Budapest / Hungarian State Opera: 25.4.2026: „SWANLAKE“. – bejubelte Wiederaufnahme eines berühmten Ballettklassikers
Nach einer kurzen Pause von zwei Jahren kehrt der beliebte Ballettklassiker „Schwanensee“ – im ungarischen „A Hattyúk Tava“ genannt – mit einer glanzvollen Wiederaufnahme zurück auf die Bühne der Ungarischen Staatsoper. War diesem Ballett zur Komposition von Pjotr I. Tschaikovskys damals bei der Welturaufführung in Moskau kein Erfolg beschieden, so feiert die Geschichte um die in einen Schwan verzauberte Prinzessin seit der St. Petersburger Fassung von Marius Petipa und Lew Ivanov von 1877 weltweit Triumphe. Während in Wien die Version von Rudolf Nurejew gezeigt wird, die er für das Wiener Staatsballett 1964 kreiert hat, tanzt das ungarische Nationalballett in Budapest die Choreografie von Rudi van Dantzig, die er gemeinsam mit Toer van Schayk 1988 für das Niederländische Nationalballett geschaffen hat. Rudi van Dantzig erachtete den psychologischen Fokus als wesentlich an und stellt die Emotionen der Hauptpersonen ins Zentrum. Um dies entsprechend hervorzuheben, setzt er zugleich spezifische Akzente sowohl in der Handlung als auch in der Choreografie. So gibt es im 1. Akt ein Überraschungsfest zu Siegfrieds 18. Geburtstag, das sein Freund Alexander unter Einbeziehung der Dorfleute organisiert und im 3. Akt ist nicht nur das Divertissement der internationalen Gäste ausführlicher und umfassender, es tritt Odile zunächst auch mit sechs maskierten Galanen auf. Siegfried lässt sich von der schönen Odile umgarnen und erkennt zu spät den folgenschweren Irrtum der Verwechslung. Im 4. Akt verzeiht Odette zwar ihrem Siegfried, er ertrinkt dennoch in den Fluten des Schwanensees. Seine Leiche wird von Alexander, dem Freund des Prinzen, geborgen, der ihn gesucht hat.
Das prachtvolle üppige Bühnenbild mit den farbenfrohen Kostümen stammt ebenfalls von Toer van Schayk. Er lässt die Szenerie im 17. Jahrhundert spielen und erinnert in seinem niederländischen-flämischen Stil an Gemälde von Rembrandt oder Vermeer.
In dieser Wiederaufnahme der aktuellen Aufführungsserie verkörpert Maria Yakovleva, Étoile im ungarischen Nationalballett, die Doppelrolle der Odette/Odile. Diese Doppelrolle gilt tänzerisch wie darstellerisch als große Herausforderung für jede Tänzerin, da zwei sehr unterschiedliche charakterliche Facetten zu zeigen sind. Souverän und hoch emotional zeichnet Maria Yakovleva diese beiden Figuren: Zerbrechlich und verinnerlicht ist sie die unglückliche verzauberte Schwanenprinzessin Odette, als temperamentvolle Odile explodiert sie dann förmlich in einem tänzerischen furiosen Feuerwerk. Fabelhaft, wie sie die beiden so gegensätzlichen Charaktere so überzeugend mit Leben füllt und dabei mit technischer Bravur glänzt.
Verführerisch als schwarzer Schwan: Maria Yakovleva mit Louis Scrivener als Prinz Siegfried (© Hungarian State Opera / Valter Berecz)
Louis Scrivener ist als Male Principal ein eleganter Tänzer, der als edler Prinz Siegfried reüssiert: verträumt, sinnend, melancholisch gibt er sich an seinem Geburtstagsfest. Groß ist seine Bestürzung, als er dem Wunsch seiner Mutter, sich zu vermählen, entsprechen soll – wird er dadurch doch für ihn unerwartet und damit brüsk mit dem Erwachsenwerden und seinen Pflichten als Prinz konfrontiert. Diese Gefühlsschwankungen vermittelt er glaubhaft, ebenso sein Liebesgeständnis beim Zusammentreffen mit der verzauberten Odette, die für ihn das Idealbild einer Frau darstellt. Als er dann dem durch Odile vorgegaukeltem Trugbild erliegt, ist er schlussendlich nach der Erkenntnis seines fatalen Fehlers von tiefer Reue erfüllt.

Dämonisch: Mikalai Radziush als Zauberer Rothbart (© Hungarian State Opera / Valter Berecz)
Stets an der Seite des Prinzen ist Alberto Ortega de Pablos als dessen treu ergebener Freund Alexander. Mikalai Radziush gibt den dämonischen wie unheilvollen Zauberer Rothbart. Das exakt tanzende Schwanenmädchen-Ensemble wird von Anastasiia Konstantinova und Adrienn Horányi als große Schwäne und angeführt, präzise tanzen Adrienn Pap, Jingxuan Li, Olga Chernakova und Nadezhda Sorokina die vier kleinen Schwäne. Das Corps de ballet begeistert sowohl im 1.Akt beim fröhlichen Tanz auf dem Geburtstagsfest im Schlossgarten als auch im großen Divertissement im 3.Akt als Gäste auf dem Ball im Schloss. Hier sticht Motomi Kiyota im Pas de six hervor – der sprunggewaltige Tänzer wird im Anschluss an die Vorstellung auf offener Bühne von Ballettdirektor Tamás Solymosi zum Étoile für die Saison 2026/27 ernannt.
Marcell Dénes-Worowski dirigiert mit viel Umsicht und Feingefühl das Orchester der ungarischen Staatsoper. Der junge Dirigent hat sein Dirigier-Studium an der Universität für Musik in Wien summa cum laude abgeschlossen. Er absolvierte auch eine Ausbildung als Kontrabassist in Wien sowie als Musikpädagoge an der Liszt-Musikakademie. Durch seine Tätigkeit als Musiker, Dirigent und Pädagoge ist er vielfach international gefragt. Sein Debut als Ballettdirigent in Budapest gab er in der Spielzeit 2024/25 mit „Der Widerspenstigen Zähmung“. Nach zahlreichen „Nussknacker“-Vorstellungen, die er zuletzt an der Budapester Staatsoper gleitet hat, war er jetzt in der Wiederaufnahme von „Schwanensee“ erstmals in diesem Ballett im Einsatz.
Motomi Kiyota – von Ballettdirektor Tamás Solymosi zum Étoile für die Spielzeit 2026/27 ernannt (© Hungarian State Opera / Valter Berecz)
Das Publikum – mittendrin Hollywoodstar Chris Pine – in der ausverkauften Ungarischen Staatsoper war von der Vorstellung begeistert und spendete viel und lang anhaltenden Applaus.
Ira Werbowsky

