„Cielo, si può morir!” – Donizettis „L’elisir d’amore“ am Mahen Theater Brünn, Aufführung vom 08.12.2023
Der bittersüße Nachtschatten ist für seine medizinische Verwendung bekannt, die auf in ihm enthaltenen giftigen Steroidalkaloiden und dem ebenfalls giftigen Sopanin Solanin basiert. Schon im Mittelalter nutzte man diese Pflanze, um Schmerzen und durch Entzündungen hervorgerufene Schwellungen zu lindern. Ebenso war es bei Blutreinigungstees, fieberhaften Infekten und Erkrankungen des Magen-Darm-Kanals verwendet. Dieses war auch der Fall, als Anfang der 1830er die Cholera auch in Süditalien tobte. Was das mit Donizettis Oper zu tun hat, wird mit dem lateinischen Namen des bittersüßen Nachtschatten klar: Solanum Dulcamara. Donizetti beweist also einen tiefgehend feinsinnigen Humor bei der Namenswahl des „Dottore“, der eben ein Allheilmittel für alles und nichts anpreist. Denn die Wirkung des Solanum Dulcamara gegen die Cholera ist wohl ebenso fragwürdig wie die Wirkung von Bordeaux auf den Liebeskummer des Nemorino.
Auch in Brünn grassierte die Cholera 1831, allerdings verlegt Magdalena Švecová Donizettis Melodramma giocoso an das Set eines Filmstudios der 1930er Jahre in Cinnecittà und so werden wir via Südmähren auf eine hundertjährige Zeitreise durch Italien mitgenommen. Vor der Kamera wird dort offensichtlich eine folkloristisch angehauchte Liebesschnulze gedreht. Adina ist nicht nur Hauptdarstellerin des Streifens, sondern ein glamouröser Star in der Tradition von Greta Garbo und Myrna Loy. Nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera macht ihr dabei Belcore als ebenso glamouröser Cray Grant-Typus den Hof, obschon er in seiner Ungehobelt- und Selbstverliebtheit wohl mehr an James Cagney und Humphrey Bogart erinnert. Dazwischen steht der unauffällige Beleuchtungsassistent Nemorino, der Adina nicht nur anbetet, sondern ebenso abgöttisch liebt, daß er den Liebestrank des Regisseurs Dulcamara (welcher auch selbst eine Rolle vor der Kamera hat) für echt hält.
Der Rest des Librettos ist hinlänglich bekannt und eigentlich auch unwichtig, da zeitlos, charmant und unterhaltsam. Ebenso charmant ist auch die Regie-Idee von Frau Švecová, denn einerseits entstaubt sie Donizetti vom folkloristischen Charakter des Stücks, ohne es zu sehr vom Libretto zu entfernen. Denn es darf nicht vergessen, dass Donizetti diese Opera buffa in einen zeitgenössischen Kontext setzte und zahlreiche Themen seiner Zeit parodistisch aufs Korn nahm. Gleichzeitig werden aber auch ernste Themen wie sozialer Status und das Funktionieren der Gesellschaft an sich angesprochen. Die zeitliche Verlegung um 100 Jahre nach vorne, tut diesen Teilen der Oper gut. Obendrein bildet sie eine farbenfrohe Kulisse, die die folkloristischen Elemente im Filmstudio einerseits aufzeigt. Andererseits aber durch den Stil der 30er Jahre eine wunderbare Brücke zu unserem Alltag und unserer heutigen Wahrnehmung von Gesellschaft und Miteinander baut. Zu guter Letzt lässt sie den Sängern dabei auch ausreichend Raum, um stimmlich wirken zu können, und so gibt es an diesem Abend tatsächlich einiges zu genießen.
