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BUDAPEST/Ungarische Staatsoper: „THE PYGMALION EFFECT“ . – ein ungewöhnliches Eifman Ballett

11.06.2023 | Ballett/Performance

Budapest, 10.06.2023: „THE PYGMALION EFFECT“ . – ein ungewöhnliches Eifman Ballett

In der Ungarischen Staatsoper hatte vergangenen Samstag mit „A Pygmalion-Hatás“ ein Ballett Premiere, das Boris Eifman 2019 für seine eigene Compagnie kreiert hatte und das nun vom Ungarischen Nationalballett (Ballettdirektor: Tamás Solymosi) aufgeführt wird.

Boris Eifman, väterlicherseits aus Charkiw stammend, wurde 1946 in Sibirien geboren, wohin seine Familie im Krieg flüchten musste. 1953 konnten seine Eltern nach Chisinau übersiedeln, wo er – zunächst gegen den Widerstand der Eltern –  eine Ballettausbildung absolvierte. Als Tänzer in der Oper in Chisinau auftretend, wechselte er bald nach Leningrad, wo er am dortigen Konservatorium Choreografie studierte und 1972 seinen Abschluss machte. Nach einigen Jahren als Ballettmeister und Choreograf an der Waganova-Akademie erhielt er 1977 die Erlaubnis seine eigene Balletttruppe zu gründen; zwölf Jahre später wurde ihm erstmals gestattet, mit seinem Ensemble im Ausland zu gastieren. Zunächst in der Sowjetunion im künstlerischen Schaffen stark unter Druck, erhielt er mit beginnender Perestroika mehr künstlerische Freiheit und schließlich erlangten seine Werke und seine Compagnie internationale Bedeutung.

Aus seinem umfangreichen Œuvre war in Wien „Anna Karenina“ sowie „Giselle Rouge“ im Repertoire; in Budapest stand bereits „Brüder Karamazov“  auf dem Spielplan. Eifmans  Choreografien haben zumeist literarischen Hintergrund oder zumindest historische Personen als Basis der Handlung. In der Beschäftigung mit einem Sujet für eine neue Kreation dringt er bis in die Psyche seiner handelnden Personen vor, ist ihm die Emotion wichtiger Bestandteil seines Schaffens und scheut er sich nicht, auch kontroversielle Themen aufzugreifen. Sind die meisten seiner Werke Tanzdramen mit psychologischem Hintergrund, so geht er mit „Der Pygmalion Effekt“ einen für ihn bislang eher ungewohnten Weg. Angelehnt an die Figur des Pymalion aus der griechischen Mythologie, der sich in seine Skulptur verliebt, die dann von Aphrodite Leben eingehaucht bekommt, fand dieser Stoff auch Umsetzung in George Bernhard Shaw´s Theaterstück sowie im Musical „My Fair Lady“. Nun steuert Eifman seine getanzte Fassung bei.

Vordergründig unterhaltsam, schwenkt die Handlung in der Version von Boris Eifman dann um und es gibt letztlich kein Happy End.  Das zweiaktige Werk erzählt die Geschichte von Gala, einem jungen Mädchen aus tristen Verhältnissen, das versucht, Touristen zu keilen, damit sie von ihrem Vater Holmes in der Kutsche gefahren werden. Als der glamouröse Leon, seines Zeichens Startänzer im Ballroom, von Gangstern überfallen wird, hilft sie ihm. Von ihm fasziniert, folgt sie ihm voller Bewunderung. Als Leon und seine Partnerin Tea allerdings im Tanz-Wettbewerb einen Fehler machen, verlieren die beiden und ein anderes Paar gewinnt. Gala träumt davon, sich auch im Tanzen zu versuchen, bringt aber mit ihrem Erscheinen in der Tanzschule alles durcheinander. Leon wettet daraufhin mit dem Tanzlehrer, dass er aus Gala als seiner neuen Partnerin einen Star machen werde und bringt sie in sein Haus. Holmes, der dem Alkohol und den Frauen gern zuspricht, schläft nach einer wilden Party mit seinen Kumpels ein; im Traum erscheint ihm ein Engel, der ihm vorgibt, den Lastern abzuschwören. Gala wird in Leons Haus einem harten Training unterzogen. Die Hausangestellten angeführt von Haushälterin Greta machen Gala dabei das Leben schwer und ekeln sie hinaus. Während Holmes hin- und hergerissen ist zwischen Enthaltsamkeit und weiter seiner Trunksucht nachzugeben, sucht Leon nach Gala und lockt sie mit der Aussicht auf ihren künftigen Triumph, das harte Vorbereitungsprogramm wieder aufzunehmen. Aber die strengen Trainings-Methoden führen nur dazu, dass sich Gala wie eine mechanische Puppe bewegt, als er sie in der Tanzschule präsentiert. Alle loben Leon für seinen Erfolg, aber  Gala wird ignoriert, nur der Tanzcoach bestätigt Gala ihr Talent. Letztendlich gewinnen Leon und eine souveräne Gala den nächsten Wettbewerb – und damit ist allerdings Leons Interesse an Gala sogleich wieder erloschen. Ihr bleibt der Zuspruch der Kumpels ihres Vaters, nur in ihren Träumen ist sie weiter mit Leon tanzend vereint.

