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BUDAPEST/ Erkel-Theater: A TENOR von Ernő Dohnányi

26.05.2017 | Oper

Budapest Erkel Theater Ernő Dohnányi A Tenor – 25.5.2017 (Premiere am 14.9.2014)

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Fotos:  Szilvia Csibi, Péter Herman, Péter Rakossy.

Der ungarische Pianist und Komponist Ernő Dohnányi, in deutscher Transkription Ernst von Dohnányi (1877 – 1960), stellt in musikalischer Hinsicht den konservativsten Repräsentanten der Trias Bartók – Kodály – Dohányi dar. Er schrieb 4 Bühnenwerke, davon drei Opern. 2002 gelangte seine dreiaktige Oper „A vajda tornya“ (Der Turm des Woiwoden) zu einer bemerkenswerten Aufführungsserie am Erkel-Theater in Budapest. Nun hat sich die ungarische Staatsoper seiner komischen Oper „Der Tenor“, op. 34, die auf die Komödie „Bürger Schippel“ des deutschen sozialkritischen expressionistischen Dramatikers Carl Sternheim (1878-1942) zurückgeht, besonnen. Sie selbst stellt den sechsten Teil von Sternheims im Zeitraum von 1908 bis 1923 entstandenen Komödien-Zyklus „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“, mit denen der Autor die Moralvorstellungen des Bürgertums der Wilhelminischen Zeit angriff, dar. Das Libretto zu der dreiaktigen Oper, die im Zeitraum von 1920-27 entstanden war, stammt von Ernő Góth und wurde von Zsolt Harsányi ins Ungarische übersetzt. Die Uraufführung fand am 9. Februar 1929 in Budapest statt.

Kurz zum Inhalt: Schippel, ein Bierkneipenmusikant und „dreckiger Prolet“ schafft den gesellschaftlichen Aufstieg ins Bürgertum, weil er als Einziger den verstorebenen Tenor im Sängerquartett des reichen Goldschmieds (Tilmann) Hicketier, des herzoglichen Schreibers Krey und des Druckereibesitzers Wolke ersetzen kann. Nachdem er Thekla, die Tochter des Goldschmieds, durch ein Duell zur Frau gewinnt, hat er die vollständige bürgerliche Ebenbürtigkeit erlangt.

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Fotos:  Szilvia Csibi, Péter Herman, Péter Rakossy.

Musikalisch interessant sind die zahlreichen Zitate aus anderen Opern, die Dohnányi wie beiläufig in seinen „Tenor“ einstreut. Um nur wenige hier zu nennen: Tristan 2. Akt, Parsifal 2. Akt, die Meistersinger von Nürnberg, Bajazzo, Falstaff Schlussfuge, der Freischütz. Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Diese Technik mag als Verbeugung des Komponisten vor den großen Meistern des 19., aber auch des 20. Jhd. stehen, denn ebenso finden sich Zitate, die an Richard Strauss „Arabella“ und „Ariadne auf Naxos“ erinnern. Man könnte also meinen, dass Dohnányi bewusst mit bereits vorhandenem Material experimentiert, dieses adaptiert und für die Zwecke seiner Oper weiter entwickelt. Dennoch bleibt er dabei der Musik der Spätromantik hörbar verhaftet, erweitert jedoch die musikalische Sprache seiner Vorbilder sowohl in der Harmonik als auch in der Instrumentation. Interessant ist dabei aber, dass Dohnanyi auf jegliche ungarische Folklore verzichtet. Diese wäre wohl auch in einer Oper, die in Deutschland im wilhelminischen Zeitalter spielt, nicht opportun gewesen.

In der Titelrolle als der „Einspringer-Tenor“ Schippel brillierte Attila Fekete, der als Rüpel in die scheinbar so noble bürgerliche Gesellschaft eindringt und schließlich von ihr auch akzeptiert wird. Die übrigen Sängerdarsteller singen ambitioniert und agieren mit sichtlich großem Spaß in ihren klischeebehafteten, „spieß“-bürgerlichen Rollen. Bariton Lajos Geiger als Herzog darf nach seinem explosiven Auftritt schon einmal Thekla sanft bis auf einen popfarbenen Body enthüllen. Die tut es ihm freilich gleich und entkleidet den Muskelprotz. Die zum Vorschein kommenden Sockenhalter bei den Männern, die in den Striptease-Reigen einbezogen werden, verweisen auf die Entstehungszeit der Komödie (Kostüme: Krisztina Lisztopád). Köstlich der reiche Hicketier von Bass László Szvétek, witzig der unterwürfige Schreiber Krey von Tenor János Szerekován, behäbig der Druckereibesitzer Wolke von dem weiteren Bass András Kiss sowie die beiden Damen Mezzosopran Máris Farkasréti und Sopran Adrienn Miksch als Gattin Jenny und Tochter Thekla des reichen Hicketier. Die beiden kurzen Rollen der Bürgel Müller und Schultze am Ende der Oper erfüllten noch Tenor Gábor Csiki und Bass Zsolt Molnár mit Leben.

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Fotos:  Szilvia Csibi, Péter Herman, Péter Rakossy.

Anna Bujdosó, Eszter Lázár, Cintia Sebők, Brigitta Tóth, Gergő Bukta, Norbert Gáll, Andor Rusu und Martin Schell führten anmutige Bewegungen nach der Choreographie von Noémi Kulcsár vor und erinnerten dabei an die Blumenmädchen, bereichert um Blumenknaben, im Parsifal. Balasz Kocsár am Pult des Orchesters der Ungarischen Staatsoper sorgte für eine beschwingte Umsetzung der funkelnden Partitur, wobei auch ein Klavier im Orchestergraben häufig zum Einsatz kam. András Almási-Toth setzte die Komödie in einem fairy tale like Bühnenbild von István Rózsa brisant und ohne Leerlauf um. Ein Gag jagte den anderen und das Ensemble sowie das Ballett hatten sichtlich Spaß daran, sich einmal so richtig auf der Bühne scheinbar gehen lassen zu können. Aber der Schein trügt natürlich. Das alles war perfekt einstudiert,  auch in der Wiederaufnahme. Und das Publikum bedanke alle Mitwirkenden mit reichlichem Applaus für ihre gelungenen Darbietungen.  

Harald Lacina

 

 

 

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