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CD „1923 Der wilde Sound der 20er“ mit Werken von ERNST TOCH, KURT WEILL, ERNST KRENEK und BÉLA BARTÓK; Howard Arman, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks; Cristian Măcelaru

16.01.2023 | cd

CD-Serie „100 Jahre Rundfunk“ – der Bayerische Rundfunk mit Chor/Orchester/Solisten-Raritäten aus dem Jahr 1923 von André Caplet, Ernst Toch, Kurt Weill, Ernst Krenek und Béla Bartók; BR-Klassik

„Im Taumel der Zwanziger – Musik in einem Jahr der Extreme“ Tobias Bleek

Das Radio, demokratisches Medium für alle, die Worten oder Musik ohne ablenkende Bebilderung lauschen wollen, ist selbst heute noch für viele das non plus Ultra an Informations- und Unterhaltungsquelle: Die Ursprünge in Deutschland gehen auf den 22. Dezember 1920 in Königs Wusterhausen zurück. Techniker der Reichspost im Senderhaus 1 gingen mit einem selbstgebauten Lichtbogensender um zwei Uhr nachmittags mit „Hallo Hallo, hier Königs Wusterhausen auf Welle 2700“ erstmals auf Sendung. An die 150 Personen sollen dem historischen Ereignis beigewohnt haben. Zur Musikübertragung wurden einfach die Telefonsprechkapsel vor ein Grammofon gehalten. Drei Jahre später, genau am 29. Oktober 1923 ging die allererste Sendung des „Unterhaltungsrundfunks“ vom Berliner Vox-Haus auf Welle 400 in den Äther. Historisch markierte 1923 in Deutschland ein besonders belastendes Jahr mit einer maroden Wirtschaft, staatlichen Schuldenbergen, dem Einmarsch der Franzosen im Rheinland und Hyperinflation. (Beispiel: Kostete 1 Liter Milch am 9. Juni 1923 1440 Mark, so waren es am 2. Dezember 1923 unglaubliche 360 Milliarden Mark!). Mitte der 1920er-Jahre erholte sich die Wirtschaft wieder. Die Sehnsucht nach Trost und Ablenkung mündete in die so genannten glamourösen „Goldenen Zwanziger“.

Zur Feier der Hundert Jahre Rundfunk hat etwa das Museum für Kommunikation Frankfurt die Ausstellung „ON AIR 100 Jahre Radio“ vom 26. November 2021 bis 28. August 2022 gezeigt. Zahlreiche Rundfunkanstalten gedachten und gedenken dieses Jubiläums und der rasanten Entwicklung des Rundfunks zum Massenmedium in unterschiedlichen Programmen. Der Bayerische Rundfunk veröffentlicht nun in einem Programmschwerpunkt zwei CDs mit Musik aus den zwanziger Jahren. Es handelt sich hier speziell um größere Werke für Chor, Orchester und Solisten, die entweder live 2017/2019 mitgeschnitten oder um Aufnahmen, die 2021 im Studio produziert wurden. Auch eine Buchpublikation beim Bärenreiter/Metzler Verlag soll im Frühjahr 2023 zur Vertiefung des Themas beitragen (Tobias Bleek „Im Taumel der Zwanziger – Musik in einem Jahr der Extreme“).

1923

 

CD ANDRÉ CAPLET: „LE MIROIR DE JÉSUS“ – MYSTÈRES DU ROSAIRE – Anke Vondung Mezzo, Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester

Die klanglich irisierend schwebenden, in impressionistischer Entrückung und Verzückung schwelgenden Mysterien des Rosenkranzes für Mezzosopran, Frauenchor, Streicher und Harfe hat der Debussy-Schüler André Caplet 1923 nach fünfzehn Gedichten des französischen Dichters Henri Ghéon geschrieben. In drei Teilen – „Miroir de joie, Miroir de peine und Miroir de gloire“, die mit einer Orchestereinleitung beginnen, werden jeweils fünf Episoden im Leben Jesu Christi aus dem Blickwinkel Marias beleuchtet: Von der Verkündigung, der Geburt, dem Tempel von Jerusalem, den Mysterien des Schmerzes in Geißelung, Dornenkrone, Kreuzweg und Tod bis zur Auferstehung, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Maria Himmelfahrt und Mariä Krönung. Instrumentalstilistisch, aber auch im sprechgesanglichen Duktus der Solistin erinnert das traumverlorene Stück in reduzierter Besetzung stark an Debussys „Pelléas et Mélisande“. Vielleicht ist auch ein Schuss „Pierrot lunaire“ von Schönberg beigemischt, den der Komponist vor Kompositionsbeginn gehört hatte? Zudem haben die Mehrstimmigkeit des Mittelalters, Kirchentonarten und gregorianische Melodien (Anna Vogt im Booklet-Aufsatz „Perlengebete“) ihre Spuren hinterlassen. Caplet selbst, der seine Aufgabe als musikalischer Illustrator der Poesie von Ghéon sah, hat mit dem „Spiegel Jesu“ ein keusch luzides, meditatives, harmonisch Debussy fortschreibendes Werk der Superlative hinterlassen, das unbedingt hörenswert ist.

