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BREGENZ/ Festspiele im Festspielhaus: DON QUICHOTTE von Jules Massenet. Zweite Vorstellung

„We could be heroes“

23.07.2019 | Oper

Jules Massenet: Don Quichotte, Bregenzer Festspiele, Festspielhaus, Vorstellung: 21.07.2019

 (2. Vorstellung seit der Premiere am 18.07.2019)

 (Passagen in Kursivschrift: nach Massenets mein Leben, abgedruckt im Programmheft der zu besprechenden Produktion)

„We could be heroes“

Wie immer bei den Produktionen im Bregenzer Festspielhaus gilt es den Künstlern zu danken, die für nur drei Vorstellungen die Mühen der Produktion auf sich genommen haben.

Massenets späte Oper „Don Quichotte“ hat nicht ganz den Raritäten-Charakter wie Faccio’s „Amleto“ vor zwei Jahren oder Boito’s „Nerone“ im kommenden Jahr, ist im deutschen Sprachraum aber ein doch eher seltener Gast auf den Bühnen. Gerade eben an der Deutschen Oper in Berlin gelaufen, ist die Oper im Herbst beim Festival in Wexford oder dann im Frühling in Frankreich, am Théâtre Massenet in Saint-Étienne oder in Tours zu erleben.


Don Quichotte, 1. Akt; © Bregenzer Festspiele/ Karl Forster

Vom Roman zur Oper

„Vor allem Le Lorrains geniale Erfindung, Cervantes‘ Dulcinea, die fette Wirtsmagd, durch die wirklich originelle und bildhübsche Dulcinea zu ersetzen, brachte mich darauf, diese Oper zu schreiben.“

Wie so häufig im Bereich der Oper, haben auch Massenet und sein Librettist Henri Cain nicht direkt auf die Vorlage, den Roman „El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha“ von Miguel de Cervantes zurückgegriffen, sondern sich an einer dramatischen Bearbeitung, „Le Chevalier de la longue figure“ von 1904 von Jacques Le Lorrain orientiert. Durch die damit zusammenhängenden Bearbeitungsschritte gibt es so viele Veränderungen, dass das Libretto, auch wenn es qualitativ natürlich nicht mit Cervantes Roman konkurrieren kann, als eigenständiges Werk gelten kann und muss. Bestes Beispiel dafür ist die Wandlung Dulcinées von der Wirtsmagd des Romans zur Schönheit der Oper.


Don Quichotte, 3. Akt; © Bregenzer Festspiele/ Karl Forster

Aus der Partitur auf die Bühne

„Wie gewohnt hatte Henri Cain nach der Heldenkomödie von Le Lorrain sehr geschickt ein Libretto hergestellt.“

Die szenische Umsetzung ist in ihren einzelnen Teilen durchaus gelungen, krankt im Ganzen aber daran, dass die Regisseurin Marianne Clément das Stück nicht ernst nimmt und ihre Inszenierung wie die Oper  grundlos auf Cervantes Roman bezieht.

Clement sieht die Frage danach, wie Don Quichotte die Wirklichkeit wahrnimmt, als Schlüsselfrage und hat sich um diese Frage herum, längst nicht immer nachvollziehbar, eine Inszenierung geschaffen, die sie dann noch feministisch einfärbt. Das Hauptthema, der Werte-Konflikt von alt (verkörpert durch Don Quichotte) und neu (verkörpert) durch Dulcinée kommt nur beiläufig zur Sprache. Wenn Clement die Geschichte nun als Untergang der Männlichkeit und Morgenröte des Feminismus sieht, hat sie wohl ausser Acht gelassen, dass Dulcinée nicht als Verkörperung des Neuen sondern als Bestandteil des alten Werte-Kanons Frau sein muss.

Nach dem Einblenden eines Rasierklingen-Werbespots und der Ansprache eines entrüsteten Pseudo-Zuschauers, öffnet sich der Vorhang. Der erste Akt ist als Theater im Theater angelegt und so nehmen der Pseudo-Zuschauer und eine Don Quichotte-Figur neben einer Handvoll weiterer Personen in den nachgebildeten Reihen des Festspielhauses Platz. Das Bühnenbild zeigt einen Platz in einer spanischen Ortschaft und würde durchaus auch für einen Barbier von Sevilla taugen. Der zweite Akt, mit dem Kampf gegen die Windmühlen, findet im Badezimmer statt. Der Ventilator wird für Don Quichotte zur Windmühle. Soll der Zuschauer die Rasur, den Kampf mit dem Bart, nun auch als vergeblichen Kampf mit der Männlichkeit sehen? Für den dritten Akt hat Julia Hansen (Bühne und Kostüme) eine No go-Area nachgebildet, der offenbar das Wesen der Banditen zeigen soll. Der vierte Akt spielt dann in einem Grossraumbüro und  im fünften Akt beobachtet Dulcinée als Zuschauerin Don Quichottes Sterben in einer angedeuteten Winterlandschaft.


Don Quichotte, 5. Akt; © Bregenzer Festspiele/ Karl Forster

Das Brechen der linearen Erzählung und das Denken in Episoden sind gewollt. Ein sinnvoller Zusammenhang ist aber nicht gegeben, auch wenn die einzelnen, hervorragend ausgeleuchteten (Licht: Ulrik Gad) Bilder für sich mindestens ästhetisch ansprechend sind.

Schade, da wäre mehr zu machen gewesen.

Aus der Partitur zum Klang

„Mit grosser Begeisterung nahm man unsere grossartigen Sänger auf: Schaljapin in idealer Don Quichotte, Lucy Arbell – eine funkelnde, aussergewöhnliche Schöne Dulcinea und Gresse als ein Sancho von umwerfender Komik!“

Die Wiener Symphoniker unter David Cohen machen rustikalen Dienst nach Vorschrift, so dass die Längen der Oper doch unangenehm auffallen. Der von Lukáš Vasilek vorbereitete Prager Philharmonische Chor ist mit grossem Engagement bei der Sache: so einige Angehörige sassen im Publikum.

Anna Goryachova als Dulcinée konnte leider kein Funkeln bieten. Zu wenig markant und in der Höhe unangenehm tremolierend. Gábor Bretz als Don Quichotte überzeugte mit solidem Handwerk. Mit den berühmten Vorgängern in der Rolle kann er es leider nicht aufnehmen. David Stout als Sancho Pansa blieb rundum blass. Léonie Renaud als Pedro, Vera Maria Bitter​ als Garcias, Paul Schweinester als Rodriguez und Patrik Reiter ​ als Juan ergänzten das Ensemble.

Die Begegnung mit Massenets „Don Quichotte“ zeigt, dass dieses Werk doch überdurchschnittlich stark von den Solisten abhängt.

Weitere Aufführung: 29.07.2019.

24.07.2019, Jan Krobot/Zürich

 

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