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Das siegesgewohnte Tanzpaar vor der unerwarteten Niederlage: Aliya Tanykpayeva (Tea) und Gergő Ármin Balázsi (Leon); ©Attila Nagy / Hungarian State Opera

 In der Eifman so eigenen plakativen Form wird Gesellschaftskritik angerissen und werden Plattitüden bedient, Seelenzustände werden aufgezeigt und Emotionen sichtbar gemacht. Überraschend das hier verwendete vorwiegend zeitgenössische Bewegungsvokabular mit wenigen klassischen Elementen, das zwar mit einer hohen Dichte an Schritten in seiner Weiterentwicklung sehr dynamisch die Tänzerinnen und Tänzer fordert, nur dass diesmal statt Spitzenschuhen Tanzschuhe mit Absatz Verwendung finden. Zählten die meisten bisherigen Werke Eifmans zu psychologischen Tanzdramen, so bedient er sich hier im Genre der Tragikomödie, ist heiter-beschwingt, manchmal grotesk überzeichnend, um doch auch wieder tiefgründig die menschliche Seele zu durchleuchten. Mit dem Titel „Pygmalion Effect“ wählte Eifman einen Begriff aus der Psychologie, der das Phänomen beschreibt, dass vorab getätigte Einschätzungen das Ergebnis positiv beeinflussen. In der Wandlung der jungen Gala, die durch im Umfeld erzeugte Bestätigung ihr Selbstbewusstsein dermaßen gestärkt sieht, zeigt Eifman, wie sie durch das Erkennen ihres eigenen Potenzials ihre Möglichkeiten entdeckt, die schließlich zum Erfolg führen. Eifman will mit seinem Tanzstück also aufzeigen, dass im Menschen bislang unerwarteten Fähigkeiten geweckt werden können, die zu ungeahnten Zielen inspirieren und zur Erreichung derselben führen.

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Von Leon (Gergő Ármin Balázsi) zum Tanzstar geformt: Gala (Maria Yakovleva); ©Attila Nagy / Hungarian State Opera

Als Musik verwendet er zahlreiche Kompositionen von Johan Strauß Sohn, aber auch von Josef Strauß, Eduard Strauß und Joseph Hellmesberger, die zu einem schwungvollen wie temporeichen Melodienreigen zusammengesetzt sind – um am Ende mit dem 2. Satz Adagio aus dem Klavierkonzert Nr. 23 in A-Dur, KV 488 von Wolfgang Amadeus Mozart den abrupten Bruch zu vollziehen. Alle Musikstücke sind im Programm aufgelistet, das sich über QR-Code abrufen lässt.

Das Bühnensetting von Zinovy Margolin, das mit wenigen Strukturen viel Fläche zum Tanzen bietet, besteht vornehmlich aus einer Metall-Konstruktion an der Bühnenrückseite, die sowohl als Wand im Haus von Leon als auch als Eingangsbereich des Tanzlokals bzw. als Galerie für die Kampfrichter im Ballroom fungiert. Die vielen verschiedenartigen Kostüme designte Olga Shaishmelashvili; für das Light Setting sorgten Alexandr Alexandrovich Sivaev und Boris Eifman.

Maria Yakovleva verkörpert grandios und mit vollem Einsatz das unbedarfte Mädchen Gala, dessen Verwandlung von der sich plump und ungelenk bewegenden jungen Frau zur virtuos-elegant Tanzenden glaubhaft gelingt. Das Eintauchen in die Welt der Schönen und Reichen, die Erkenntnis dort nur geduldet, aber nicht akzeptiert zu sein, spiegelt sich in jedem ihrer komplexen Schrittfolgen und vor allem in ihrer intensiven Mimik sehr sprechend wider. Gergő Ármin Balázsi gibt den schnöseligen und von sich als Tanzstar eingenommenen Leon, der sich darin gefällt, aus Gala eine zu ihm passende Tanzpartnerin zu formen – aber nach seinem Erfolg sie kurzerhand abzuservieren. Fulminant, wie sich die beiden rollenentsprechend im gegenseitigen heftigen  Kräftemessen der unterschiedlichen Lebenswelten nichts schenken.

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Balázs Majoros als trinkfreudiger Holmes inmitten seiner Kumpels; ©Attila Nagy / Hungarian State Opera

 Aliya Tanykpayeva ist als Tea zunächst Leons ebenbürtige Tanzpartnerin, die nach dem gemeinsam verschuldeten Patzer im entscheidenden Finale abserviert wird. Sich eifersüchtig um ihr Image sorgend, will sie mit einem neuen Partner ihr Können unter Beweis stellen um damit  Leon und Gala zu übertrumpfen. Balázs Majoros gibt den trinkfreudigen Vater Holmes, Lea Földi ist die überhebliche Haushälterin Greta, Vlagyiszlav Melnyik ist der ehrgeizige Tanz-Coach, Pavel Ostapenko als Engel die himmlische Erscheinung, die Holmes vom übermäßigen Alkoholkonsum abbringen will. Das Corps de ballet agiert mit Verve und tanzt mit viel Power und trägt damit gemeinsam mit dem Orchester unter der umsichtigen wie flotten Leitung von David Coleman zum Gelingen des Abend bei, der zum heftigen und lang anhaltenden Beifall des begeisterten Publikums führt.

Ira Werbowsky

 

 

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