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BREGENZFestspiele/Festspielhaus: AMLETO von Franco Faccio. Eröffnungspremiere

21.07.2016 | Oper

BREGENZER FESTSPIELE  2016

ERÖFFNUNGSPREMIERE: „AMLETO“ von Franco Faccio, Libretto von Arrigo Boito am 20.7.2016

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Dshamilja Kaiser, Pavel Cernoch. Copyright: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Arrigo Boito (auch als Tobia Gorrio) ist Librettist vieler Opernkomponisten wie Giuseppe Verdi und Amilcare Ponchielli. Für Verdi Simon Boccanegra, Otello und Falstaff, sowie für Ponchielli „La Gioconda“. Auch die erste italienische Version von Wagners „Rienzi“ entstammt seiner Feder, später auch „Tristan und Isolde“ sowie die Übersetzung der Wesendonck Lieder. Ebenso bemühte er sich um den „Freischütz“ von Carl Maria von Weber.  Für seinen Schulfreund Franco Faccio schrieb er das Libretto zu seiner zweiten Oper „Amleto“. Franco Faccio war hauptsächlich Dirigent, so leitete er auch die Premiere von Verdis Otello. Seine beiden Opern „I profughi fiamminghi“ und auch „Amleto“ kamen wohl bei den Premieren gut an, gerieten aber bald in Vergessenheit, zu Unrecht wie man nach der Eröffnungspremiere feststellen konnte.  Franco Faccio ist kompositorisch absolut ein Kind seiner Zeit, somit geht die Musik in Richtung Giuseppe Verdi, aber auch schon so mancher Schritt zum Versimo ist erkennbar. Amilcare Ponchielli muss von der Musik Faccios begeistert gewesen sein, hörte man doch in seiner „Gioconda“, die über zehn Jahre später ihre Uraufführung hatte, Faccios Themen.

„Amleto“ wurde 1865 uraufgeführt und nun wieder erst 2016 dank der umtriebigen Intendantin der Bregenzer Festspiele Dr. Elisabeth Sobotka  nach Europa heimgeholt wurde. Der Amerikaner Anthony Barrese stellte eine kritische Fassung zusammen, diese wurde auch bereits in den Staaten unter seiner Leitung erfolgreich aufgeführt.   

Die Aufführung  gelang großartig und eines stellte man fest, dieses Werk ist absolut repertoiretauglich, zumal sich dabei jeder gute Opernchor profilieren kann.

Am Pult stand mit Paolo Carignani ein Könner und Kenner der Musik dieser Zeit. Die Partitur ist sicher sauber erarbeitet, das Orchester, die wunderbar aufspielenden Wiener Symphoniker, sehr sicher geleitet, nur manchmal hatte ich das Gefühl, dass er den Sängern doch mehr Möglichkeiten für Lyrismen geben könnte, speziell der Titelrolle.

Oliver Tambosi schuf eine hervorragende Inszenierung mit präziser Personenführung und viel Liebe zum Detail. Die Bühne wurde von Frank Philipp Schlößmann schön, praktisch, romantisch und einprägsam gestaltet, das gilt auch für die Kostüme von Gesine Völlm, eine  Arbeit mit sehr viel Stilgefühl. Großartig das Lichtkonzept und Design von Manfred Voss und Davy Cunningham.

In der Titelrolle hörte man Pavel Cernoch, der nicht nur stimmlich Großes ablieferte, sondern auch eine tolle Studie des gequälten Dänenprinzen im Sinne Shakespeare lieferte. Die Rolle ist sehr lang und liegt eher hoch, an Mascagni erinnernd, und daher sehr anstrengend. Für seinen berühmten Monolog „Essere o non essere“ hätte er doch mehr Piano von der musikalischen Leitung verdient. Dass er nicht das lange Haar wie auf den Probefotos trug ist schade.

Claudio Sgura ist ein Bariton der feinen Klinge und sang die Rolle des König Claudio balsamisch schön, für diesen Fiesling nahezu schon zu schön. Das Gebet war ein einziger Ohrenschmaus. Seine Stimme ist sicher geführt und kann auch in den vielen Fortestellen der Oper neben dem Tenor sehr gut dominieren. Sgura fiel mir schon vor einigen Jahren in Palermo als Francesco Foscari mehr als positiv auf.

Seine frischangetraute Gattin Gertrude, Amletos Mutter von Ehrgeiz, schlechtem Gewissen und Liebe hin- und hergerissen, war Dshamilja Kaiser mit satter Mezzostimme. Auch sie hat große starke Szenen und Arien, die sie mühelos bewältigen kann.

Polonius und seine Familie: Als erste sei Julia Maria Dan als hinreißende Ophelia genannt. Eine schöne lyrische Sopranstimme, die erstklassig geführt ist und bruchlos in allen Lagen aufhorchen lässt. Darstellerisch war der beginnende Wahnsinn sehr gut umgesetzt. Mit durchdringender Stimme war der Tenor Paul Schweinester als ihr Bruder Laertes zu hören, auch er ein sehr guter Gestalter. Polonio, der so gerne der Schwiegervater Amletos geworden wäre wurde von Eduard Tsango mit ausdrucksvollen Bariton dargestellt und gesungen.                     

Ebenso gut gelang der Orazio des Baritons Sebastian Soules, als Offizier ließ Bartosz Urbanowicz gutes tiefes Material hören.         

