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BRESLAU „GRISELDA“ von GIOVANNI BONONCINI. Erste Gesamtaufführung seit dem Jahr 1722 in einer die Rezitative nachschaffenden Version von Dragan Karolic

01.05.2022 | Oper international

Erste Gesamtaufführung seit dem Jahr 1722 in einer die Rezitative nachschaffenden Version von DRAGAN KAROLIC; 30.4.2022

MAX EMANUEL CENCIC und ein grandioses Ensemble garantieren barocke Festtagslaune

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Foto: Dr. Ingobert Waltenberger

Breslau war an diesem Samstagabend wohl der Nabel der barocken Opernwelt. Der österreichische Countertenor Max Emanuel Cencic präsentierte wieder einmal eine Weltpremiere. Bevor es damit am 18. September anlässlich des Barockopernfestes im Markgräflichen Opernhaus nach Bayreuth geht, fand die eigentliche Premiere von Bononcinis dreiaktiger Oper „Griselda“ am 30. April in Breslau statt. Das macht Sinn, denn schließlich spielt ja auch in Bayreuth das Wroclawska Orkiestra Barokowa unter der spielfreudigen und rhythmisch aufgeheizten musikalischen Leitung des australischen Dirigenten und virtuosen Cembalisten Benjamin Bayl.

Dragan Karolic hat die verloren gegangenen Rezitative nachkomponiert und das musikalisch aufregend schöne Werk mit Trompeten, Naturhörnern, Pauken, Fagott, Flöten, Oboen, Theorbe und Streichern reich instrumentiert. Das Dramma per musica auf einen Text des Paolo Antonio Rolli kann nun in dieser behutsam und wissend vervollständigten Fassung wieder gehört werden.

Aber gehen wir ein wenig zurück in der Musikgeschichte. Giovanni Bononcini, 1670 in Modena geboren, erhielt seinen ersten Unterricht bei seinem Vater und dann bei Colonna in Bologna. 1697 wurde Bononcini am Wiener Hof engagiert und pendelte nach einem Intermezzo in Berlin 1702/03, zwischen Rom und Wien. Nach der Gründung der Royal Academy of Music in London 1719 wurde Bononcini vom musikalischen Direktor Georg Friedrich Händel mit der Komposition von Opern beauftragt. Eine kleine Rivalität zwischen den beiden Tonsetzern wird schon mit im Spiel gewesen sein. Jedenfalls lobte der berühmte englische Musikhistoriker Charles Burney Bononcini für „seine originellen Harmonien und anmutigen sowie eleganten Melodien.“

„Griselda“ wurde am 22 Februar 1722 am Londoner Royal Haymarket Theater uraufgeführt. Inhaltlich geht es um eine nicht standesgemäße Liebe und wüste Hofintrigen: Gualtero, König von Sizilien, ist in die hübsche Schäferin Griselda vernarrt und heiratet sie. Da aber politische Gegenspieler und Machogockel so eine gesellschaftlich schiefe Situation nicht nur heute schamlos ausnutzen, wütet des Königs General Rambaldo gegen die liebliche Frau von niedriger Geburt an der Spitze des Staates. Vor allem, als der selbst in Griselda verliebte, nach Macht strebende und furios eifersüchtige Militärchef erfährt, dass ein Sohn unterwegs ist. Der in diesem Fall wohl vorgeschobene Grund: Man weiß ja nie, was dabei herauskommt, wenn die Geliebten oder Gattinnen von Regenten in der Politik ungehörig mitmischen. Also hat Gualtero die Wahl: Entweder es gibt Bürgerkrieg oder seine Gattin Griselda verschwindet wieder. Ergo muss sich Griselda wieder zu ihren Schäfchen zurückziehen. Gualtero verlobt sich aus Gründen der Staatsraison mit der vermeintlichen Tochter des apulischen Fürsten Riniero, der Prinzessin Almirena. Letztere liebt aber – wie könnte es anders ein – den Prinzen Ernesto. Rambaldo hat keine Ahnung davon, dass Almirena in Wahrheit die heimliche Tochter Gualteros ist. Gegen solche harten Fakten entpuppt sich selbst die bösartigste Intrige als Schall und Rauch. Das Ende der Oper ist wieder einmal ein Lob auf die Menschlichkeit und übergroße Güte des Herrschers: Gualtiero vergibt Rambaldo. Der Schuft und das Volk freuen sich so sehr über die Großmut des Königs, dass sie nichts dagegen haben, dass Griselda wieder von der Schäferhütte in den königlichen Palast wechselt.

