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BUDAPEST/ Erkel-Theater – „LAURENCIA“ von Michael Messerer – basierend auf der Originalchoreografie von Vakhtang Chabukiani

09.03.2020 | Ballett/Tanz


Ievgen Lagunov (Mengo) inmitten der Mädchenschar; rechts außen Elizaveta Cheprasova (Pascuala). Photographer: Edina Ligeti.

BUDAPEST/ Erkel-Theater – „LAURENCIA“ von Michael Messerer – basierend auf der Originalchoreografie von Vakhtang Chabukiani am 7.3.2020

Die neue abendfüllende Produktion des Ungarischen Nationalballetts bringt ein selten gespieltes Ballett auf die Bühne des Erkel Theaters: „Laurencia“ in der Choreografie von Michael Messerer, basierend auf der Originalchoreografie von Vakhtang Chabukiani, der bei der Uraufführung 1939 im Kirov Theater in Leningrad auch die männliche Hauptrolle getanzt hat mit Natalia Dudinskaja als Partnerin; bei der Erstaufführung 1956 im Bolshoi Theater in Moskau tanzte er mit Maya Plissetskaja.

Vakhtang Chabukiani war einer der ersten, der die Bedeutung des männlichen Tänzers stärkte und in seinen Stücken folkloristische Elemente mit klassischem Tanz verband. Das zweiaktige Werk gilt als „Choreodrama“, das in seiner Entstehungszeit als einzig gültige Form eines zeitgenössischen Balletts angesehen wurde, weil der Tanz (und nicht wie meist nur die Pantomime) als dramatisches Ausdrucksmittel diente um das Thema der Auflehnung des Volkes gegen den Tyrannen darzustellen.

Basierend auf Lope de Vegas Drama Fuente Ovejuna, wo sich das Dorfvolk gegen die Übergriffe der adligen Obrigkeit wehrt und um seine Freiheit kämpft, findet sich dieses Motiv auch in der Handlung: Im spanischen Dorf Fuente Ovejuna bereiten die Bewohner ein Fest für den Commander vor. Frondoso macht der schönen Laurencia den Hof, sie flirtet zwar mit ihm, lässt ihn aber ein wenig zappeln. Ihre Freundin Pascuala fordert den Geigenspieler Mengo auf, für die Mädchen zum Tanz aufzuspielen. Als der Commander erscheint, huldigt ihm das Volk, doch er hat nur Augen für Laurencia, sie weist ihn aber zurück. Verärgert befiehlt er daraufhin seinen Wachen Laurencia zu ihm aufs Schloss zu bringen. Während alle Dorfbewohner flüchten, bleibt Pascuala bei der Freundin – doch auch den beiden Mädchen gelingt letztlich die Flucht. Am Fluss gesteht Frondoso Laurencia seine Liebe, doch sie ziert sich immer noch. Als das Jagdhorn ertönt und der Commander mit seinen Männern vor ihnen steht und erneut Laurencia ergreifen will, verteidigt sie Frondoso und die beiden Liebenden fliehen – der Commander bleibt verärgert zurück. Die Dorfmädchen waschen indes ihre Wäsche am Fluss; wieder ist Mengo unter ihnen. So in die Arbeit vertieft, bemerken sie zu spät, dass erneut die Häscher des Commanders in der Nähe sind – sie jagen Jacinta. Den Mädchen gelingt die Flucht. Mengo, der Jacinta verteidigen will, wird von den Häschern brutal zusammengeschlagen. Jacinta fleht den Commander um Schutz an, doch er überlässt sie seinen Soldaten. Laurencia, beeindruckt von Frondosos mutiger Tat, sie vor dem Commander zu verteidigen, ist nun überzeugt von Frondosos Liebe zu ihr und willigt ein ihn zu heiraten. Mitten in das Hochzeitsfest platzt der wütende Commander und lässt Frondoso ins Verlies werfen und Laurencia auf sein Schloss bringen. Das Volk ist entsetzt und bestürzt und überlegt, was zu tun sei. Da kommt Laurencia aus dem Schloss zurück, erneut ist ihr die Flucht gelungen und sie führt die Ihren an um das Schloss zu stürmen. Bewaffnet mit Mistgabeln, Äxten und Stöcken dringen sie ein, retten Frondoso aus dem Verlies. Der Commmander versucht zu entkommen, aber die Bauern ergreifen und töten ihn. Das Volk hat gesiegt, die Liebenden sinken einander in die Arme. 


