BONN / DER FREISCHÜTZ – „Alptraum für Deutschland“
3.5. 2026 (Werner Häußner)

„Tradwive“-Propaganda: Alyona Rostovskaya (Agathe) und Nicole Wacker (Ännchen). Foto: Bettina Stöß
Nein, Carl Maria von Webers „Freischütz“ ist das nicht, was in Bonn über die Bühne geht. Es ist, wie ein Untertitel fairerweise ankündigt, ein „Alptraum für Deutschland“, erarbeitet von Regisseur Volker Lösch und Textautor Lothar Kittstein unter Verwendung der Musik Webers. Der Alptraum ist „der aufhaltsame Aufstieg einer rechtsextremen Partei zur Macht“. Aber auch die Personen im Stück träumen schlecht – von Angst, Entwurzelung, Verlust der Orientierung.
Volker Lösch ist bekannt für seine radikal politischen Inszenierungen: Bonn hat es auf der Opernbühne mit einem „Fidelio“ zum Beethoven-Jahr 2020 erfahren. Da ging es um politische Gefangene in der Türkei. Die Kritik warf dem Experiment „Agitation“ vor und sah die Musik in eine untermalende Nebenrolle gedrängt. Beim „Freischütz“ ließe sich ähnlich urteilen: Von den ursprünglichen Dialogen Friedrich Kinds bleibt kaum etwas übrig; auch die Gesangstexte werden zurechtgeschneidert. Webers Oper ist kaum mehr kenntlich, wäre da nicht die (unangetastete) Musik.
Der Alptraum beginnt mit einer Rede: Eine Frau, lange blonde Haare, blaues Kostüm, schreit Sätze in den Raum, bei denen man nicht weiß, ob sie Zitate von Politikern der „Alternative für Deutschland“ sind, oder ob sie treffend erfunden wurden. Die Rednerin bedient sich populärer Phrasen aus dem rechten Milieu, dann erklärt sie: „Ich bin ihre nächste Bundeskanzlerin“. Die Anspielung ist nur allzu deutlich: Wir befinden uns im Jahr 2029, Wahlen stehen an. Wer sie ist? „Nennt mich einfach Samiel.“
Dann setzt die Ouvertüre ein. Lothar Koenigs lässt das Beethoven Orchester Bonn das einleitenden Crescendo lang aushalten, steigert es bedrohlich, kostet das lauernde Adagio aus. Robi Voigts Videos zur Musik kontrastieren deutsche Landschaftsidylle, Familienbilder mit blonden Jungs und ebenso bezopften Mädchen mit bedrohlichen Aufmärschen von Menschen mit verkniffenen Gesichtern in Klamotten aus dem nächsten Billigladen. Dazwischen eingestreut fremd zu lesende Gesichter. Provokant: Eine gotische Kirche voller betender Muslime. Dann zerstörte Straßen und Häuser. Die Mixtur der Bilder ist ein Spiegel von Ängsten und Sehnsucht, von nostalgisch konservativen Klischees und ihrer irritierenden Störung.
Dann die erste Szene: Schützenfest. Den Sternschuss erledigt Kilian, eine Glatze mit Lederjacke und feistem Nacken. Max, blauer Anzug, mit Maschinenwaffe in der Hand. Kuno in bravem braungemustertem Bürokraten-Sakko. Die Dorfgesellschaft so entwurzelt wie in Webers Nachkriegsszenario – nur nicht im 17., sondern im 21. Jahrhundert: Gleiches Zusammenrotten, gleich untergründige Angst, gleiche Gemeinheit im „He, he, he …“. Dazu ein eingeblendetes Originalzitat eines AfD-Mitarbeiters: Wer sich zu sehr feminisiert, ob Mann oder Land, darf sich nicht wundern, wenn er gefickt wird.