Gianluca Buratto konnte als Geist (Amletos Vater) und als Priester eine fast schwarze Bassstimme hören lassen.

Die Gaukler waren Jonathan Winell als König Gonzaga und später als Herold. Sabine Winter als ungetreue mordende Königin und Yasushi Hirano als Mörder Luciano und später als erster Totengräber mit sehr eindrucksvollen Basssolo.

Der Chor hat enorm viel zu leisten, dieses Werk ist eine ganz große Choroper. Ein ganz großes Lob an den Prager Philharmonischen Chor unter Lukas Vasilek.

Der zweite Totengräber ist eine stumme Rolle und wurde von Hans Jörg Ulm gespielt. Sehr gut auch die drei Tänzerinnen Marie Alexis, Charlotte Christiane Petersen und Klaudia Snios. Ran Arthur Braun schuf dazu eine sehr phantasievolle Choreografie.

So gelang ein großartiger Abend, der bewies, dass dieses Werk seinen Platz am Opernspielplan haben sollte. Diese Regiearbeit ist ein Wurf, um den eigentlich jeder Intendant äugen sollte, ihn zu bekommen. Es wäre zu traurig, wenn diese Produktion in der Versenkung verschwinden sollte.    

Elena Habermann

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Schon vor der Premiere der Eröffnungsoper gab es ein „Nostalgie Programm“. Zur Erinnerung an die schwere Zeit im zerbombten Bregenz.  1946 fasste die Bregenzer Bevölkerung den Mut und die tolle Erkenntnis, dass nur Kunst und Musik zum Frieden und zur Versöhnung betragen können. So begann man auf zwei Kieskähnen die Oper des 13-jährigen Wolfgang Amadeus Mozart „Bastien und Bastienne“  zu spielen.  Aus diesen Anfängen in einer schwersten Zeit entwickelten sich „Die Bregenzer Festspiele“. Wenn man liest, wie Künstler bezahlt wurden, nämlich mit Nahrung (und auch, wie an der Wiener Staatsoper im Winter gegen Heizmaterial),. kann man sich das heute wohl nicht mehr vorstellen und nur beten, dass es nie wieder so weit kommt. Zurück zu den Festspielen,  die sich im Gegensatz zu den Salzburger Festspielen (Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt  und Richard Strauss) aus dem Volk heraus gründeten. Eine Seebühne wurde gebaut, die Oper verschwand zu Gunsten der Operette, mit namhaften Kräften. Das Orchester seit der ersten Stunde waren die Wiener Symphoniker. Mit der Erbauung des Landestheater, „Theater am Kornmarkt“ kehrte auch die Oper zurück, sogar mit einem Gastspiel der Scala Milano mit Rossinis „La Cenerentola“. In der Titelrolle hörte man die großartige Bianca Maria Casoni, die wenige Jahre zuvor auch bei den Festspielen in Salzburg zu erleben war. Dieser wunderbaren Aufführungen folgten viele unvergessene Opernabende mit aller ersten Solisten wie dem legendären Giuseppe Taddei als „Don Pasquale“,  „Mama Agata“, „Sulpizio“ in „La figlia di regimento“. In diesen Jahren konnte man auch Elena Zilio und viele andere des italienischen Belcanto erleben.  Eine neue Seebühne wurde gebaut, dazu auch ein Festspielhaus, und wieder feierte die Oper in großartigen Besetzungen Riesenerfolge, Im Haus wurde die Serie der Belcantooper weiter gepflegt, wie „Anna Bolena“ mit Katia Ricciarelli, Stefania Tokyska und Jewgenij Nesterenko, „I Puritani“ mit Edita Gruberova, Sona Ghazarian, Giorgio Zancanaro und Salvatore Fisichella, „Lucia di Lammermoor “ wieder mit Katia Ricciarelli, Jose Carreras und Leo Nucci. Später erlebte man auch „Falstaff“ von Giuseppe Verdi  im Haus mit einer interessanten Doppelbesetzung der Titelrolle. Rolando Panerai, der „ewige“ Ford (in diesem Fall neben Giuseppe Taddei als Falstaff) sang auch in einigen Vorstellungen die Titelrolle. Tosca in einer der besten Besetzungsmöglichkeiten dieser Jahre, mit Jaime Aragall und Mara Zampieri.  Auch auf der Seebühne gab es spektakuläre Aufführungen, wie „Hoffmanns Erzählungen“ in der Regie von Jérome Savari, der auch eine sensationelle „Zauberflöte“ schuf. Aber auch „Carmen“, „Fidelio“,  „Der fliegende Holländer“ konnte das Publikum begeistern.  ´Später traute man sich sehr erfolgreich über „Il Trovatore“, „Tosca“ und auch „Andrea Chenier“, Im Haus konnte man „La Wally“ und ganz besonders spektakulär Italo Montemezzis „L` amore di tre re“ mit Kurt Rydl als alten König erleben. Mit den Intendanten änderte sich auch die Gewohnheit der Oper im Festspielhaus. So wurde auf zeitgenössisches gesetzt, damit setzte man unter anderen Höhepunkte mit der „Passagiern“,  der „Griechischen Passion“, sowie dem Auftragswerk an HK Gruber für „Geschichten aus dem Wienerwald“. 

 

 

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