Iurii Kekalo (Commander) unterbricht das Hochzeitsfest und lässt Balázs Majoros (Frondoso) verhaften, um Diana Kosyreva (Laurencia) für sich zu haben. Photographer: Edina Ligeti.

 Ehre, Freiheit und Liebe sind also die Ingredienzien dieser dramatischen Geschichte, zu der Alexander Krein eine sehr ins Ohr gehende Musik geschrieben hat, die durch schwungvolle spanische Rhythmen für viel Tempo und Leidenschaft sorgt. Für diese aktuelle Produktion wurden die originalen Entwürfe von Vadin Ryndin umgesetzt: Das opulente Bühnenbild stammt von István Rózsa; die farbenprächtigen Kostüme von Nóra Rományi. Gut gelungen sind auch die Videoeinspielungen als Bindeglied zwischen den Szenen; so wird der Sturm der Bevölkerung auf das Schloss wie in einem kolorierten Stummfilm zur Zwischenakt-Musik gebracht, was dem Ballett einen monumentalen Aspekt verleiht. 

 Nach der Premiere am Freitagabend mit Tatiana Melnik in der Titelrolle und der Matinee-Vorstellung am Samstag mit Aliya Tanikpaeva war dann in der Abendaufführung bereits die dritte Besetzungsvariante zu sehen. Diana Kosyreva debütierte als Laurencia. Mit viel Esprit und Ausdrucksstärke überzeugt sie nicht nur im Liebesspiel sondern auch mit der mutigen Entschlossenheit sich als Anführerin ihrer Dorfbevölkerung in den Kampf gegen die willkürlich agierende Obrigkeit zu werfen. Ebenfalls große Bühnenpräsenz zeigt Elizaveta Cheprasova als Pascuala (Debut). Als dritte starke Frauenfigur in diesem Ballett gefällt Minjung Kim bei ihrem sehr dramatischen kurzen Erstauftritt als gepeinigte Jacinta. Alle drei Tänzerinnen verfügen über sehr gute Technik in der fordernden Kombination von spanischer Folklore und klassischem Ballett.  Ein wenig enttäuschend Balázs Majoros bei seinem Debut als Frondoso. Der Kammertänzer zeigt zwar intensiven Ausdruck, seine Sprünge hätten aber doch spektakulärer ausfallen können. Ebenfalls debütierend: Ievgen Lagunov, der als tapferer Kämpfer wie Geige spielender Musikant Mengo gut gefällt. Virile kraftvolle Dominanz strahlte Iurii Kekalo in seiner Schreitrolle als böser Commander aus. Ein großes Lob gebührt auch dem einsatzfreudigen  Corps de ballet, das mit viel Bewegung und flottem Tanz die Handlung fein unterstreicht.


Das Volk hat gesiegt. Photographer: Edina Ligeti.

Mit seiner Stabführung sorgte Pavel Sorokin mit dem Orchester für eine leidenschaftliche Umsetzung der Komposition – der namhafte Gastdirigent kann auf einen persönlichen Bezug zum Ballett verweisen, ist doch seine Mutter Tamara Sorokina Sängerin und sein Vater  Shamil Yagudin Tänzer. Als geschätzter Ballettdirigent hat er sowohl am Bolshoi Theater als auch an vielen anderen Bühnen bereits zahlreiche Ballettaufführungen aber auch Opernabende geleitet.

Das Publikum war sehr angetan vom Gesehenen und spendete viel lang anhaltenden Applaus.

Ira Werbowsky

 

 

 

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