Max anno 2029 ist ein traumatisierter, heimgekehrter Afghanistan-„Kämpfer“, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht, dazu gehören will. Kaspar ist in diesem Setting nicht der dunklen, metaphysischen Mächte hörige Gegenspieler, sondern ein Kraftsportler, Teil einer geschickt eingefädelten Intrige, die nur einem Ziel dient, der Kandidatin zur Macht zu verhelfen. Beide durchschauen nicht, welche Rolle sie in einem perfiden Plan spielen: In der Wolfsschlucht (das Deck eines Parkhauses in einem sozialen Brennpunkt der Stadt) rücken ein Dönerladen, ein Barbershop, ein Gemüsehändler ins Zielfernrohr. Die siebte Patrone wird feierlich übergeben. Sie dient für ein (fingiertes) Attentat auf den Kanzler, damit sich die blaue Retterin zum rechten Moment am rechten Platz zeigen kann. Fürst Ottokar (Johannes Mertes), unschwer als Friedrich Merz zu identifizieren, zeigt sich dankbar. Als der Eremit (Christopher Jähnig), ein schwarzer Schatten der blauen Samiel, beschwichtigend losredet, knickt er ein: „Ich will auch gern als guter Demokrat mit jedem reden, der drum bat.“
Und dann folgt lupenreiner Polit-Darwinismus: Demokratie sei Demokratie, lässt sich die künftige Möchtegern-Kanzlerin vernehmen, und die Welt folgte schon immer dem Gesetz des Stärkeren. Wer da gemeint ist, wird am Ende klar signalisiert, als Alice Weidel von einem fingierten AfD-Dankesplakat herunterlächelt. „Zur Kanzlerin erhebt die Blicke“, intoniert der Eremit. Statt auf die Lenkung des Ewigen baut man jetzt auf die „Rettung“ des Vaterlands, was immer das auch bedeutet.
Das ist starker Tobak, und entsprechend sind auch die Reaktionen im Publikum. Protestrufe („Aufhören“, „Kaspertheater“, „Unverschämtheit“) unterbrechen Samiel-Darstellerin Birte Schrein mehrfach; „Weber weint“ wirft eine Zuschauerin dazwischen. Fast erinnert die Empörung – wem sie genau gilt, wird nicht deutlich – an die turbulente Premiere von Tiago Rodrigues „Caterina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ im Bochumer Schauspielhaus im Februar, als zwei Männer sogar die Bühne stürmten und den Darsteller des „Faschisten“ wegzuzerren versuchten. Immerhin: In Bonn unterscheidet das Publikum wohl noch zwischen Theater und politischer Kundgebung. „Samiel“ unterbricht mehrmals die Handlung und setzt zu minutenlangen Reden an. Die Konfrontation mit den Phrasen aus dem rechtsextremen Ideologie-Reservoir ist schwer auszuhalten. Die „Kanzlerin“ der Zukunft hat wenigstens einen Trost parat: „Wenn ich regiere, gibt’s wieder einen vernünftigen Freischütz“, tönt sie aus einer Seitenloge.
Das Ganze endet ohne Trost als Appell: AfD verhindern. Ob die Funktion des Theaters darin besteht, solche Botschaften zu vermitteln, mag diskutabel sein. Aber die scheinbare Agitation ist nur die Oberfläche: Tatsächlich erzeugt dieser Bonner „Freischütz“ eine Beklemmung, die den Zuschauer des romantischen Zeitalters befallen haben mag, als ihn Weber mit den unheimlichen, schwer greifbaren Machenschaften des Bösen konfrontiert hat. Nur sind die „finstern Mächte“ und der unheimliche Abgrund der Wolfsschlucht bei Lösch bar jeder Metaphysik gelesen: Ganz diesseitig und politisch.
Konsequent zeigt er eine Gesellschaft der Angst und Bedrohung, die ihre Mitte und ihre Werte verloren hat. Dafür steht auch der Schauplatz: Carola Reuther stellt den früheren Bonner Bundestag auf die Bühne, als Unort mit blinden Scheiben und wucherndem Gewächs. Da hinein senkt sich, bevor ein Schlägertrupp den Jägerchor auf eine Menschenjagd ummünzt, als ironisches Zitat der „deutsche Wald“ im Nebeldunst. Der Zusammenhang von Romantik und Faschismus als deutsches Phänomen wird hier zeichenhaft greifbar.
