80 Jahre Bregenzer Festspiele: Im Jubelrausch für das neue Opernprogramm
Von Georgina Szeless

Man wusste es, hielt es aber nicht für möglich. Das traditionelle Opernfestival im westlichsten Bundesland Österreichs feierte am Mittwoch und Donnerstag, dem 22. Juli 2026 und tags darauf dem 23. Juli, sein 80-jähriges Bestehen mit zwei Opern in Bregenz, die bisher noch nicht in Bregenz aufgeführt wurden. Ein altbekanntes und ein neuentdecktes Werk, in beiden Fällen mit einem geradezu sensationellen Erfolg. Den Auftakt machte Verdis berührendes Seelendrama, an Ostern bereits ausverkauft, „La Traviata“ nach dem Roman Alexandre Dumas d. J., uraufgeführt 1853 in Venedig, eigentlich ein intimes Werk, das man bei den Dimensionen der größten Seebühne der Welt gar nicht so am rechten Platz glauben würde. Am Bodensee gelten andere Gesetze. Man inszeniert bei Ausnützung des Sees und macht diesen zum Mitspieler der Oper. Während die elegante Gesellschaft in der Pariser Oper sich aller Lebensfreuden hingibt, und Verdis Musik die Charaktere in schwungvollen Klängen aufmarschieren lässt, gibt es unten im Wasser eine fröhliche Schwimmstunde für die ungeladenen Gäste. Zur Zeit der Roaring Twenties spielt das spektakuläre Bühnenbild von Paolo Fantin in der Inszenierung von Damiano Michieletto, wenn auch große physische Anforderungen an die badenden Personen gestellt werden. Die Verlegung eines Stückes in andere Zeiten ist heute längst Gewohnheit. Im übrigen hat schon Verdi bei der erfolglosen „Traviata“ (=“Die vom Weg Abgekommene“) die Handlung ins 17. Jahrhundert zurückverlegt. Die Ausstattung in Bregenz ist so luxuriös, dass man leicht abgelenkt wird. Eine 700 Quadratmeter große Spiegelfläche, in Bruchstücke geteilt, bedeckt die Bühne, wetter- und rutschfest. Der Stahlaufbau ist für zwei Jahre konstruiert, da in Bregenz für die Seeaufführungen ein Zweijahresrhythmus gilt. In der Mitte des Spiegels, Symbol für das zerbrechliche, chancenlose Leben Violettas, wird eine riesige schwarze Kugel herausgefahren und verschwindet bei ihrem Sterben. Ein Wunderwerk der Technik, das im Vergleich zu anderen Bühnen hervorsticht. Weitere seltene Regieideen gibt es in Bregenz zuhauf. Die Qualität der besetzten Rollen entspricht Weltbühnenniveau. Das Open-Air-Vergnügen geriet als ein international großartiges Fest der Stimmen, wobei hier auch die schauspielerischen Leistungen besonders gelobt werden müssen. Die menschliche Komponente der Darstellung kam deutlich zum Ausdruck, und das auf der fast 7000 Menschen fassenden Tribüne. In der Titelrolle glänzte Marjukka Tepponen, schon 2015 als Liu in Bregenz zu bewundern sowie Julien Behr, ihr ebenbürtiger Partner als Alfredo, der seine Cabaletta im zweiten Akt, die wegen ihrer Partiehöhe von lyrischen Tenören gerne übersprungen wird, zum Genuss machte. Weiters Vladimir Stoyanov als Vater Germont, ein Erlebnis mit seinem melancholischen Solo vom Belcanto schon das Verismo erahnend, Janne Sihvo als Marchese oder Stanislav Vorobyov als Dottore Grenvil. Für alle weiteren Rollen gilt das Lob der Jubiläumsvorstellung unter dem Dirigat des 49jährigen Stabführers Kirill Karabits gleichermaßen.

