Bosnien-Herzegowina / VaClaF 2026: Ein Musikfestival mit kultiviertem Wiener Geigen-Sound
(29.7. bis 5.10)

VaCLaF-Konzert in /Sarajevo Credit: Marijanovic
Das zentrale Bosnien bietet eine überwältigende weite Berglandschaft, deren dicht bewaldeten Höhen nur gelegentlich über tausend Meter ragen. Und grün, grün und überall grün, mit unglaublich vollem Baumbewuchs sind die Hänge und engen Täler, Schluchten überzogen. Ein Naturerlebnis ist hier gegeben. Der frühere wichtige Bergbauort Vares inmitten dieser üppigen Waldregion ist die zentrale Stätte des seit 2013 bestehenden Vares Classical Festival – VaClaF 2026.
Mit Kulturerlebnissen muss man sich in Bosnien-Herzegowina wohl bescheiden. Traditionelle bosnische Lieder werden gepflegt, bosnische Rockgruppen sind auch im Westen bekannt. Mit klassischer Musik sieht es dagegen eher heikel aus. Die Sarajevska filharmonija in Sarajevo, auch in Opernaufführungen eingesetzt, hat Tradition. Ebenso das Mostar Symphonieorchester. 2022 wurde in Banja Luka ein Orchester gegründet, welches sich noch im Aufbau befindet. Für Bosniens kulturelles Leben einen besonders wichtigen Schwerpunkt setzt alljährlich dieses über mehrere Wochen dauernde VaClaF Kammermusikfest, welches in Sarajevo und an anderen Orten dieser Region aufspielt. Und, bitte …. aus Wien (oder auch den USA) kommen die auftretenden exzellenten MusikerInnen angereist. Die Wiener Violinvirtuosin Andrea Nikolic organisiert die zahlreichen wie auch unterschiedlichen Veranstaltungen heuer unter dem Motto Origins – Wurzeln . Und sie führt ihr international besetztes Ensemble WISE – Wiener Internationales Solisten Ensemble – zu hochexpressiven wie klangschönen Interpretationen. Aber auch das Österreichische Kulturforum in Sarajevo steht ihr in diesem positiven Kulturaustausch beiseite.
Gewagt und doch erfolgreich: Beinahe ausschließlich Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ist dieses Jahr zu hören gewesen. Und das Publikum, wohl ein spezielles, hat höchst aufmerksam reagiert. Etwa auf das „Narodni“-Streichquartett des Kroaten Boris Papandopolo (1906 – 1991), in weichem mit feinster Sensibilität Volksmusik des Balkan phantasievoll variiert wird. Andere Glanzpunkte in den verschiedenen Programmen: Mozarts wie auch Benjamin Brittens „Phantasy“- Oboenquartett mit der Oboistin Ivana Nikolić. Doch überhaupt: Musizierende Damen dominieren. Und neue Musik ist in jedem Konzert angesetzt: Kammermusik von Penderecki, Schulhoff oder der in New York wirkenden Serbin Aleksandra Vrebalov. Mit „Echolocations“ hat sie eine sich in den diversen Kirchenräumen intensiv ausbreitende Klangflächenkompostion beigetragen. Und die Wiener Komponistin Gabriele Proy entspinnt in ihrem Festival-Autragswerk “Kambrium“ zwischen Oboe, Sologeige und dem spielerischen Pizzicato der Streicher einen ins Ohr gehenden Dialog über die Lebensringe eines Baumes – schön berührend als Symbol des Lebens.
Musiziert wurde etwa in Sarajevo oder in der Klosterkirche von Kraljeva Sutjeska – entlegen gelegen in dieser Naturlandschaft, in der einst im Mittelalter die bosnischen Könige ihre verschanzte Residenz hatten und deren letzter König Stefan Tomisevic 1463 von den Osmanen enthauptet wurde. Damals … nun ist hier eine interdisziplinäre internationale Plattform für zeitgenössische Kunst gegeben, mit Workshops und der Ausbildung junger Musiker in einer Rising Stars-Akademie in Vares. Ende des Jahres ist ein VaClaF-Gastspiel in Marokko angesetzt. Und auch in Wien werden Anfang Oktober im Bank Austria-Salon „Echos aus Vares“ zu hören sein.
Meinhard Rüdenauer