An erster Stelle ist hier Andrea Široká in der Rolle der Adina zu nennen: Spielerisch geht sie ganz in der Rolle der stolzen und desillusionierten Diva auf und füllt den darstellerischen Part der Adina bestens aus. Zusätzlich zeigt sie aber einmal mehr, wie wichtig eine saubere technische Stimmausbildung und die Entwicklung des eigenen Soprans über Jahre hinweg ist. Frau Široká kennt ihre Fähigkeiten bis ins Detail und schlägt entsprechend niemals über die Strenge: Die Koloraturen laufen elegant in edlem Legato, kein Ton kratzt, der Klang ihrer Stimme erscheint angenehm rund und warm, ohne an kristalliner Helligkeit zu verlieren. Nicht erst bei einem tadellosen Prendi per me sei libero wird klar, dass das nicht nur hochprofessionell, sondern meisterhafte Handwerkskunst ist, die mit einer großen Leidenschaft zum Singen verbunden wird. Brava, so wird es gemacht und so wird Belcanto wirklich bello.
Ein ebenso großes Kompliment ist an Lukáš Bařák als Belcore auszusprechen, denn davon daß dieser erst einen halben Tag zuvor davon erfuhr, daß er einspringen durfte, merkten wir an diesem Abend eigentlich neben einer marginalen Aufwärmphase im ersten Akt gar nichts. Im Gegenteil konnte Herr Bařák seinen Bassbariton bereits bei „Come paride“ zur Gänze klingen lassen und den sonoren Klang seiner wirklich mächtigen Stimme noch im Laufe des Abends weiter ausbauen. Auch machte ihm die Rolle des Belcore sichtbar Spaß, seine Spielfreude war im besten Sinne spürbar. Nicht zuletzt gelingt es ihm ebenso, dem Charakter mehr Tiefe zu geben: Hier steht nicht nur ein simpel gestrickter Söldner und Frauenheld. Hier steht ein Mann, der durchaus an Prinzipien, Moral und Rechtschaffenheit glaubt und diese nicht nur durch eigene Handschlagqualität und eine freilich eigene Art von Ritterlichkeit an den Tag legt. Eine sehr gelungene Interpretation, bravo Lukáš Bařák!
Und dann war da noch der junge Tenor Daniel Matoušek, der am Mahen Theater in der Rolle des Nemorino seit Oktober debütiert. Und hier konnten wir wirklich eine Stimme von so jugendlicher Strahlkraft und Reinheit erleben, dass wir bei „Una furtiva lacrima“ tatsächlich vor Freude Tränen in den Augen hatten. Herrn Matoušeks Stimme erinnert dabei an große Belcanto Stimmen der goldenen Jahre, sehnsuchtsvoll preist er seine Geliebte an und klingt nahezu jungfräulich rein und unberührt – Cielo, si può morir! Es ist kaum auszudenken, wo dieser junge Mann in einigen Jahren sein wird, wenn er seine Stimme in den nächsten Jahren weiter ausbaut und sorgsam mit ihr umgeht. Zweifelsohne hat er das Talent und die Stimme, um sich zu den großen Tenori di grazia dazuzugesellen und auch spielerisch ist er in der Lage entspannt, authentisch und freudig den Nemorino zu geben. Bravissimo Daniel Matoušek, Sie muss man in Zukunft auf der Rechnung haben!
Umrahmt wird dieses Belcanto-Fest von dem wirklich außerordentlich guten Orchester der Brünner Oper unter der Leitung von Robert Kružík: Die können ja richtig Belcanto spielen! Hier quietscht nichts, sitzen alle Passagen und das Orchester kann wahrhaftig als Einheit mit dem Ensemble auf der Bühne agieren. Dabei schafft Herr Kružík eine angenehme Weichheit im Ton, schafft wohltuende Legati, ist Präzise in allen Trillern und Fiorituren und zeigt bei einer fast schon bewundernswerten Entspanntheit gleichzeitig die Spritzigkeit, die den Belcanto eben ausmacht. Wieder einmal mehr hat sich also die kurze Reise nach Brünn gelohnt und wieder einmal ist ein Besuch des dortigen Opernhauses mehr als nur zu empfehlen: Der bittersüße Nachtschatten den wir in Brünn verkosten durfte, hat an diesem Abend seine süßen Seiten in bester Manier hervorgebracht und uns somit Linderung von den bitteren Regietheater-Erfahrungen in Wien schenken können. Ein Belcanto-Abend aus dem Bilderbuch, wie man ihn sich wünscht, bravi bravissimi tutti!
E.A.L.