Anke Vondung, die als Maria zu hören ist, legt mit optimaler Textverständlichkeit alle Intensität ihres farbenvollen, dunkel timbrierten Mezzos in die schwärmerisch transzendenten Worte. Aus „Geißelung“: „Wenn man mir da gesagt hätte, dass die Menschen bald Hand anlegen an so viel Schönheit – und noch vor dem Sommer die perfekte Frucht, die dem Herbst versprochen war, zerstören würden, dann hätte ich fest an meiner Brust verborgen gehalten das Gut Gottes, das all mein Gut ist, und ich hätte seine Qual auf mich genommen. Ist das Gerechtigkeit, dass mein Schmerz von der Geißel, die euch mitten ins Herz trifft, nur ein Echo empfängt, aber keine Wunde?“

Der Chor des Bayerischen Rundfunks und der Münchner Rundfunkchor unter der kundigen Leitung von Howard Arman holen alle religiöse Ekstase aus der seltsam schönen Musik, die flammende Gläubigkeit des Komponisten in friedvoll musiziertes Gotteslob sublimierend. Biografisch sei angemerkt, dass Caplet aus den Schlachten des Ersten Weltkriegs mit gravierenden Lungenschäden zurückkehrte, die er durch Einatmen von Giftgasen erlitten hatte. Dirigieren war danach körperlich nicht mehr möglich. Caplet starb 1925

Dr. Ingobert Waltenberger

1924

CD „1923 Der wilde Sound der 20er“ mit Werken von ERNST TOCH, KURT WEILL, ERNST KRENEK und BÉLA BARTÓK; Howard Arman, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks; Cristian Măcelaru

Vier Komponisten, vier Stücke, die den Zeitgeist des Jahres 1923 reflektieren: Das längste, nämlich die Tanz-Suite für Flöte, Klarinette, Violine, Viola, Kontrabass und Schlagzeug Op. 30, hat der aus Wien stammende jüdische Komponist Ernst Toch geschrieben. Das sechsteilige, halbstündige Ballettwerk (Der rote Wirbeltanz, Der Tanz des Grauens, Fließende Achtel. Idylle, Der Tanz des Schweigens, Groteske und Der Tanz des Erwachsens) wurde am 19. November in Mannheim uraufgeführt. Es handelt sich um ein Auftragswerk für die Tänzerin Frieda Ursula Back, die die Musik selbst choreographierte. Mich faszinieren die Polystilistik, der lautmalerische Einfallsreichtum und der schräge Humor der Musik. Später hat der die technologischen und medialen Fortschritte verfolgende Künstler z.B. mit der „Bunten Suite“ speziell für das Medium Radio geschrieben.

Kurt Weills „Frauentanz“ nach sieben Gedichten des Mittelalters für Sopran, Flöte, Viola, Klarinette, Horn und Fagott, Op. 10, auf dem Album von der Sopranistin Anna-Maria Palii gesungen, entstand im Sommer 1923. Die Präferenz für kammermusikalische Lösungen war künstlerisch und aufführungstechnisch motiviert. Die kurzen Minnelieder, u.a. „Wir haben die winterlange Nacht mit Freuden wohl empfangen“ oder „Ach wär mein Lieb‘ ein Brünnlein kalt“ sind im klangnüchternen Weill-Chanson-Idiom verfasst.

Ernst Krenek ist auf dem Album mit seinen viel zu wenig bekannten, weil satztechnisch und harmonisch innovativen „Drei gemischten Chören a cappella“, Op. 22 auf Gedichte von Matthias Claudius vertreten. Im niederösterreichischen Breitenstein am Semmering in der Villa Alma Mahlers (mit deren Tochter Anna Krenek ein kurzes Jahr verheiratet war) geschrieben, dürfen die drei Chöre mit den Titeln „Der Mensch“, „Tröstung“ und „Die Römer“ als meisterliche Vertonungen gelten, deren musikalisches „Alphabet“ noch viele Kompositionen Jahrzehnte später prägen sollte.

Für das Festkonzert anlässlich des 50. Jahrestags der Vereinigung der Städte Buda und Pest zur Haupt- und Residenzstadt Budapest im Herbst 1923 entstand Béla Bartóks „Tanz-Suite für Orchester“. Das mächtige Orchesterwerk wird vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der temperamentvollen Leitung des rumänischen Dirigenten Cristian Măcelaru im Oktober 2017 in der Philharmonie am Gasteig exemplarisch aufgeführt. Die volksliedartigen Melodien der einzelnen Sätze hat Bartók selbst erdacht. Sie sind vom ungarischen, aber auch rumänischen, slowakischen und nordafrikanischen Kulturraum inspiriert. Bartóks Musik ist alles andere denn nationalistisch, was den damaligen Auftraggeber wenig gefreut haben dürfte, dem Musikfreund heute allerdings aufregende und komplexe Hörerlebnisse beschert. Das Allegro des Finales ist eine Wucht. Für Neugierige!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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