BUDAPEST/MÜPA: PARSIFAL halb-szenisch am 5. Juni 2026
Großartiger halb-szenischer „Parsifal“ im Palace of Arts

Foto-Copyright: Atilla Nagy/Müpa Budapest
Seit mittlerweile 20 Jahren gibt es den Palace of Arts – MÜPA mit der „Béla Bartók“ National Concert Hall. Es ist ein von Architekt Gábor Zoboki, Professor, Lead Architekt, Gewinner des Kossuth- and Ybl Preises, konzipierter futuristischer Neubau im Süden der ungarischen Hauptstadt Budapest, direkt an der Donau gelegen. Imre Kiss, der erste Generaldirektor, wollte mit einer Gruppe intellektueller Ungarn und Ausländer mit der Gründung des MÜPA einen Beitrag zur Heranführung eines jüngeren Publikums an die performing arts leisten und Impulse insbesondere für die klassische Musik setzen. So wurden von Maestro Ádám Fischer vor nun genau 20 Jahren die „Budapest Wagner Days“ ins Leben gerufen. Er kam damals von Bayreuth zurück, wo er eine Zeitlang als Dirigent wirkte, und brachte einige Sänger der damaligen Bayreuther Festspiele mit nach Budapest.
In enger Zusammenarbeit zunächst mit Imre Kiss und dann mit dem derzeitigen Generaldirektor des MÜPA, Csaba Káel, einem ungarischen Film- und Opernregisseur, kreierte Fischer in Zusammenarbeit mit dem Regisseur des gleich zu Beginn in Angriff genommenen „Ring des Nibelungen“, Hartmut Schörghofer, eine besondere Art der Wiedergabe der Musikdramen Wagners: Die halb-szenische Inszenierung, also einen Inszenierungsstil, der in der Mitte zwischen der normalen Inszenierung eines Werkes und seiner rein konzertanten Wiedergabe mit Notenpulten und Abendroben liegt. Das mag auch vorher in ähnlicher Firm schon so aufgeführt worden sein. Da alle Opern aber im Konzertsaal „Béla Bartók“ mit einer phantastischen Akustik stattfanden und weiterhin -finden, hat der MÜPA diese Aufführungsform zu seiner Spezialität erhoben und weiterentwickelt. Er hat sie besonders detailliert ausgestaltet und damit internationales Ansehen im Wagnerfach gewonnen.

Foto-Copyright: Atilla Nagy/Müpa Budapest
Wie Csaba Káel auf einer Pressekonferenz vor der Neuinszenierung des „Parsifal“ am 5. Juni betonte, legt man hier vor allem Wert auf die Musik. Natürlich kommt dann das dramaturgisch-szenische Konzept mit den Sängerdarstellern und nur wenigen, aber zentralen Bühnenbildelementen und Requisiten hinzu, fein auf die Musik abgestimmt. Mit einer entsprechenden Personenregie bewegen sich die Sänger wie in einer normalen Inszenierung – allerdings die Herren oft im Frack und die Damen in Abendrobe. Manche sind aber auch kostümiert, ein Trend, der sich in jüngeren Inszenierungen des MÜPA nach dem „Ring des Nibelungen“ immer mehr durchsetzt, so auch bei diesem neuen „Parsifal“ in der Regie von Birgit Kajtna-Wönig.
Mit diesem akzentuiert halb-szenischen Inszenierungsstil hat man also einen sehr direkten Zugang zum Werk ohne durch – wie in Mitteleuropa sehr oft zu erlebenden – Regietheater-Entfremdungen vom Inhalt des Werkes und der vom Komponisten ursprünglich beabsichtigten Aussage abgelenkt zu werden. Das wird von einem immer größer werdenden Teil des Publikums geschätzt. So war auch bei „Parsifal“ der große „Béla Bártok“-Konzertsaal wieder fast ausverkauft.
Birgit Kajtna-Wönig erzählt die Geschichte des „Parsifal“ mit einer relativ spartanischen Ausstattung mit wenigen profanen Instrumenten-Truhen des Konzertbetriebs und einer entsprechenden spanischen Wand. Immerhin sieht man den Lapis coeli, den schon ganz zu Anfang der „Parsifal“-Dichtung thematisierten „Stein des Himmels“, der hier statt des Kelches – begleitet von einem mystischen Nebel – aus einer Truhe gehoben wird. Ein starker Moment des Abends! Mit einer wirkungsvollen Einbeziehung der langen Parkett-Gänge und der zwei Ränge des großen Saales sowie der Orgel-Empore für den Chor und einige Solisten-Auftritte sowie einer sehr konzentrierten, bestens auf die Charaktere ausgerichteten Personenregie vermag die Regisseurin über den ganzen Abend eine musiktheatralische Spannung zu erzeugen. Vor der Orgel hängt eine große Leinwand auf der durch entsprechende Videos weitere Stimmung erzeugt wird. Es überrascht immer wieder gerade hier im MÜPA, wie wenige Requisiten bei einer intelligenten Personenführung nötig sind, um einen spannenden und emotional intensiven Wagner-Abend zu gestalten!

