BRAUNSCHWEIG: DER FREISCHÜTZ
28.8.2026 (Werner Häußner)

Foto: Kirsten Nijhof
Die rotgrauen Zweige, von denen sich Max beim Abstieg in die Wolfsschlucht bedroht fühlt, sind auf dem Burgplatz in Braunschweig ins Monströse gewachsen. Vor der neuromanischen Fassade von Burg Dankwarderode beansprucht ein gewaltiger Baum beinah aggressiv den Raum. Aus dem abgestorbenen Stamm ragen skelettartige, kahle Äste. Das knollige Wurzelwerk schimmert matt in Teufelsrot und Giftgrün. Matthias Engelmann hat für den Freilicht-„Freischütz“ eine auf ein riesiges Symbol konzentrierte Einheitsbühne geschaffen, die sich im Licht von Kai Olschewski chamäleonhaft und surreal verändern kann. Perfekt für ein Grusical: Dieser Monsterbaum könnte auch ein versteinertes Alien sein, oder eine wuchernde fremde Lebensform, die sich in die Erde krallt.
Manchmal schmiegt sich Samiel in die Schründe des Stammes, und dann wird sie eins mit dem fleckigen Rot der Rinde. Lina Witte ist ein genderindifferentes Samiel-Wesen, schlangenhaft schlank, mit rotem Geweih. Keine Verkörperung des Teufels; eher einer seiner Dienstgeister. Zu Beginn beschwört sie den Satan mit „Lob und Preis im hohen Himmelszelt“, einem satanistischen Poem von Charles Baudelaire. Der, dessen Name nicht genannt werden soll, schwebt über Allem, eine transzendente Instanz, der alle auf der Bühne dienstbar sind, ob sie wollen oder nicht. Auch der Eremit, den Magnus Piontek mit üppiger Stimme in einer weißen, golddurchwirkten Robe eher wie einen Kirchenfürsten als einen bescheidenen spirituellen Einsiedler gibt. Am Schluss kriecht er an der Hundeleine an Samiels Seite.
Der Antagonismus zwischen Gut und Böse ist in dieser Inszenierung ausgelöscht, auch die weißen Rosen sind nurmehr Zitat eines ferngerückten Reflexes auf den „über Sternen“. Gott hat hier nichts mehr zu melden. Auch Agathe singt ihre Cavatina merkwürdig ambivalent, während sie im Wurzelwerk des Teufelsbaumes steht. Welcher „heil’ge Wille“ ist da gemeint? Und wird der „blinde Zufall“ hier nicht von der planenden Macht des Bösen statt von Gottes Vorsehung verhindert? Wie auch immer: Ob Agathe an solchem Ort „in Liebe“ wahrgenommen wird, sei dahingestellt.
Philipp Moschitz erlaubt sich in seiner flotten und kurzweiligen Inszenierung noch mehr solcher Merkwürdigkeiten. Er macht aus Webers Oper ein Grusical mit komödiantischen Einsprengseln, beruft sich dabei auf die Schauerelemente in Apels „Gespensterbuch“. Die Besucher im fast vollbesetzten Rund der Tribüne fühlen sich offenbar bestens unterhalten: Es gab mehr Lacher als in mancher drögen Stadttheater-Operette. Aber wer sagt denn, dass der Teufel keinen Humor besitzt: Lina Witte zitiert vor dem Auftritt des Jägerchors den Text des Schmettergesangs mit dem Aplomb alter Staatsschauspieler, um dann mit dem „Tralala la la“ eine virtuos erheiternde sprachliche Slapsticknummer abzuliefern.
Der Chor selbst gerät dann zur ironisch gebrochenen Demonstration toxischer Männlichkeit im Jagdgewande. Claudio Pohle steckt die Männer in malerische Uniformen mit federngeschmückter Kopfbedeckung, Kniebundhosen und grünglänzenden Jacken mit Goldborten – als wolle er den Anhängern „werkgerechter“ Inszenierungen vorführen, wie anachronistisch derlei Mummenschanz wirkt. Die Front der Jagdgesellen wendet sich gegen die Schar der Frauen, die in Blumenhütchen und Trachtenrock-Adaptionen das zitternde Jagdwild mimen. Max verballert dann seine Freikugeln auf Luftballons mit „I love you“-Aufschrift – einen davon hat er bei seiner großen Szene im ersten Aufzug selbst beschriftet.
Amüsant auch die Brautjungfernszene, die als „Junggesellinnenabschied“ inszeniert wird, in deren Verlauf Samiel den Brautkranz mit der Totenkrone tauscht. Die Geschichte mit den geweihten weißen Rosen bleibt den ganzen Abend lang merkwürdig im Belanglosen hängen: Es hätte sie eigentlich gar nicht gebraucht. In solchen Momenten verliert der Fokus der Inszenierung an Schärfe.
