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BRNO/Brünn/Janacek-Theater: BOLERO – das Ballett des Brünner Nationaltheaters zeigt Zeitgenössisches

25.09.2022 | Ballett/Tanz

Brno: 23.09.2022.: „BOLERO“. – das Ballett des Brünner Nationaltheaters zeigt Zeitgenössisches

Das Janáček-Theater (Janáčkovo divadlo) ist als Nationaltheater in Brünn – Národní divadlo Brno – die bedeutendste Spielstätte für Oper und Ballett in der mährischen Metropole und das größte Theater Tschechiens. Benannt nach dem berühmten Komponisten Leoš Janáček, wurde es im funktionalistisch-klassizistischen Stil erbaut und 1965 eröffnet. Es umfasst mehr als 1300 Sitzplätze und verfügt über eine große Bühne. Hier fand auch die aktuelle Premiere der Ballettcompagnie des Brünner Nationaltheaters statt – mit einer Wiederaufnahme und zwei Uraufführungen.

Hinter dem Titel „Bolero“ verbergen sich drei einaktige Stücke, die von drei sehr unterschiedlichen Choreografen stammen und die von menschlichen Beziehungen, Fragen zur menschlichen Existenz sowie von der menschlichen Identität handeln.

Den Einstieg machte „Walking Mad“ von Johan Inger zur Musik von Maurice Ravel und mit der Komposition des „Bolero“ namengebend für diesen Ballettabend. Dieses Werk hatte bereits 2019 seine Premiere in Brno und kehrt nun nach der Pandemie auf die Bühne des Nationaltheaters zurück. Bereits vor knapp mehr als 20 Jahren entstanden, greift der schwedische Choreograf in seiner eigenwilligen wie emotionalen Version Beziehungen von Frau und Mann auf, breitet sie skurril-humorvoll aus und behält dennoch einen ernsten, fast poetischen Unterton, denn nach dem Ende des „Bolero“ folgt als nachdenklich-sensibler Nachsatz ein Pas de deux zu Musik von Arvo Pärt, feinsinnig interpretiert von Klaudia Radačovská und Shoma Ogasawara. Die expressionistische tänzerische Ausdrucksform Ingers mit vielen Schwüngen, aber wenigen Sprüngen wird von drei Tänzerinnen und sechs Tänzern eindrucksvoll und dynamisch umgesetzt – eine wesentliche Rolle spielt hierbei auch eine bewegliche Holzwand mit vier Türen, die als Trennwand und Sichtschutz, aber auch umgelegt als Bodenplatte „betanzt“ wird.  

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„Walking Mad“: sensibler Pas de deux mit Klaudia Radačovská und Shoma Ogasawara .
Copyright: Ctibor Bachraty

 Nach der ersten Pause wird mit „Mountain Call“, einer Kreation von Dan Datcu, fortgesetzt. Der gebürtige Rumäne, der u.a. einige Jahre im Ballett der Wiener Staatsoper tanzte, war von 2014 – 2016 Halbsolist im Ballett des Brünner Nationaltheaters und danach in der Compagnie des Mecklenburger Staatstheaters engagiert, wo er 2021 auch seine Tänzerkarriere beendete. Bereits in seiner Zeit in Wien begann er zu choreografieren. Mittlerweile vielerorts gefragt, arbeitete er mit verschiedenen Ensembles; für Brno entstand „Obliviously Aware“ (2016) und „Opus Amade“ (2018). Für sein neuestes Werk „Mountain Call“ kehrte er nun nach Brno zurück. Zu Liedern von Maria Tănase, einer bedeutenden rumänischen Sängerin, rearrangiert von Alexander Balanescu und interpretiert vom Balanescu Quartett, beschäftigt sich Dan Datcu mit dem Leben der Menschen und dabei mit den Stationen Geburt, Heirat und Tod vor dem Hintergrund von kultureller Identität, Tradition und gewohnten Ritualen und bringt so Folklore in einen jetzigen Kontext. Vier Tänzerinnen und sechs Tänzer setzen hier seine Intentionen tänzerisch in kompakter Form mit interessanter zeitgenössischer Bewegungssprache um.

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Stationen im Leben der Menschen: das Ensemble in „Mountain Cal“l . Copyright: Ctibor Bachraty

Den Abschluss des Abends bildet „Unanswered Question“ von Mário Radačovský. Nach einer internationalen Karriere als Tänzer (darunter u.a. im Ballett des Nationaltheaters Brno, im Netherlands Dance Theatre in Den Hague und im Les Grands Ballets Canadiens in Montreal) sowie einer Periode als Ballettdirektor des Slowakischen Nationalballetts bzw. des von ihm gegründeten Ballet Bratislava, ist er nun seit der Spielzeit 2013 der künstlerische Direktor des Balletts des Brünner Nationaltheaters und hat die Compagnie in diesen Jahren geformt und über die Landesgrenzen bekannt gemacht – so gastierte die Truppe erst kürzlich in Budapest. Als ein weiteres ihm wichtiges Projekt wurde mit Beginn der laufenden Saison das Ballett NdB 2 ins Leben gerufen – als Jugendcompagnie, um den Absolventinnen und Absolventen der Ballettausbildung hier erste Erfahrungen in einem Ballettensemble zu ermöglichen: die erste Premiere dieser jungen Truppe wird am 31. Oktober mit eigenem Programm im Reduta-Theater sein. Seit 20 Jahren choreografierend, absolvierte Mário Radačovský auch ein Masterstudium für Choreografie an der Akademie für bildende Künste in Prag (2018). Bereits im Foyer des Nationaltheater, wo der Ballettdirektor vor Beginn der Vorstellung die Gäste begrüßt, findet sich mit einem großen Herz aus rosa Luftballons ein Hinweis zu seinem neuesten Werk – der aktuellen Frage nach Gender-Identität in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, der Diskussion des traditionellen Bildes von Mann und Frau sowie der Freiheit der Selbstbestimmung. Im Stück symbolisieren dann Orangen die Macht der Liebe. In einem auf dem klassischen Ballett beruhenden und weiter entwickelten Bewegungsstil stellt Mário Radačovský in seiner tänzerischen Umsetzung für fünf Tänzerinnen und sechs Tänzer in skizzierten Szenen zu einem musikalischen Medley unterschiedliche Konstellationen zur Diskussion und lotet die Toleranz wie die Grenzen der Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen in seinem Erscheinungsbild aus. Hervorstechend hier in stücktragender Präsenz Arthur Abram, Se Hyun An und Thoriso Magongwa.

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„Unanswered Question“: Se Hyun An und Thoriso Magongwa auf der Suche nach individueller Identität. Copyright: Ctibor Bachraty

Alexandra Grusková schuf die Kostüme sowohl für „Mountain Call“ als auch für „Unanswered Question“; von Marek Hollý stammt das Set Design für diese beiden Piecen.

 Viel und lang anhaltender Applaus des interessierten Publikums für die Compagnie wie für die Choreografen.

Ira Werbowsky   

 

 

 

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