Das längst fällige Festspielgeschenk – Leos Janaceks „Die Ausflüge des Herrn Broucek“ als Hausoper der Bregenzer Festspiele
Es war kaum zu erwarten, dass das so gut wie unbekannte Werk des tschechischen Meisters so bedingungslos angenommen würde. Es wurde enthusiastisch applaudiert, und der Stoff geht einem wegen seines überirdischen Sujets lange nicht aus dem Sinn. Verstehen wird man es besser, wenn man sich eingehend damit beschäftigt. Bisher gab es bemühte Versuche zur populären Annäherung. Schon die Entstehung der Oper war sorgenvoll für den Komponisten und machte bereits Probleme bei der Suche nach Librettisten. Dies trotz aller Beweise für den Erfolg Janaceks mit seinen vorausgegangenen nicht weniger als neun Bühnenwerken. Nicht einmal Max Brod, Janaceks Intimus und Künstlerfreund, fand daran spontan Gefallen und wollte es nicht in die deutsche Sprache übersetzen. Janacek hielt dennoch an seinem Projekt fest. Es sollte ein zweiteiliges Opernwerk mit einer Rahmenhandlung werden, wurde dann doch einheitlich in Vielfalt verbunden. Janacek wurde mit „Broucek“ (übersetzt das „Käferchen“) eines der größten Musikdramatiker des 20. Jahrhunderts. 1920 in seiner Heimat gespielt, handelte es sich um die erste und einzige Uraufführung seiner Opern in Prag. Und siehe da! Der Erfolg schlug ein. Dann wurde es hierzulande allerdings lange still um „Broucek“. Die deutsche Bühne in Berlin „Unter den Linden“ feierte 2025 eine kurze Auferstehungsfeier, und das Tiroler Landestheater Innsbruck hatte sich heuer des Werkes liebevoll angenommen. Aber was gibt es denn nun von „Broucek“ zu hören und sehen? Wie gesagt, zwei Teile in zwei Welten. Zwei grundverschiedene Traumreisen, viele Mehrfachrollen und inhaltlich abgebrochene Wechsel. Denn es geht um eine verkappte Satire, groteskes Leben und historische Rückblendung. Alles pathetisch gefärbt und visionär erlebt von einem Außenseiter des Lebens, eben Broucek, der Würstel, Bier und Freiheit mehr schätzt als sein Einsiedlerdasein. Daher macht er unorthodoxe Ausflüge, um am Ende wieder in sein Haus als derselbe Mensch zurückzukehren. Wie typisch für die Unzufriedenheit mit dem Reichtum heutiger Geldmagnaten. Einfach phantastisch, wie spannend und realitätsnah die Bregenzer Ideenbringer diese „komische Oper“ umsetzen. Der erste Teil führt Broucek in eine Mondlandschaft, kubistische Ballettwesen tanzen und sprechen, pardon singen, mit ihm in verhüllter Maske. Allein Broucek flieht vor ihnen, gerüstet für neue Erlebnisse. Es ordnet sich die Erde, eine neue Zeit beginnt.
Das Staunen über die faszinierende Darstellung der Ereignisse auf der Bühne beginnt hier. Fortgesetzt von Brouceks Ausflug in das historische Mittelalter des 15. Jahrhunderts. Der US-amerikanische Regisseur Yuval Sharon – inspiriert vom Dadaismus und absurdem Thater – bringt die Janacek-Oper in einer ebenso mutigen wie gewaltigen Inszenierung auf die Bühne von Jon Bausor, der auch die Kostüme verantwortet. Broucek trifft auf kriegerische Hussiten, mit zeitgemäßen Waffen Sigismund kämpfend, nichts für den Antichristen Broucek, der lieber seine Ruhe haben will. Man schafft ihn weg und steckt ihn in ein Fass, aus dem er glücklicherweise befreit wird. Der herrliche Hussitenchor im zweiten Werkteil ist ein wunderbares Beispiel für die Musik Janaceks, in der es kaum Arien für die Sänger gibt, aber dafür herrliche, Puccini gleiche Melodien im Orchester mit Zwischenspielen, die an Stummfilme erinnern, fugenreiche Harmonien, die stilistisch vergessen machen, dass Janacek überhaupt kein Komponist der Moderne ist. Man kennt doch seine Meisterwerke etwa „Katja Kabanova“, „Die Sache Makropoulos“ oder „Das schlaue Füchslein“. Die Wiener Symphoniker, das Stammorchester der Bregenzer Festspiele, fühlte unter Robert Jindra genau der Klangsprache Janaceks nach, zeichnete flexibel die scharfen Akzente, wenn es um lyrisch-dramatische Passagen ging. Ebenso der Prager Philharmonische Chor unter Lukas Vasilek, der sich sprachlich besonders wohl gefühlt haben musste. Der Engländer Daniel Brenna als Titelheld artikulierte die tschechische Sprache mit gekonnter Souveränität.
Das Gesamtensemble und seine Hingabe an die Opernrarität hinterließen einen omnipotenten Eindruck von einer Produktion, deren Einzigartigkeit in die Festspielgeschichte eingehen wird. Die zweite Saison der finnischen Intendantin Lilli Paasikivi im Rahmen des 80. Geburtstages der Bregenzer Festspiele verriet ihre Liebe zu Bregenz, die sie immer wieder zum Ausdruck brachte.
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

