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BUDAPEST: MANON – Ballettpremiere. „Packende Emotionalität“

02.03.2015 | Ballett/Tanz

Budapest / Ungarische Nationaloper : MANON (Ballettpremiere), 28.2.2015packende Emotionalität

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In Liebe vereint: Aliya Tanykpayeva (Manon) und Dmitry Timofeev (Des Grieux). Foto: Attila Nagy

 Knapp 40 Jahre nach der Uraufführung in London 1974 wird dieses Ballett von Sir Kenneth MacMillan erstmals in Budapest aufgeführt (Einstudierung: Maina Gielgud). Insgesamt gibt es vier Besetzungen – aus Wiener Sicht ist sicherlich neben den Tänzern der Premiere vor allem Shoko Nakamura als Manon besonders interessant.

Bekanntermaßen basiert die Handlung auf einer Geschichte von Abbé Prévost aus dem 18. Jahrhundert, als Oper existierend zu Musik von Massenet und Puccini. Macmillan verwendet für sein Ballett zwar Kompositionen von Jules Massenet, aber keine Stücke aus der Oper. Dennoch passt die Auswahl (orchestriert und arrangiert von Martin Yates) perfekt zum dramatischen Bühnengeschehen, beides bildet miteinander ein harmonisches Ganzes. Wie so oft bei MacMillan stehen die Pas de deux im Mittelpunkt – sie bestehen aus feinen, exquisiten Kombinationen aber auch aus komplizierten Hebefiguren und Verschlingungen, die die jeweiligem Gefühle noch körperlich unterstreichen – was vor allem die Leidenschaftlichkeit der Liebe oder die abgrundtiefe ausweglose Verzweiflung betrifft. Der Körper als Instrument, der Ausdruck als „Stimme“ der Protagonisten. Die beiden Hauptpaare leisten hier auch wirklich außerordentliches und zeichnen alle samt ein tänzerisch herausragendes, sehr menschliches und berührendes Profil ihrer darzustellenden Charaktere.

 Alyia Tanykpayeva verkörpert die titelgebende Protagonistin in vollkommener Unschuld, bezaubernder Anmut und alles verausgabender Hingabe. Bereits in Wien als Manon zu sehen gewesen, gelingt ihr der Wandel von der naiven Unschuld zum Männer verführenden Luxusgeschöpf sehr glaubwürdig in allen dargestellten Schattierungen. Vor allem im Finale berührt sie zutiefst: ausgemergelt, erschöpft fällt sie dem brutalen Aufseher in die Hände, ihr Hinscheiden auf der Flucht in den Sümpfen ist wie das verlöschen einer zarten Kerzenflamme. Sie verkörpert die Manon mit allen Fasern ihres fragilen Körpers; noch beim Schlussapplaus sieht man ihr diese Aufgewühltheit an und erst nach Sekunden hat sie sich wieder gefasst, so intensiv war ihr Erleben dieser Szenen. Großartig auch Dmitry Timofeev als Des Grieux. Ein eleganter junger Tänzer, schwärmerisch, emotional, innig, hingebungsvoll, tänzerisch edel anzusehen. Er opfert sich für diese Liebe auf – wird sogar zum Verbrecher – als Falschspieler entlarvt, deportiert  in die ferne französische Kolonie, ermordet er dort den gewalttätigen Aufseher um seine Manon zu schützen, bevor ihm das geliebte Wesen entgleitet, als ihr Leben gleichsam in seinen Händen verlöscht.

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Lescaut und seine Geliebte: Balázs Majoros und Kristina Starostina. Copyright: Attila Nagy

 Neben den beiden Ersten Solisten, die hier zum Einsatz kamen, gibt Ballettchef Tamas Solymosi auch jungen Talenten eine Chance. So ist Balázs Majoros als Lescaut Halbsolist und Kristina Starostina als Lescauts Geliebte ein Ensemblemitglied. Während er mit viel Charme und einer gewissen verwegenen Schlitzohrigkeit als kleiner Gauner seinen finanziellen Vorteil sucht, indem er auch nicht davor zurückschreckt, seine eigene Schwester Manon für Geld zu verkuppeln, besticht er auch technisch und überzeugt in der Bordellszene mit gespielter Trunkenheit; sie hingegen kann mit einer gekonnten Mischung aus Verruchtheit und Natürlichkeit punkten. Neben diesem großartigen Quartett der Hauptpersonen behauptet sich György Szirb als Monsieur G.M. entsprechend dem Motto, wer zahlt, bestimmt. Geld bestimmt sein Tun – damit kann er sich Manon erkaufen bzw. nach Des Grieuxs aufgeflogenem Falschspiel erschießt er kaltblütig Lescaut, als dieser sich schützend vor seine Schwerster stellt. Passend zur Handlung fügen sich Marianna Venekei (Madame) und Jozséf Cserta (Aufseher) ein. Das Corps de ballet agiert mit viel Engagement und koloriert damit das Geschehen entsprechend. Das ausgezeichnet spielende Orchester unter Gergely Kesselyák stellt den nötigen Rahmen für diese sehr gelungene Premiere auf. Einzig die originale Ausstattung (Bühnenbild/Kostüme: Nicholas Georgiadis) ist bereits etwas in die Jahre gekommen, aber sie gibt dennoch in den aufwändigen Kostümen ein gutes Sittenbild der Epoche; das eher zurückhaltend die jeweiligen Örtlichkeiten skizzierende Bühnenbild ist praktikabel und lässt genug Raum für den Tanz. 

 Das Publikum zeigte sich sehr begeistert und applaudierte heftig und minutenlang: es gab sogar Blumen und Stofftiere für die Hauptdarsteller.

Ira Werbowsky

 

 

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