BRESCIA : FESTA DELL‘OPERA
am 11.Juni (von 5 h früh bis Mitternacht)

Foto: Robert Quitta
Brescia ist zwar die zweitgrößte Stadt Italiens, gilt aber als wenig attraktiv. „L‘avvocato di Brescia (der Rechtsanwalt von Brescia“9 ist sprichwörtlich. Für die Restitaliener scheint Brescia nur von Rechtsanwälten und Notaren bevölkert zu sein, und ist sozusagen der Inbegriff einer wohlhabenden, aber total spießigen Stadt, in der nur das Haben, aber nicht das Sein zählt und die noch dazu keine besonderen Sehenswürdigkeiten aufzuweisen hat.
Wenn man in Brescia ankommt, und erst recht, wenn man zumindest einen halben Tag dort verbracht hat, erscheint einem dieser Ruf wie eine raffinierte Strategie der gewitzten Brescianer, um Touristenmassen abzuschrecken und somit friedlich und und gestört in ihrem Wohlstand leben zu können.

PiazzaPaolo VI. Foto: Robert Quitta
Denn Sehenswürdigkeiten gibt es viele, und was für welche noch dazu: die Piazza Paolo VI (der MONTINI-Papst wurde hier geboren) mit der Rotonda,einem Unicum einer paläochristianischen Rundkirche, dem Neuen Dom und dem Broletto (dem alten Rathaus), die berühmte Piazza della Loggia, die archäogischen Ausgrabungen des römischen Forum, das Jahrtausende umspannende Museum im ehemaligen Kloster der Santa Giulia und last, but not least, das Teatro Grande.

Teatro Grande. Foto: Robert Quitta
Dieses über die Massen prächtige Teatro all‘Italiana ist sehr ungewöhnlicherweise im venezanischen Stil gehalten (Brescia gehörte einmal zu Venedig) und ist eines der letzten Theater Italiens, das auch noch von seinen Logenbesitzern verwaltet wird (was ja früher allgemein üblich war). Jedenfalls veranstaltet das Teatro Grande dank seines Intendanten und künstlerischen Leiters Umberto Angelini nicht nur eine äußerst interessante und qualitativ hochstehende „Stagione“ im Herbst, sondern auch seit 15 Jahren einmal im Jahr die sogenannte „Festa dell‘Opera“. Gedanklich angelehnt an die „Folle Journée de Nantes“ finden dann von der Morgenröte bis nach Mitternacht über die ganze Stadt verteilt unzählige Konzerte statt, und das vor allem auch an Orten, an denen normalerweise keine Musik erklingt oder die sogar dem Publikum normalerweise gar nicht zugänglich sind wie z.B.: im Palazzo Cimaschi, in der Chiesa San Giorgio, im Chiostro di Santa Chiara, im Oratorio di Santa Maria, im Parco Guidi, an der Peripherie, in Kinos, Vinotheken und Altersheimen…
Es liegt in der Natur der Sache, dass man dass bei diesem Über-Angebot nicht alles sehen kann und das nicht alles gleichermaßen gut sein und jedem gleichermaßen gefallen kann. Ihr Rezensent fand zum Beispiel die Darbietung von Mozart-Arien (Là ci darem..etc.) durch Sängerstudenten mitten am ohnehin schon überfüllten samstäglichen Markt für durchaus verzichtbar, und das „Jukebox“ genannte Event extrem ärgerlich. Dabei durften sich die Passanten von den Sänger/innen ihre Lieblingsarien wünschen, das aber auch nur aus einer bereits vorgegebenen Liste von 10 Super-Hadern (Sie wissen schon: Vincerò und so). Soo tut man dem Genre Oper nix Gutes.
Besonders schön hingegen waren: Giancarlo Menottis Oper „The Medium“ im Teatro Grande selbst, eine kammermusikalische Reduktion von Glucks „ Orfeo ed Euridice“ im Refektorium des Diözesanmuseums und die 15minütige Darbietung „Ah non credea mirarti“ in der Sala Moretto.

Konzert in der Sala Moretto. Foto: Robert Quitta
Dieses Kämmerchen ist der letzte Rest des Palazzo Salvadego, des einstmals prächtigsten Palastes der Stadt, das wie durch ein Wunder die Bombentreffer des 2. Weltkriegs überlebt hat.
Moretto heißt es nach dem berühmtesten Brescianer Maler Alessandro Moretto. Seine wunderbaren Fresken schmücken diesen winzigen Raum, und so kommt man sich bei diesem kurzen Konzert als einer der 10 zugelassenen Besucher in die Renaissance zurückversetzt und fühlt sich wie ein willkommener Gast am Fürstenhof. Nach einer Viertelstunde muss man aber wieder raus, denn da wartet schon die nächste neugierige Gruppe.

Saal des Conservatorio. Foto: Robert Quitta
Denn absoluten Höhepunkt der „Festa dell‘ Opera“ stellte für Ihren Berichterstatter jedoch das Programm „Ritratti d‘Amore“ dar. Im unfassbar reich dekorierten Saal des Conservatorio brachten die „Madrigalisti Estensi“ ausschließlich Arien eines der grossartigsten, aber immer noch unterschätztesten und zu wenig gespieltesten italienischen Opernkomponisten zur Aufführung.
Dank Alice Fraccari (Sopran) unter der Leitung von Michele Gaddi schwebte man fast zwei Stunden lang im allerhöchsten Musikglück. Und möchte natürlich von a l l e n Opern, von denen hier einzelne Perlen dargeboten wurden, s o f o r t, als G a n z e s und auf einer B ü h n e sehen (am liebsten am Uraufführungsort, dem Teatro San Cassiano in Venedig, das ein verrückter britischer Millionär gerade rekonstruieren will) wie z.B.: L‘Ormindo, La Doriclea, L´Eliogabalo, L‘Artemisia, Il Ciro, La Rosinda, L‘Ercole Amante, etc.etc…
Wer vielen etwas bringt, wird manchem etwas bringen. Und so geschah es, dass man im Laufe dieses „tollen Tages“, an dem die vorgebliche Spießerstadt im Musentaumel lag, unter viel Schotter auch einige Goldnuggets fand.
Vielleicht sollten die Veranstalter aber auch die „Festa“ auf drei Tage ausdehnen, damit der interessierte Besucher wenn schon nicht alle Veranstaltungen, dann doch zumindest einen Großteil sehen kann…was derzeit beim besten Willen rein technisch unmöglich ist…

Rotonda. Foto: Robert Quitta
Die nächste Festa dell‘Opera soll am 10.Juni 2023 stattfinden.
Robert Quitta, Brescia

