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CALL ME BY YOUR NAME

25.02.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 1. März 2018
CALL ME BY YOUR NAME
USA, Frankreich, Italien / 2017
Drehbuch und Regie: Luca Guadagnino
Mit: Timothée Chalamet, Armie Hammer, Michael Stuhlbarg u.a.

Das ist ein zärtlicher Film. Junge Liebe eines 17jährigen, das muss nicht ein Mädchen treffen, die Gefühle können auch von einem Mann gefesselt werden. Vielleicht hat der italienische Regisseur Luca Guadagnino – bekennender Homosexueller, der mit einem Partner zusammen lebt – das in seiner Jugend selbst so erlebt. Man möchte es fast glauben… wie ein sehnsüchtiger Seufzer nach einer wunderschönen Zeit hört es sich an. Und ist wunderschön auf die Leinwand gebracht. (Man meint auch geradezu zu spüren, dass neben Guadagnino ein Meister wie James Ivory am Drehbuch beteiligt war, das den 2007 erschienenen Roman „Ruf mich bei deinem Namen“ von André Aciman zur Vorlage hat.)

1983, wir sind in Norditalien (irgendwo im weiteren Umfeld von Bergamo – gefilmt wurde in Crema in der Lombardei), aber nicht in der Welt der billigen Touristenorte, sondern im eleganten Ambiente der Privatvillen, die reiche Ausländer sich zu mieten leisten können. Vater Perlman, amerikanisch-jüdischer Professor, die Mutter Annella offenbar französisch-italienischer Herkunft und literaturaffin (besonders mag sie deutsche Literatur, also liest sie solche laut vor), vier Sprachen springen in dem Film locker und selbstverständlich herum. Die Eltern beschäftigen sich mit Archäologie, die Welt ist intellektuell und offen, Sohn Elio (eine ganz große Leistung des jungen Timothée Chalamet, zurecht „Oscar“-nominiert) liest, spielt Klavier (er ist ein souveräner Musiker, beherrscht das bewährte Kunststück, eine Melodie im Stil verschiedener Komponisten zu paraphrasieren), hört Musik, schwimmt, es ist alles sehr angenehm, höchstens ein bisschen langweilig für den jungen Mann.

Dann kommt Oliver als Assistent ins Haus, der Papa sechs Wochen bei seinen griechisch-römischen Altertumsforschungen zur Hand gehen soll. Armie Hammer wirkt nicht so jung, wie er sollte, aber er ist auf angenehme Art „all American“ gut aussehend, was ihn wohl nicht nur für Frauen attraktiv macht. Nach der Ankunft ist er noch müde und mürrisch, zieht in Elios Zimmer ein, der gar nicht begeistert ist, es dem Gast überlassen zu müssen. Aber dann…

Ja, dann unternehmen die beiden jungen Männer etwas gemeinsam, fahren mit dem Rad in den Ort, beim Sport präsentiert man sich in Boxershorts, und Elio und Oliver reden über Mädchen, als wäre das ihr ganz selbstverständliches Interesse. Aber Elio beobachtet Oliver verstohlen, und als er dann vorsichtig seine Gefühle zeigt, lehnt der andere sie zuerst ab – er hat Angst, er ist Gast in dem Haus, er braucht den Sommerjob, er hat zu viel zu verlieren.

Langsam, ganz langsam – der Drehbuchautor / Regisseur lässt sich Zeit, pinselt Atmosphäre und Gefühle, steckt den Zuschauer mit nervöser Erwartung an – kommt es dann doch zum Liebesakt der beiden, nachdem Elio (auch das ist sehr klug beobachtet) davor noch versucht hat, in den Sex mit einem französischen Mädchen zu fliehen. Um dann erst recht zu wissen, dass er Oliver will. Und dieser will ja auch. Und gibt nach.

Und auch das ist wunderbar beobachtet – dass Oliver nach der ersten Liebesnacht Angst hat: „Will you hold what happened last night against me?“ Er ist erpressbar geworden damals, in den achtziger Jahren, ausgelebte Homosexualität ist noch keine Selbstverständlichkeit. Doch dann, als sie sich unter einander zu einander bekennen (jeder soll den anderen mit dem eigenen Namen nennen, damit sie sich nicht verraten, machen sie ab), dann sogar weg von der Villa, nur sie beide gemeinsam, da strahlen sie so vor Seligkeit, dass der Kitsch ganz nahe kommt. Und die Trennung… mein Gott, das geht auf die Tränendrüsen.

Elio findet bei den Eltern jedes Verständnis. Zwischendurch schon hat man erlebt, wie Mr. Perlman (eine wunderbare Studie von Michael Stuhlbarg) auf einer Party angesichts von einschlägig erkennbaren Männern laut feststellte: „Because they are gay they are not ridiculous.“ Und später, wenn alles vorbei ist, wenn Oliver nicht nur in die Staaten zurück geht, weit weg von Elio, sondern seine Normalität (die er im Universitätsalltag vermutlich „beweisen“ muss) noch durch eine Verlobung befestigt – da sagt der Vater zu Elio nicht nur, dass er und seine Frau alles über diese Beziehung gewusst haben. Er meint auch leicht bedauernd, er hätte sich selbst in seiner Jugend etwas so Schönes gewünscht…

Da wird es schon etwas pathetisch. Aber das haben Liebesgeschichten, die traurig enden müssen, so an sich. Und das ist eine besonders schöne.

Renate Wagner

 

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