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BREGENZ/Festspiele /Spiel auf dem See: RIGOLETTO. Premiere

Ein Bühnenbild mit beweglichem Bühnenzauber

18.07.2019 | Oper


Foto: Dietmar Stipovsek/ Festspiele

 

BREGENZER FESTSPIELE: Verdis „RIGOLETTO“, als Spiel auf dem See:

Ein Bühnenbild mit beweglichem Bühnenzauber

17.7.2019 – Karl Masek

Kaum zu glauben, Giuseppe Verdis melodienseliger Reißer war noch nie auf der Bregenzer Festspiel-Seebühne zu sehen! Intendantin Elisabeth Sobotka entschied sich für eine „Bodensee- Erstaufführung 2019“. Soviel sei vorweg genommen: eine goldrichtige Entscheidung. Der Kartenvorverkauf lief glänzend an. Gut 95% der Tickets sind bereits verkauft, und eine Auslastung von 100% erscheint im Bereich des Möglichen zu sein …

Mit der Inszenierung auf dem See wurde der Film-, Theater- und Opernregisseur mit künstlerischen Wurzeln als Bühnenbildner, Philipp Stölzl, beauftragt. Vielleicht waren da so manche skeptisch, ob der vielseitige Performance-Künstler „geeignet“ für diese besondere Herausforderung sei. Ist „Rigoletto“ schließlich auch ein psychologisches Kammerspiel mit oft nur 2 Personen auf der Bühne. Das erfordert, wie der anfänglich zögernde Stölzl zugestand, eine „besondere metaphorische Bühnenwelt“. Im Gegensatz zu Videoclips für Rock- und Popstars wie Rammstein, Madonna, Gianna Nannini oder Mick Jagger „…ist das Inszenieren von Opern eine Sekundärkunst, es gibt schon ein Kunstwerk, so toll, so stark komponiert, dass es sich schon weit mehr als 100 Jahre hält, … , die Frage ist, schaffe ich es, eine Bildwelt und Erzählweise zu erzeugen, die die Oper für diesen Abend toll in Szene setzt?, so Stölzl in der Bregenzer Festspielzeitung.

Beim „Spiel auf dem See“ hat eine stilbildende  Bühnenbildlösung besondere Bedeutung. Im speziellen Falle sind die Blickfänge ein 14 Meter hoher Kopf, der übrigens inklusive Unterkonstruktion und Befestigung auf der Seebühne ca. 140 (!) Tonnen wiegt. Dazu zwei Riesenhände, die sich als vielfältig beweglich erweisen. Dieser Teil des Bühnenbilds (erstellt von Philipp Stölzl und Heike Vollmer) ist eigentlich ein „Industriebau“, wie bei einer eindrucksvollen Bühnenführung betont wurde. Der mit Helium gefüllte Ballon ist tatsächlich flugtauglich und zusätzlich eindrückliche, bewegende Bildmächtigkeit, auf die ich noch zu sprechen komme. Die Schädeldecke, die Augen, der Mund dieses Monumentalkopfes ist einerseits Spiel- und Singfläche. Projektionsfläche der Gedanken- und Gefühlswelt des Hofnarren und seiner Täter/ Opferrolle. Einzigartig dabei, dass man keine Skulptur zu sehen bekommt, sondern bewegliche Bühnenmagie. Die Augen (Rigolettos) bewegen sich (nach Art des „Seitenblicke“Vorspanns der gleichnamigen TV-Sendung), die Gesichtszüge verändern sich. Schließlich verliert die Figur nach und nach die Zähne, mutiert schließlich zum Totenkopf. Leere Augen- und Nasenhöhlen.

Die Inszenierung, angereichert durch Stunts, verlangt den Mitwirkenden alles ab. Spektakulär Wired Aerial Theatre  (16 Stuntmen, perfekt einstudiert von Wendy Hesketh-Oglivie) und die fabelhafte Statisterie! Höchste Körperbeherrschung sowie absolute Schwindelfreiheit wird auch „Gilda“ und dem „Herzog von Mantua“ abverlangt. Aber sie werden auch in bester Bergsteiger- und Kletterermanier gesichert!

