoch die vier Alben, die den BBC Radio Tapes 1970, 1988 & 1991, den BBC Radio Tapes 1970-72, den Dutch Radio Tapes 1983&1984 sowie den SWR-Bändern 1973, 1980 & 2002 gewidmet sind. Auf ihnen erweist sich Radu Lupu, der gerne pauschal mit den Komponisten der Wiener Klassik, Frühromantik und Brahms im Besonderen in Verbindung gebracht wird, als formal stilsicherer und energisch zupackender Meister der klassischen Moderne („Im Freien“ von Béla Bartók, die Klaviersonate von Aaron Copland sowie Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“.
Wenig überraschend fällt die Begegnung mit Claude Debussys „D’un cahier d’esquisses, Zugabe bei einem Konzert in der Liederhalle Stuttgart als jüngster auf der Box enthaltenen Aufnahme (2002) überaus duftig aus. Sie zeigt Radu Lupu als detailversessenen Farbenmagier, als Stimmungsmaler, als intuitiven Tonbildhauer feinster Abschattierungen.
Wollen Sie die aufregendsten Klavier-Verzierungen und Triller der Plattengeschichte hören, dann empfehle ich das Andante con variazioni in f-Moll Hob. XVII:6, von Joseph Haydn, live aus der Wigmore Hall vom 3.9.1988. (CD 3) Die Welt scheint bei diesen Figuralvariationen märchenhaft zu schweben, die Stofflichkeit der Musik aus diaphanem, golddurchwirktem Brokat zu bestehen. Derselben Sternstunde entstammen die Mitschnitte der beiden Haydn Klaviersonaten in D und in C, Hob. XVI:37 und XVI:20.
Wie frei und wohl sich Radu Lupu live fühlen konnte, ist kaum eindringlicher zu erfahren als bei der zweiten Version der „Symphonischen Etüden“, Op. 13/Op. 13 Anh. von Robert Schumann inkl. der fünf posthumen Variationen. Der Mitschnitt dieses Werks, das auf barocken Fundamenten die Brücke zwischen Klassik und Frühromantik in athletischer Verzückung schlägt, stammt vom 1.7.1991 aus dem Londoner St. John’s Smith Square. Radu Lupu legt in diese am Beispiel Bachs und Chopins elaborierte Etüden – jeglichen Übungswert meilenweit überragend – im „Orchestercharakter von Florestan und Eusebius“ alles sehnsüchtig Irrlichternde im Sinne der Schumann-typischen Doppelnatur-Visionen von leidenschaftlich, kämpferisch bis zu verträumt, sanftmütig.
Welch überragender Mozart Interpret Radu Lupu war, ist auf der Box mehrfach zu verifizieren (Klavierquartette, Sonate Nr. 16 in C, KV 545 und Klavierkonzert Nr. 18 in B-Dur, KV 456). Letzteres wurde anlässlich eines Konzerts im Staatstheater Karlsruhe am 14.11.1980 mit dem Sinfonieorchester des Südwestfunks unter der lichten musikalischen Leitung von Kazimier Kord aufgenommen. Ein überirdischer Traum! In diesem Mozart-Himmel hörst‘ die Engel singen. Solch ein feenhaft perlendes, leichtgängig-sprühendes Mozart Spiel kenne ich sonst nur von Clara Haskil.
Fazit: Diese auch klangtechnisch hervorragende Box bringt die künstlerisch dringend nötige Ergänzung der offiziellen Studio-Aufnahmen um hervorragende Live Mitschnitte und Repertoire-Ergänzungen der klassischen Moderne. Für alle Freunde einzigartiger Klavierkultur ein Muss! Was Musik kann, mit Radu Lupu ward‘s zum Ereignis. Die Zeit, die ich mit diesen magischen Aufnahmen verbringen darf, ist mein persönliches Weihnachtsgeschenk an mich selbst.
Garniert ist das Booklet mit zahlreichen Fotos aus dem Decca-Archiv sowie persönlichen Erinnerungen und Eindrücken von Künstlern und Wegbegleitern wie Riccardo Chailly, Nelson Goerner, Daniel Barenboim, Murray Perahia, Sir András Schiff, Sir Stephen Hough, Paavo Järvi oder Zubin Mehta.
Inhalt der Box:
- „Decca Recordings“ – Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierquartette Nr. 1 & 2 (Tel Aviv String Quartet, London 1976), Franz Schubert: Klaviersonaten D. 840 & 850 (Schweiz 1992)
- „BBC Recordings“ – Joseph Haydn: Klaviersonaten H16 Nr. 33 & 50; Andante & Variationen f-Moll (London 1988), Wolfgang Amadeus Mozart: Klaviersonate Nr. 16 (Aldeburgh 1970) / Robert Schumann: Symphonische Etüden op. 13 (London 1991), Frédéric Chopin: Scherzo Nr. 1; Nocturnes Nr. 7 & 8 (Leeds 1970), Béla Bartók: Im Freien (Aldeburgh 1971), Aaron Copland: Klaviersonate (Aldeburgh 1971)
- „Dutch Radio Recordings“ – Robert Schumann: „Faschingsschwank aus Wien“ (Concertgebouw Amsterdam 1983), Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (Concertgebouw Amsterdam 1984)
- „SWR Recordings“ – Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr. 18, Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Kazimierz Kord, Karlsruhe 1980, Robert Schumann: Klaviersonate Nr. 1 (Ludwigsburg 1973), Claude Debussy: D’un cahier d’esquisses (Stuttgart 2002)
Dr. Ingobert Waltenberger