Foto-Copyright: Atilla Nagy/Müpa Budapest
Dabei waren wie gewohnt im MÜPA wieder Weltklasse-Sänger am Werk. Wolfgang Koch sang einen kraftvollen und emotional berührenden Amfortas. Kurt Rydl ließ mit seinem hohen Alter einen gleichwohl respektvollen Titurel erklingen, der langsam über die Bühne geht und dem verdutzten Parsifal einen Apfel in die Hände drückt – Anspielung auf den Apfel Evas im Paradies, in umgekehrten Sinne?! Tijl Faveyts sing einen sehr prägnanten und klar artikulierenden Gurnemanz. Keine große, keine dunkle und schwere Stimme. Aber nicht nur vokal, sondern auch darstellerisch überzeugte Faveyts in dieser Rolle.
Magnus Vigilius, der auch schon den Siegfried singt und in anderen Wagner-Rollen glänzt, verkörpert den Parsifal mit seinem strahlenden heldisch timbrierten Tenor und einem sehr emphatischen Spiel. Anja Kampe hat als Kundry einen ganz großen Auftritt mit ihrem kraftvollen, dunkel timbrierten Sopran und wie immer mit beeindruckender Darstellung und großartiger Mimik. Sie lotet die Facetten der komplexen Rolle der Höllenrose eindrucksvoll aus. Das ging zweitweise durch Mark und Bein. Jochen Schmeckenbecher, einer der besten Alberich-Sänger, glänzt mit seinem charaktervollen Bassbariton als Klingsor mit dem Speer in der Hand. Die Nebenrollen waren ebenfalls sehr gut besetzt. Die ungarischen Blumenmädchen waren stimmlich erstklassig und interessant choreografiert.

Foto-Copyright: Atilla Nagy/Müpa Budapest
Der Hungarian Radio Symphony Choir unter der Leitung von Máté Szabó Sipos spielte an diesem Premieren-Abend die von ihm gerade im „Parsifal“ erwartet große Rolle, nicht nur mit einer wunderbaren, manchmal mystisch klingenden stimmlichen Leistung, sondern auch dramaturgisch mit der Positionierung auf den Rängen.
Ádám Fischer, der künstlerische Direktor und, de facto, künstlerische Mentor der Wagner Days, dirigierte mit dem Hungarian Radio Symphony Orchestra einen wahrlich meisterhaften „Parsifal“. Das Orchester saß auf der Bühne, die Handlung spielte davor und an den Seiten sowie auf den Rängen. Das Vorspiel wurde mit langsamen Tempi in höchster Vollkommenheit regelrecht zelebriert, gleichwohl mit einer inneren Spannung, wie auch spätere Orchester-Vor- und Zwischenspiele. Es zeigte sich einmal mehr, dass mit Fischer ein Altmeister auch des Wagner-Fachs am Pult saß und ein hervorragendes ungarisches Orchester leitete. Diese Leistung hatte Bayreuth-Niveau, mit dem Unterschied, dass man im MÜPA Stereo hört und Bayreuth den berühmten Mono-Mischklang und dabei das legendäre Bayreuther Festspielhaus um sich hat.
Ein großer Abend im Palast der Künste mit lang anhaltendem begeisterten Applaus des Publikums! Am 30. Juni gibt es noch eine Aufführung.
Klaus Billand