Auf der vielfältigen Bühnenschräge ein wuseliges Bewegungstheater, welches das Auge ebenfalls permanent beschäftigt. Dass sich Stölzl eines kundigen und profunden musikalisch-  szenischen Assistenten versichert hat (Philipp M. Krenn, er mit Sängerknabenvergangenheit, nunmehr mit erfolgreichen Arbeiten u.a. an der Neuen Oper Wien), zeigt großen Respekt vor der musikalischen Vorlage. Mitunter wird der regieliche Holzhammer ausgepackt und ziemlich dick aufgetragen, wenn der Herzog ausgerechnet bei „La donna e mobile“ die vielbrüstigen Puppen zappeln lässt und peitschenknallend schon das instrumentale Vorspiel unnötig mit einer Geräuschpartiturzeile anreichert“. Starke, berührende Szenen gelingen dafür, wenn psychologisches Kammerspiel in den Szenen Rigolettos mit der geliebten Tochter Gilda, stattfindet. „Caro nome“ zeigt Gilda im emporschwebenden Ballon, himmlisches Liebesgefühl wird mit himmlischen Schwebetönen beglaubigt. Die Seele der sterbenden Gilda (sie selbst noch mit überirdischem gehauchten pianissimo noch auf der Bühne) entschwebt mit dem Ballon. Hier war die Metapher mit dem Double sinnfällig, und man verschwendete keinen Gedanken, das könnte kitschig sein. So geht Oper! Und die gruselige Szene davor, Mitternacht, Gewittermusik ( da schauten etliche ängstlich zum Himmel, ob sie nicht doch noch die Pelerinen auspacken sollen – perfekte Theatermagie!): Da zeigte Stölzl Theaterpranke. Georg Veit war der grandiose Lichtmeister.

Verdientermaßen besonders gefeiert wurde die „Gilda“ der blutjungen französischen Sopranistin Mélisa Petit. Für viele d i e. Neuentdeckung des Abends! Man braucht keine prophetischen Gaben, um ihr eine große Karriere vorauszusagen. Wunderbar lyrisch und von weich getönter Färbung ist diese urgesunde Stimme, gerundet von der gehaltvollen Mittellage bis zu stratosphärisch klaren , auch stimmlich mühelos erkletterten (!) Höhen, ganz ohne jegliche Schärfe. Darstellerisches Potential inbegriffen. Man wünscht dem „Newcomer“ die nötigen, behutsamen Schritte der Weiterentwicklung ohne Raubbau an der kostbaren Stimme.

Der 38-jährige, in Philadelphia geborene Tenor Stephen Costello war ein macht- und selbstbewusster, draufgängerischer Herzog mit der nötigen Portion „Italianitá“ und unerschrockenen, sicheren Spitzentönen. Ein glaubhafter Frauenjäger und früher ≠metoo-Auslöser. Da passte auch der etwas monochrome Stimmeinsatz im oberen Mezzoforte-Bereich.

Der bulgarische Bariton Vladimir Stoyanov war in der Titelrolle mit weichem, schön timbriertem, aber kräftemäßig mitunter an Grenzen stoßendem Organ ein perfekter Täter/ Opfertyp. Mitleid war ihm sicher. Machtvolle Steigerung jedenfalls bei „Cortigiani…“ und der immer unwiderstehlichen Stretta. Da spielte dann auch der See mit, wenn der Hofnarr im Furor des Zorns einige Höflingsstatisten, die eben noch eifrig gespottet hatten, ins Wasser schmiss.


Ins Wasser mussten natürlich einige Statisten, der Bodensee will beschäftigt sein. Foto: Youtube

Zufrieden konnte man auch mit den anderen Sänger/innen sein. Miklós Sebestyen war der bassschwarze Sparafucile, optisch wie der Tod aus dem Jedermann. Seine Bühnenschwester Maddalena wurde von Katrin Wundsam verführerisch georgelt. Mächtig tönte der Fluch des Monterone des griechischen Basses Kostas Smoriginas. Pauschallob für die Höflinge (Wolfgang Stefan Schwaiger, Paul Schweinester, der Tiroler Beitrag bei den Bregenzer Festspielen), für die Gräfin Crepano, das erste Herzog-Opfer (Leonie Renaud) und den Pagen (Hyunduk Kim).

Das Orchester, zugespielt aus dem Festspielhaus, tönte, so schien es jedenfalls ganz am Anfang, unnatürlich verzerrt und etwas bass-lastig. Das wird der Tonanlage geschuldet sein. Bei den Sängern fiel dieser Umstand weniger auf, die standen wohl immer perfekt „im Raum“.

Die Wiener Symphoniker boten, temperamentvoll geführt vom Dirigenten, Enrique Mazzola, besten Arena-Verdi-Sound. Rasante Tempi, schöne Soli, v.a. Flöte und Cello! Langjährig bewährt der Prager Philharmonische Chor und der Bregenzer Festspielchor, einstudiert  von Lukáš Vasilek, Benjamin Lack.  Die Kooperation mit dem Vorarlberger Landeskonservatorium, das die einsatzfreudige Bühnenmusik stellte, erfuhr auch eine Fortsetzung,

Von einem vollen Erfolg ist zu berichten. Und von einer gelungenen Mischung aus Opernarena und musiktheatralischem Anspruch. Das Publikum goutierte dies mit großer, uneingeschränkter Zustimmung und ausdauerndem Jubel. Während der Vorstellung blieb der Szenenbeifall noch relativ zurückhaltend.

Karl Masek

 

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