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BRÜSSEL: PENTHESILEA von Pascal Dusapin

15.04.2015 | Oper

Welturaufführung in Brüssel: „Penthesilea“ von Pascal Dusapin (Vorstellung: 14. 4. 2015)

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Szenenbild mit Natascha Petrinsky als Penthesilea und Georg Nigl als Achilles (Foto: La Monnaie, Brüssel)

 Wieder einmal fand in der Brüsseler Oper „La Monnaie“ als Auftragswerk – in Koproduktion mit der Opéra national du Rhin Strasbourg – eine Welturaufführung statt: „Penthesilea“ von Pascal Dusapin (geb. 1955). Es ist die siebente Oper des Komponisten, der in Frankreich hohes Ansehen genießt und in vielen französischen Opernhäusern auf dem Spielplan zu finden ist. Das Libretto verfasste der Komponist gemeinsam mit Beate Haeckl nach dem Drama von Heinrich von Kleist.

 Die Handlung der Oper mit Prolog, 11 Szenen und Epilog, die auf die griechische Antike zurückgeht: Die Amazonen sind ein Volk weiblicher Kämpferinnen, die keine Männer in ihrem Leben zulassen – sie dienen ausschließlich dazu, Kinder zu zeugen. Eine individuelle Partnerwahl ist den Amazonen untersagt, denn Mars wählt für jede den Partner, den die Amazone im Kampf besiegen muss. Penthesilea, die Königin der Amazonen, verliebt sich jedoch während des Kampfs um Troja unsterblich in ihren Gegner, den griechischen Helden Achilles. Hin und her gerissen zwischen der Treue zu den Gesetzen ihres Volks und ihrer Liebe, schließt sie sich dem griechischen Helden an. Als sie glaubt, von ihm verraten worden zu sein, ermordet sie ihn.  Aus ihrer Trance erwacht, sieht sie, was sie – völlig gegen ihre Natur –getan hat. Sie wendet sich von den Grundlagen der Amazonengesellschaft ab, rät ihren Schwestern, das Glück zu suchen und begeht Selbstmord.

 Regisseur Pierre Audi siedelte die mythologische Geschichte offensichtlich in einer Zeit an, in der die Menschen noch auf allen Vieren krochen. Oder wollte er ein Schlachtfeld zeigen, auf dem Sterbende kriechen? Vielleicht sogar passend zu dieser düsteren, verstörenden Handlung voller brutaler Emotionen. Zur extrem exzessiven Musik wurden einige Male über Toneinspielung noch Gewitterstimmungen erzeugt, die wohl den baldigen Untergang dieser mythologischen Welt symbolisieren sollte. Das Grauen regierte auf jeden Fall. Es war keine Aufführung für schreckhafte Gemüter.

 Für das Bühnenbild zeichnete die aus Gent stammende Künstlerin Berlinde De Bruyckere verantwortlich, die Belgien auf der 55. Biennale in Venedig vertrat. Ihre Skulpturen sind Hybridwesen, deren Körper aus der Vermischung tierischer, pflanzlicher und menschlicher Elemente entstehen. Über Videoeinspielungen (Video: Mirjam Devriendt) werden solche Wesen auf der Bühne sichtbar.

Die Kostümierung der Sängerinnen und Sänger passte sich logischerweise ebenfalls dieser merkwürdigen Szenerie an. Die Kriegerinnen und Krieger trugen allesamt einfache Hemdchen und Hosen, die in schmutzig-grau-grünen Farbtönen gehalten waren (Kostümbildner: Wojciech Dziedzic).

 In der Pressemitteilung des Opernhauses La Monnaie als Vorschau auf die Uraufführung heißt es: „Die musikalische Sprache Dusapins, seine Nutzung von Impulsen, Energie und Diskontinuität im Diskurs zum Zweck der schlussendlichen Einheit und sein organisches Herangehen an die musikalische Struktur greifen in wunderbarer Weise die gleichermaßen verletzende wie poetische Sprache des deutschen Dichters auf.“

 Die Partitur des Komponisten hatte nur wenige lyrisch-leise Töne, war vorwiegend expressiv und immer wieder mit extrem wuchtigen Paukenschlägen gespickt, die dem Sängerensemble viel Kraft abverlangte. Bewunderung muss man vor allem den Darstellern der beiden Hauptfiguren zollen. Als traumatisierte Penthesilea überzeugte die Mezzosopranistin Natascha Petrinsky stimmlich wie schauspielerisch. Ihr ebenbürtig in der Rolle des Achilles war der Wiener Bariton Georg Nigl, der durch seine starke Bühnenpräsenz sowie durch seine Wortdeutlichkeit zu begeistern wusste. Von allen anderen waren nur Wortfetzen zu vernehmen (die Übertitel waren in flämischer und französischer Sprache), was gewiss daran lag, dass fast nur geschrien wurde. Auch gelang es Georg Nigl, die Arroganz und Überheblichkeit des Kriegshelden exzellent auszudrücken.

 Weitere tragende Rollen, die sie perfekt ausfüllten, hatten die höhensichere amerikanische Koloratursopranistin Marisol Montalvo als Prothoe (sie verkörperte erst kürzlich im Theater an der Wien die Lulu) und der schlanke, hochgewachsene belgische Bassbariton Werner Van Mechelen als Odysseus. Die Oberpriesterin wurde von der Schweizer Altistin Eve-Maud Hubeaux dargestellt, während die italienische Altistin Marta Beretta eine Amazone verkörperte. In zwei Nebenrollen standen noch der niederländische Bariton Wiard Witholt als Bote und die Mezzosopranistin Yaroslava Kozina als Botin auf der Bühne.

 Eine bedeutende Rolle kam in einigen Szenen dem stimmkräftigen Chor des Opernhauses  (Leitung: Martino Faggiani) zu. Das Orchestre symphonique de la Monnaie spielte unter der Leitung des französischen Dirigenten Franck Ollu die exzessive Partitur von Pascal Dusapin oftmals so laut, dass die Sänger leider zugedeckt wurden. 

 Dennoch enormer, minutenlang andauernder Jubel des Publikums für alle Mitwirkenden, der an Phonstärke für Natascha Petrinsky und Georg Nigl sowie für den Dirigenten Franck Ollu noch zunahm.  Ob das Werk auch im deutschsprachigen Raum Zukunftschancen hat, wage ich zu bezweifeln, ist doch die Vertonung des Stoffs durch den Schweizer Komponisten Othmar Schoeck eine gewichtige Konkurrenz.

 Udo Pacolt

 

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