Budapest/Staatsoper: LA BOHÈME am 7. Januar 2024
Unglaublich: Inszenierung 87 Jahre alt und ausverkauft !

©Attila Nagy / Hungarian State Opera.
Man kann es wirklich kaum glauben. Die „Bohème“ des Regisseurs dieses legendären Werkes von Giacomo Puccini, Kálmán Nádasdy, hatte an der Budapester Staatsoper ihre Premiere am 11. Mai 1937! Das war also vor sage und schreibe 87 Jahren, und an der Abendkasse stand weithin sichtbar ein Schild „Sold out“, was ich dort selbst bei großartigen Wagner-Abenden wie dem neuen Budapester Staatsopern-„Ring“ noch nicht gesehen habe. Mit seinem Bühnenbildner Gusztáv Oláh und dem Kostümdesigner Tivadar Márk schuf Nádasdy eine „Bohème“, die ganz offenbar die Herzen der Zuschauer anspricht, sie auf eine ganz und gar emotionale Weise in den Bann zieht und mitnimmt, etwas, das heute in der Opernregie eher die Ausnahme als die Regel geworden ist und allzu oft auch nicht mehr sein zu dürfen scheint. Man sollte sich wirklich Gedanken machen, warum das so ist und wer dafür verantwortlich zeichnet.
Aber nun zu dieser alle weitgehend begeisternden Inszenierung. Nádasdy folgt ganz klassisch und vollkommen auf die Stückaussage Bezug nehmend den Regieanweisungen Puccinis, was Bühnenbild und Dramaturgie angeht. Im 1. Akt sehen wir also die bekannte ärmliche Mansarde im Dachstock eines alten Hauses in Paris, im zweiten die Häuser um das Café Mormus herum mit einem quirligen Leben in den Straßen ähnlich der Wiener Produktion. Das tief in den Bühnenhintergrund führende tiefblau und verschneite Bild des 3. Akts verlangt dem Publikum auch nach 87 Jahren noch Szenenbeifall ab. Es hat eine unglaublich intensive magische Wirkung, die die große Auseindersetzung von Mimi und Rodolfo in ihrer ultimativen Bedeutung wesentlich unterstützt. Und im Final-Akt sehen wir wieder die Mansarde mit einer berührenden und sehr authentisch wirkenden Personenführung.

©Attila Nagy / Hungarian State Opera.
In dieses schlüssige und in jedem Moment aus sich selbst heraus wirkende Ambiente fügte sich ein ebenso gutes Sängerensemble ein. Szabolcs Brickner war einen sehr guter Rodolfo mit klangschönem Tenor, guten Höhen und einem sehr menschlichen und emotionalen Ausdruck. Polina Pasztzircsák, aus dem MÜPA-„Ring“ als auffallend gute Rheintocher und Freia bekannt, sang eine exzellente Mimì mit schöner Facettierung und einer glutvollen Mittellage. Zita Váradi wirkte als Musetta zwar schon etwas in die Jahre gekommen, war aber stimmlich und darstellerisch auf Augenhöhe mit den Kollegen. Csaba Szegedi war ein Marcello mit einem klangvollen und gut geführten Bariton, dessen Querelen mit Musetta kurzweilige Akzente setzten als Gegenpol zur tragischen Beziehung von Rodolfo und Mimì. Marcell Bakonyi als Colline mit einer schönen Mantelarie und Malik Azat als Schaunard vervollkommneten das gute Quartett. András Hábetler als komödiantischer Benoit, Lászlo Szvétek als Alcindoro und Minh Duc Hoang Long als Parpignol kamen in den Nebenrollen hinzu. Der Chor der Budapester Staatsoper war bei Gábor Csiki und ihr Kinderchor bei Nikolett Hajzer in guten Händen. Beide Ensembles sangen engagiert und prägnant.
Gergely Madaras, einer der jungen Nachwuchsdirigenten der Budapester Staatsoper, leitete das Orchester mit einem guten Gefühl für emotionale Momente sowie die Zwischentöne der Partitur Puccinis und sorgte für stets große Harmonie zwischen Graben und Bühne. Es war eine „Bohème“ aus einem Guss mit viel Herzblut und Emotion gespielt und gesungen.
Klar, „La Bohème“ ist ein klassisches Werk des italienischen Verismo, und so lässt sich ein hohes Maß an Authentizität und Bezug zu den kompositorischen Vorstellungen Puccinis leicht rechtfertigen. Diese Inszenierung ist in Budapest offenbar eine Kult-Produktion, wie es die „Salome“ von Boleslav Balogh an der Wiener Staatsoper war und die „Tosca“ von Margarete Wallmann dort immer noch ist, oder auch die „Jenufa“ am Nationaltheater Prag, dem Národní divadlo, mit über 600 Aufführungen. Warum soll man dem zahlenden Publikum diese offenbar immer noch besonderen und sehr emotionalen Erlebnisse in der Oper vorenthalten?! Denn sie werden geschätzt, wie man an dieser ausverkauften Aufführung mit 87 Jahren sehen konnte. Ein möglicher Weg, diese Kultproduktionen zu erhalten ist, ihnen eine Neuinszenierung zur Seite zu stellen, wie das an der Budapester Staatsoper mit einer zweiten „Bohème“-Produktion geschehen ist. So wäre auch ein Stück Aufführungstradition gewahrt.

©Attila Nagy / Hungarian State Opera.
Diese Option schlug die Regisseurin Jasmin Solfaghari beim ersten Symposium zum „Regietheater“ in Bayreuth im August 2022 vor (Bericht unter Feuilleton in Reflexionen 09/2022) vor. Und KS Waltraud Meier rief gleich zu Beginn ihres Statements beim zweiten Symposium zum „Regietheater in der Oper – ein Irrweg“ im November letzten Jahres in Wien aus: „Für wen machen wir Oper?! Wir machen sie für das Publikum, und das Haus muss voll sein!“ etc. (Bericht unter Feuilleton in Reflexionen 12/2023). Wie ist es also damit, solche vom Publikum aus welchen Gründen auch immer geschätzten Inszenierungen gleichwohl durch neue zu ersetzen, die vermeintlich besser sind, weil sie möglicherweise durch eine neue Lesart oder/und eine Verlegung ins Zeitgenössische mit einer nicht selten einhergehenden Banalisierung der Handlung einem vermeintlich höheren intellektuellen Anspruch genügen. Dieser wird aber nur von wenigen als solcher gesehen, neben den Verantwortlichen der Spielplangestaltung und den hinter ihnen stehenden Kulturpolitikern nicht zuletzt auch dem Feuilleton, das die Besprechung traditioneller Interpretationen mehr scheut als der Teufel das Weihwasser. Und vor seinem Urteil scheuen sich wiederum die Theatermacher und Operndirektoren – ohne genaueren Blick auf das Publikum…
Immerhin sieht man auch Gegenbewegungen: So wurde einst von Dominique Meyer bei Amtsübernahme sofort der „Lohengrin“ von Barry Kosky aus dem Spielplan der Wiener Staatsoper genommen, die „Elektra“ von Harry Kupfer durch den gegenwärtigen Staatsoperndirektor wieder eingesetzt und zuletzt der neue „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen zugunsten einer Neuinszenierung für 2024 aus dem Programm genommen. Vielleicht sind das ja erste Anzeichen eines zumindest bescheidenen Umdenkens der Verantwortlichen weg von der Entfremdung und hin zu einer Rückführung der Kunstform Oper zur einst vom Komponisten beabsichtigten Botschaft an das Publikum bzw. die Gesellschaft, durchaus mit dem Mitteln der heutigen modernen Theatertechnik.
Klaus Billand

