BRUXELLES/THEATRE DE LA MONNAIE: RIVOLUZIONE E NOSTALGIA nach Giuseppe Verdi
am 22.3.und 23.3.2024 (Premieren)

Copyright: Karl Forster
Peter de Caluve, der derzeitige Intendant des berühmten Théâtre de la Monnaie, hat eine gewisse Vorliebe für speziell ambitionierte Opernprojekte, wie man sie in dieser Form an anderen Häusern garantiert nicht findet.
Letztes Jahr gab es z.B. „BASTARDA“, eine auf zwei Abende ausgelegte Collage über die „jungfräuliche“ Queen Elisabeth I. (die von ihren Feinden als Bastardin verunglimpft wurde) mit den musikalischen Highlights aus Gaetano Donizettis Tudor-Tetralogie (Anna Bolena, Maria Stuarda, Roberto Devereux and Elisabetta al Castello di Kenilworth). Das gewagte Unternehmen geriet zum triumphalen Erfolg, so dass sich de Caluve heuer an ein ähnlich gelagertes Folgeprojekt wagte. Dieses – RIVOLUZIONE E NOSTALGIA genannt – erlebte jetzt in Brüssel seine Doppelpremiere.
Den Ausgangspunkt bildeten diesmal die sechzehn frühen Opern von Maestro Giuseppe Verdi, und zwar: Oberto conte di San Bonifacio, Un Giorno di regno, Nabucco, I Lombardi alla prima crociata, Ernani, I due Foscari, Giovanna d’Arco, Alzira, Attila, Macbeth, I masnadieri, Jérusalem, Il corsaro, La battaglia di Legnano, Luisa Miller und Stiffelio.
Die zugrundeliegende Idee ist natürlich mehr als berechtigt, denn in diesen Jugendwerken gibt es natürlich viel gute und inspirierte Musik. Allerdings leider – so wie später in den Musicals von Loyd Webber – nur ein bis zwei wirklich gelungene Songs pro Oper. Und durch den sie einhüllenden musikalischen Schutt gestaltet sich die Rehabiltierung von Verdis „Jugendsünden“ in ihrer Gesamtheit beim besten Willen immer wieder problematisch.

Die Freiheit führt das Volk. Copyright: Karl Forster
Insofern ist es nicht nur naheliegend, sondern auch sehr verdienstvoll, die „Perlen“ aus diesen 16 insgesamt nicht zu rettenden Komponierversuchen für ein breiteres Publikum bewahren zu wollen, indem man sie zu einer musikalischen Perlenkette, zu einem Pasticcio, zu einer „Greatest Hits“-Kompilation, zu einer „Jukebox“- Oper zusammenführt.
Und Carlo Goldstein, der in Wien (Wiener Festwochen, Volksoper, Staatsoper) bestens bekannte und geschätzte Triestiner Dirigent hat als musikalischer Leiter hier auch ganze Arbeit geleistet – ohne auch nur eine Note von Verdis Schöpfungen zu ändern.
Das Problem an diesen zwei (musikalisch nicht nur hochstehenden, sondern eigentlich tadellosen) Abenden ist Krystian Lada. Er zeichnet für das neue Libretto, die Regie, das Bühnenbild und die (wieder einmal nervenden und überflüssigen) Videos verantwortlich. Lada hatte die nicht besonders geniale Idee, über Goldsteins musikalisches Verdi-Konzentrat eine Story der 68er Generation, ihrer Wünsche, Hoffnungen und Enttäuschungen zu stülpen. Na gut,von mir aus…
Aber das muss man halt alles auch gestalten können. Lada kann’s nicht.
Die siebenstündige „Handlung“ ist genauso klischeehaft und „bochen“ wie allein schon der Titel „Rivoluzione e Nostalgia“ beweist. Und gegen Ladas platten und banalen Ein-Satz-„Dialogen“ ist mittlerweile schon jeder „Tatort“ ein Schillerscher Geniestreich…
Schade. Aber Schwamm drüber. Augen und Hirn zu, aber Ohren weit auf.

Auf den Barrikaden.
Denn sowohl die jungen Revolutionäre (Enea Scala, Vittorio Prato, Justin Hopkins, Nino Machaidze etc.) als auch die älter,fetter und reicher gewordenen Ex-Revolutionäre (Scott Hendricks, Giovanni Parodi, Dennis Rudge und die herzerfrischende Ulknudel Helena Dix – die zumindest ein ganz klein wenig Humor in diese ansonsten dröge und total humorbefreite Angelegenheit bringt) singen wirklich ganz hervorragend.
Den Vogel schoss aber die uns allen bisher unbekannte Gabriela Legun ab. Selten fühlt man sich von Gesang soo sehr in den Olymp erhoben wie von ihr. Leider hatte sie nur ganz ganz wenig zu singen…
Lieber Peter de Caluve, wenn Sie vor ihrem Abschied von La Monnaie weitere solche ehrgeizigen Projekte verwirklichen wollen, an dieser Stelle zwei Bitten: 1.sparen Sie nicht bei Libretto, Bühnenbild und Regie und 2. geben Sie bitte Gabriela Legun die Hauptrolle !
Robert Quitta, Brüssel

