Brno / Janáček Theater: “MASKA”. – 25.9. 1026 (Uraufführung)
Poesievoll-sensibler Tanzabend
Mit „Maska“ hat artistic director Mário Radačovský für die Herbstballettpremiere von Národni divadlo Brno (NdB) Ballet einen feinen, poesievoll-sensiblen Tanzabend geschaffen. Die Uraufführung von diesem Werk bildet damit den choreografischen Schlusspunkt, den er zum Abschluss seiner Wirkungszeit in Brno für seine Ballett Compagnie geschaffen hat. Standen in früheren Werken oftmals historische Persönlichkeiten im Mittelpunkt seiner Kreationen wie zuletzt Coco Chanel, beschäftigte er sich auch oft mit anderen Herangehensweisen an Handlungsballette oder auch mit der Umsetzung abstrakter Themen.
Mit diesem abendfüllenden Ballett in 2 Teilen mit einer Pause hat sich Mário Radačovský bewusst einem Thema gewidmet, das in der Gesellschaft aktuelle Bedeutung hat, versteckt man sich doch gern hinter einer Maske, oft aus scheinbarem Erfordernis, um sich besser darzustellen oder zur Abgrenzung vor gesellschaftlichem Druck und Zwang. Mário Radačovský geht es in seinen Überlegungen darum, die Verletzlichkeit der Menschen darzustellen, es geht um den Kampf gegen die Außenwelt und um die innere Furcht, wenn man es sich erlaubt, vor dem anderen die Maske, die Selbstschutz bedeutet, abzunehmen, um sich dem anderen in aller Verwundbarkeit zu öffnen. In einer ineinander fließenden Abfolge von Szenen, die ohne Handlung, aber mit viel emotionalem Gehalt gefüllt sind, entlarvt er die menschliche Natur, geht von belangloser Oberflächlichkeit in die seelische Tiefe zwischenmenschlichen Daseins und Handelns: das Abnehmen der Maske geht unter die Haut, die gezeigte Vulnerabilität berührt die Zusehenden. In dynamischen wie elegischen Bewegungsabfolgen des Ensembles bzw. der Hauptpersonen nutzt er neoklassischen Stil, verwoben mit Bodenelementen; wirkungsvolle Effekte erzielt er mit den weißen Masken, die vor dem Gesicht als auch am Hinterkopf getragen werden. Besonders feinfühlig und eindrucksvoll gestaltete er die vielen Pas de deux und den Pas de trois.

João Gomez (Maskengeist) (© Pavel Hejný)
Den passenden musikalischen Klangteppich hat Mário Radačovský in Kompositionen von Frédéric Chopin und Franz Liszt gefunden, indem er die Kraft der Musik für die emotionale Botschaft nutzt, die der Tanz darstellt – Musik und tänzerische Umsetzung verschmelzen in einer einzigartigen Symbiose. Zu hören sind u.a. Chopins Klavierkonzert Nr. 1 in e-moll op. 11 (Romance) und das Klavierkonzert Nr. 2 in f- moll op. 21 (Larghetto), weiters Scherzo Nr. 2 in b-moll, op. 31, Fantaisie-Impromptu cis-moll, op. 66, Nocturne Des-Dur, op. 27, Nocturne c-moll, op. 48 und Nocturne in e-moll, op. 72. Von Liszt werden Stücke wie Consolation Nr. 3 in Des-Dur, Liebestraum Nr. 3 As-Dur, La Campanella in gis-moll, Ungarische Rhapsodie Nr. 2 in cis-moll und Harmonies du Soir in Des-Dur gespielt.

Arthur Abram (Mann ohne Maske), João Gomez (Maskengeist) und Shoma Ogasawara (Mann mit Maske); im Hintergrund Ivo Kahánek am Flügel (© Pavel Hejný)
Mário Radačovský konnte den berühmten tschechischen Klaviervirtuosen Ivo Kahánek für diese Produktion gewinnen, der bereits mehrfach mit dem Ballett des Nationaltheaters Brno zusammengearbeitet hat. Gemeinsam mit Ivo Kahánek und seinem perlenden Spiel am Flügel wirkt das Janáček Quartett hier mit – Jiří Pospíchal (1. Violine), Richard Kružík (2. Violine), Jan Řezníček (Viola) und Lukáš Polák (Cello) zaubern in den Konzertphasen herrlichen Streicherklang.
Für die Ausstattung arbeitete Mário Radačovský erneut mit einem bewährten Team: das Set Design stammt von Marek Hollý, die Kostüme hat Alexandra Grusková designt.
Virtuos zeigen sich alle Ensemblemitglieder, im dynamisch-impulsiven Tanz wirkt die Gruppe in unterschiedlichen Formationen sehr stark. Allen voran überzeugt João Gomez, der als Maskengeist mit viel Präsenz die Riege der Hauptpersonen anführt. Beschwörend und einfühlsam, bestimmend und energisch ist er die zentrale Figur. Bestechend und einander ebenbürtig im intensiven Ausdruck und im souveränen Tanz waren Shoma Ogasawara als Mann mit Maske und Arthur Abram als Mann ohne Maske. Se Hyun An gefällt als erste Frau ebenso wie Gloria Benaglia als zweite Frau mit Präzision und Technik wie Ausdruckskraft.

Das energievoll tanzende Damenensemble © Pavel Hejný
Eine eindrucksvolle Leistung des Ballett Brno, das hier demonstrierte, wie Mário Radačovský die Tänzerinnen und Tänzer über die Jahre geformt hat und sie zu einer harmonischen stilvollen Einheit zusammenfügte. Das hohe Prestige der Compagnie zeigt sich auch darin, dass das Ballett Brno fünf Tage nach diesem Weltpremieren-Abend nach Thailand aufbricht, um beim Bangkok International Festival of Dance and Music aufzutreten.
Der Ballettabend endet mit Standing Ovation, lang anhaltendem Beifall und viel Begeisterung im Publikum.
Ira Werbowsky