Auch die Wolfsschlucht driftet in eine – von Sven Niemeyer packend choreografierte – Gruselnummer ab. Die Fetzenpuppen-Tierköpfe der Tänzerinnen, ihre zottigen Überwürfe, die skelettierte Brustkörbe notdürftig bedecken, verfehlen ihre Wirkung nicht. Kompliment an die Maske von Nicolas Guth und seinem Team! Die Kugeln holt Kaspar aus einem qualmenden Kinderwagen – stand da „Rosemary‘s Baby“ von Roman Polański Pate? Die Zutaten des Kugelgießens sind bloß glitzernder Talmi-Staub; die Geschosse schwirren rot leuchtend durch die Luft zu Max, der sie flugs in seine Tasche stopft. Das ist eindrucksvoll und mit Tempo inszeniert, eine Mega-Show, die uns aber über die Personen im Stück zu wenig erzählt.
Ähnlich das Ende: Es bleibt seltsam gestaltlos, was der Fürst, der alte Kuno, Max und Agathe da veranstalten. Die Lösung, die sich Moschitz einfallen lässt, wirkt originalitätssüchtig, eine Konstellation, die es aus gutem Grund so wohl noch nicht gegeben hat und die Samiel in die Nähe eines Byron’schen oder Milton’schen düsteren Helden rückt. Leidtragend ist die Figur des Kaspar, dem Samiel sein Profil weggespielt hat: Sungjun Cho hat kaum mehr beizutragen als aus vollem Hals zu singen. Das tut er regiedienlich, aber leider auf Kosten differenzierender Rollengestaltung, auch in seiner mit hastiger Zwischenatmung vorgetragenen Warnung an Max, zu schweigen.
Das Braunschweiger Ensemble lässt sich mit bewundernswertem Engagement auf Moschitz‘ Regieideen ein und kann auch vokal beeindrucken: Viktoria Leshkevich glänzt mit den Tugenden eines sicher gestützten Legato-Singens, ist auch in den Dialogen präsent und ausdrucksstark. Veronika Schäfer hat Glanz und tragenden Kern in ihrer Stimme, macht aus der Kettenhund-Ballade ein Kabinettstückchen zwischen Schauder- und Lachnummer. Alexander Geller ist ein erfahrener Max und hat – neben ausgezeichneten Operettenrollen – jüngst den Königssohn in Engelbert Humperdincks „Königskinder“ in Neustrelitz gesungen. Er verkörpert eher den noblen Schreiber in violettem Gehrock als den Jägersburschen: Ein distinguierter reifer Mann, der für Agathe sicher eine gute Partie wäre. So singt er auch: Gemessen in den emotionalen Ausbrüchen („… mich packt Verzweiflung, foltert Spott …“), wortsinnig artikulierend, auch einen leichten Hang zum Nasalen geschickt kontrollierend. In den kleineren Rollen muss Zachariah N. Kariithi als Ottokar mit vokaler Präsenz ausgleichen, was ihm die Regie an szenischem Gewicht vorenthält. Rainer Mesecke ist trotz angesagter Indisposition als Kuno auf sonor-sicherer Seite. Philipp Kapeller freut sich als Kilian ausgiebig und hämisch, dass der Bauer einmal über den Jäger gekommen ist.
Das Staatsorchester Braunschweig muss im Zelt sitzen, um der Unbill der Witterung zu entgehen. Die Folge: Trotz einer gut funktionierenden Tonanlage bleibt der Klang oft pauschal. Die Bässe sind betont und geben der Musik eine samtig-weiche Grundierung, aber die Holzbläser sind kaum zu hören. Alexander Sinan Binder dirigiert – die Premiere bestritt der neue Braunschweiger GMD Friedrich Praetorius – mit Sinn für ausgewogene Tempi, durchdachte Übergänge und feinem Gespür für die Steigerungsdramaturgie der Wolfsschlucht-Musik. Der neue, aus Leipzig gekommene Generalintendant des Braunschweiger Staatstheaters, Tobias Wolff, hat mit dem – in Braunschweig lange nicht gegebenem – „Freischütz“ auch ohne Freikugeln einen Treffer gelandet und das Publikum trefflich bedienen lassen. Sein Spielplan für 2026/27 bietet mit Nico Dostals „Clivia“ und einer „Lorelei“ des in Braunschweig geborenen Spätromantikers Hans Sommer einige Anlässe, in die Stadt Heinrichs des Löwen zurückzukehren.
Werner Häußner