Für die musikalisch wie – in diesem Setting – szenisch noch anspruchsvolleren Rollen hat das Bonner Opernhaus ein ausgezeichnetes Ensemble einzusetzen: Kai Kluge singt den desorientierten Max mit strahlendem, schlank-brillantem Tenor, ohne Druck in der Höhe und mit gleichmäßig gestützten Tönen. Nicole Wacker ist als Ännchen mal keine mädchenhafte Opernsoubrette, sondern ein gestandener Sopran. Cary Gayler steckt sie in ein großblumiges Kostüm mit Schürze und markiert sie als eine jeder „Tradwives“, die für die traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter eintreten und ihr Frauenbild offensiv über die sozialen Medien propagieren. Ihr kerniger Sopran besingt – mit völlig veränderten Texten – den „schlanken Bursch“ im Sinne des heteronormativen Verständnisses ebenso wie statt Nero, den Kettenhund „Odin – den Schäferhund“. An solchen Stellen wird’s dann plakativ.
Der Auftritt der Brautjungfern (Joëlle Fleury, Ji Young Mennekes, Heejin Rachel Park, Mary Rosada) illustriert die für Agathe bedrückende Regression auf die Mutterrolle: Die blauen Kleider der vier Frauen machen den gewölbten nackten Schwangerenbauch sichtbar. Alyona Rostovskaya singt die Szene der Agathe im zweiten Aufzug fein differenziert und mit einer Leuchtkraft, die den großen Sopranen der Vergangenheit standhält. Auch die Cavatina im dritten Aufzug beseelt sie mit einem Himmelston-Legato und erlesenen Piano-Lasuren. Ihre Entwicklung von der überzeugt die Backschüssel schwingenden Hausfrau zum traumatisierten Opfer der Machenschaften der Männergesellschaft wirkt glaubhaft. „Und ob die Wolke sie verhülle …“ wirkt freilich in Löschs Konzeption wie ein Fremdkörper: Die leise Andeutung, es könne sich um „Widerstand“ handeln, bringt eine sonst ausgeschlossene Dimension zum Klingen: Agathe gewinnt Kraft aus dem Glauben an den, dessen Auge „ewig rein und klar“ alle Wesen liebend wahrnimmt.

Das „Freischütz“-Finale, von links: Nicole Wacker, Alyona Rostovskaya, Martin Tzonev, Kai Kluge, Birte Schrein, Christopher Jähnig, Johannes Mertes, Chor und Extrachor des Theater Bonn. Foto: Bettina Stöß
Kaspar schließlich, von Tobias Schabel rollendeckend mit passend unterkühltem Ausdruck gesungen, ist in dieser Inszenierung nicht mehr als ein Glied in der Kette der Zumutungen, die Samiel seiner Entourage auferlegt. Ralf Rachbauer ist der aggressive Kilian; Martin Tzonev der bürgerliche Kuno, der ohne sich dessen bewusst zu werden auf den faschistoiden Abweg driftet.
Unbedingt lesenswert ist, was Dramaturg Stefan Schnabel im Programmheft zur Inszenierung schreibt. Er liefert eine präzise Analyse zu Auf,stieg und Wirkung des rechtsextremen Konzepts einer Machtergreifung. Jenseits aller – notwendigen – Diskussionen um das Pro und Contra solcher künstlerischen Konzepte im Musiktheater ist dieser Bonner „Freischütz“ eine treffsichere Analyse, wie sich eine Gesellschaft der Angst, des Vertrauensverlustes und der Orientierungslosigkeit zu entwickeln droht. Volker Lösch bezieht Stellung: Er weiß, wo das Böse heute lauert.
Werner Häußner

