CD: 48° NORTH The Banxhies Alpha Classics, Alpha1260
Direkt ins Herz des Kaiserreichs

Wer braucht schon den berüchtigten Ruf der keltischen Todesbotin, wenn vier hochbegabte Musikerinnen schlicht mit ihrer Bogenführung und einem feinsinnigen Gespür für historische Zusammenhänge überzeugen können? Das Ensemble The BanXhies macht auf seinem Debütalbum 48° Nord keinerlei Anstalten, schaurige Geschichten zu inszenieren. Der Name ist vielmehr die leicht exzentrische Verpackung für eine kammermusikalische Vermessung von verblüffender Klarheit. Es geht um jenen Ästhetikimport, der das musikalische Europa des achtzehnten Jahrhunderts neu ordnete. Venedig und Wien bildeten die Pole eines Kraftfeldes, in dem Stile, Egos und Karrieren aufeinandertrafen. Und mittendrin stand Antonio Caldara – eine Gestalt von monumentaler Produktivität, die im Schatten des übergroßen Antonio Vivaldi heute oft zu Unrecht als verstaubtes Hofaktenmaterial abgetan wird. Wer dieses Album hört, begreift den Denkfehler mit erstaunlicher Deutlichkeit.
Roxana Rastegar, Yaoré Talibart, Suzanne Wolff und Louise Acabo nähern sich diesem barocken Netzwerk nicht mit trockenem Rekonstruktionseifer, sondern mit einem Klang, der dem Hörer das Harz der Bögen förmlich um die Ohren weht. Der Auftakt mit Caldaras Triosonate in e-Moll op. 1 Nr. 5 trifft mitten ins Mark. Der Klang steht so nah am Ohr, als säße man direkt zwischen den Notenpulten im Arbeitszimmer des Komponisten. Kein künstlicher Hall verwässert die Konturen. Wenn das einführende Grave anhebt, entfaltet sich ein feines Gewebe aus Seufzern und harmonischen Reibungen. Es gibt kein langes Fackeln: Das anschließende Vivace prescht mit einer Artikulationsschärfe voran, die den rein dekorativen Barockzauber genüsslich in kleine Fetzen reißt.
Der Clou dieser Aufnahme liegt in ihrer dramaturgischen Schlauheit. Die vier Musikerinnen verweben die Wege Caldaras mit den Geistern seiner Zeitgenossen und Vorgänger zu einem musikalischen Reisebericht ohne Worte. Wenn Vivaldis e-Moll-Triosonate op. 1 Nr. 2 ertönt, schieben sich warm temperierte Orgelakkorde unter das lyrische Sehnen der Sologeige, bis die Gigue ungestüm nach vorne drängt. Hier wird kein historisches Museum verwaltet – hier brennt die Hütte. Direkt danach wirft Giovanni Legrenzis La Spilimberga eine erdrückende Schwere in den Raum. Die Orgel setzt wie eine schwere Eichentür an, bevor die Streicher ein schmerzhaft schönes Lamento anstimmen. Das gibt der Dramaturgie jenen herben, bittersüßen Beigeschmack, der der venezianischen Schule so eigen war.
Ein Solostück für Cembalo, die mysteriöse Tocata aus dem Manuskript des Ferdinando de’ Medici, bricht das dichte Streichergeflecht für einen kurzen Moment auf. Louise Acabo lässt die Kaskaden so federleicht und perlend klingen, dass man unwillkürlich an die Intimität einer Harfe denkt. Doch lange verweilt das Quartett nie in der Idylle. In Nicola Porporas Sinfonia da Camera in g-Moll weichen die Lichter augenblicklich wieder tiefen Schatten. Porpora, dem der Wiener Hof später die Tür wies, weil seine Musik den Habsburgern schlicht zu überladen erschien, wirkt in dieser Wiedergabe ungemein kantig und modern. Das Spiel von Licht und Schatten gerät zum dramatischen Schlagabtausch.
Spannend wird es, wenn sich das Ensemble Heinrich Ignaz Franz Bibers Mysteriensonaten zuwendet. Das Praeludium aus der Annunciatio-Sonate wiegt wie ein schwerer Granitblock im Raum. Hier spürt man die alpenländische, etwas verschrobene Theatralik, die sich in Wien mit den venezianischen Importen reiben sollte. Doch das eigentliche Herzstück dieser Aufnahme findet sich woanders: Wenn Rastegar und ihre Kolleginnen Georg Muffats Sonate aus dem Armonico Tributo anstimmen, steigt die Musik aus dem tiefsten Klagekeller der d-Moll-Sonate auf. Eine atemberaubend schlichte Melodielinie entfaltet sich – ein Gesang von so intimer Dringlichkeit, als schlage jemand ein altes, vergessenes Tagebuch auf und lese dem Hörer Zeile für Zeile daraus vor. Man vergisst die musikhistorische Konstruktion dahinter, weil hier schlicht die Zeit stillsteht.
Die technische Ausführung des Ensembles verdient abseits jeder historisierenden Besserwisserei schlicht Respekt. Hier gibt es keine Primadonna, die sich vor die Kollegen drängt. Das Wechselspiel zwischen den beiden Geigerinnen Roxana Rastegar und Yaoré Talibart verläuft nahtlos, ohne dass deren individuelle Klangfarben nivelliert würden. Suzanne Wolffs Cello bildet das musikalische Rückgrat mit einer dunklen, holzigen Autorität, die nie breitbeinig wirkt, während Louise Acabo am Cembalo und Emmanuel Arakélian an der Orgel das harmonische Fundament mit traumwandlerischer Gelassenheit abstecken. Selbst ein scheinbar spröder Fux, dessen Trio-Sonate K. 320 im Wechselspiel der Kontraste oft ins Akademische abgleiten kann, gewinnt unter diesen Händen tänzerische Leichtigkeit. Die abschließende Sarabande und Passacaglia entwickeln einen leisen, unaufhaltsamen Sog.
Am Ende schließt sich der Kreis wieder bei Caldara. Seine Triosonate in B-Dur op. 1 Nr. 4 bildet das schlüssige Finale dieses Parcours. In den weit ausgespannten Bögen des einleitenden Grave liegt eine wehmütige Reife, als wolle der Komponist den Hörern der nachfolgenden Jahrhunderte ein letztes Manifest hinterlassen: Vergesst mich nicht. Es ist ein Glücksfall, dass Alpha Classics diesem Debüt eine so kompromisslos direkte, ungekünstelte Tonregie gegönnt hat. Man hört das Holz der Instrumente, das Atmen der Musikerinnen, das Greifen der Finger auf dem Griffbrett. Diese Platte ist keine gefällige Barock-Befieselung für den entspannten Sonntagskaffee. Sie ist eine messerscharf formulierte, hochintelligente Liebeserklärung an eine entscheidende Zeit des Wandels – und ein absolut packendes Plädoyer für den Meister aus Venedig.
Dirk Schauß, im September 2026
48° NORTH
The Banxhies
Alpha Classics, Alpha1260