Weil in der Oper der echte Ohrwurm „Per la gloria“ vorkommt, hat ihn sogar Luciano Pavarotti gesungen und für CD aufgenommen. https://www.youtube.com/watch?v=2RXCbgiAAk8

Aber auch die Belcanto Diva Joan Sutherland singt diese famose Arie des Ernesto auf der Platte Highlights der Oper „Griselda“, die sie mit ihrem Dirigentengatten Richard Bonynge und dem London Philharmonic Orchestra im August 1966 in der Londoner Kingsway Hall für DECCA aufgenommen hat.

Die gute Nachricht für alle, die nach Bayreuth kommen wollen (oder die Oper im September auf Medici TV anschauen wollen): Die Aufführung in Breslau am 30.4. ist stilistisch, aber auch stimmlich der DECCA Schallplatte insgesamt um Häuser überlegen.

Die größte Überraschung des Abends boten wohl die beiden Sopranstimmen. Die Oberösterreicherin Johanna Rosa Falkinger als Almirena verfügt über einen exzeptionell schönen lyrischen Sopran. Vollmundig timbriert bringt sie alle Verzierungen in ätherischen Höhen girlandenflink und festtagsgleich zum Leuchten. Im Duett verschmilzt sie wahrhaft memorabel mit der erstaunlich fülligen Wunderstimme des 21—jährigen Sopranisten Dennis Orellana aus Honduras. Da fließen stimmlich Milch und Honig im barocken Opern-Schlaraffenland.

Nicht weniger aufregend ist der serbische Bassbariton Sreten Manojlovic in der Rolle des „scharf“ koloraturbewaffneten Generals Rambaldo. Mit kernig virilem Timbre, satter Tiefe und metallisch kraftvoller Höhe wirft er sich auch gestalterisch voll in seine Aufgabe. Er lässt sich selbst bei dieser konzertanten Aufführung die schauspielerische Bühne nicht nehmen. Manojlovic singt Bach, Haydn, Händel und Vivaldi. Das Wiener Publikum hat diesen Senkrechtstarter, auf den längst schon Größen wie William Christie aufmerksam geworden sind, auch schon als Dudziarz in Moniuszkos Oper Halka gemeinsam mit Piotr Beczala erleben können.

Als Einspringerin für Sonja Runje in der Titelpartie reüssierte die Mezzosopranistin Wanda Franek mit pastosem Vortrag. Mit einer wunderbar satten Tiefe vermag sie in den pastoralen Melodien tief zu berühren, die Figur der vom Schicksal hart geprüften Schäferin holt sie mit Sanftmut und Würde geschickt ins Hier und jetzt.

Der Held des Abends ist Max Emanuel Cencic in der technisch höllisch schweren Partie des Gualtero. Die vielen Arien und Ensembles, mit äußerstem Koloraturwahnsinn gespickt oder in melancholisch düstere Rottöne getaucht, zeigen ihn einmal mehr auf der Höhe der sängerisch interpretatorischen Meisterschaft. Das irrsinnige Tempo der Verzierungen, den dramatischen Impetus, sowie das träumerische Legato der auch vom Tonumfang her sehr anspruchsvollen Partie – mit allem geht Cencic spielerisch leicht um – macht ihm so bald keiner nach. Man will gar nicht glauben, dass Cencic am 10. September im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth mit einem großen Arienabend („Händel für Senesino“, begleitet von der Armonia Atenea unter George Petrou) sein 40-jähriges Bühnenjubiläum begehen wird.

Dem Wrozlawer historisch informierten barocken Instrumentalensemble gehören neben einer heimischen Streicher- und Continuogruppe hervorragende Musiker aus Finnland, Österreich, Deutschland, Italien und Spanien an. Sie machten das Konzert in dem 2015 eröffneten, architektonisch spannenden Nationalen Forum für Musik in Breslau, dem aktuell größten Konzerthaus Polens, erst zu dem unwiderstehlichen barocken Fest, dem das Publikum am Ende – sich spontan und geschlossen von den Sitzen erhebend – langen und herzlichen Applaus spendete. Allen war wohl der seltene Rang und die beglückende künstlerische Qualität dieser Welterstaufführung bewusst. Lob auch dem Publikum, dass ganz ohne störende Nebengeräusche hochkonzentriert dem Konzertgeschehen folgte.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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