BONN: DIE ZAUBERFLÖTE
9.10. 2026 (Werner Häußner)

Die drei Damen (Kathryn Henry, Susanne Blattert, Alicia Grünwald) verweisen auf das Porträt der Königin der Nacht (Nicole Wacker). Im Bett Prinz Tamino (Mirko Roschkowski). Foto: Matthias Jung
Unterhaltsam sollte es sein, das neue Stück für das Theater auf der Wieden des Emanuel Schikaneder, spannend, lustig, überraschend. Dass aus der „Zauberflöte“ ein Stück Welttheater wurde, so populär wie philosophisch: Haben sich Mozart und der Libretti schmiedende Theaterprinzipal das vorgestellt? Oder hat das Wolferl, wie er es immer tat, Musik nach seiner Art geschrieben, sprühend vor Einfällen und selbst in der Einfachheit tiefgründig, weil er nicht anders konnte?
Wir wissen es letztlich nicht – und die „Zauberflöte“ unterzieht unser Verstehen so mancher Feuer- und Wasserprobe. Was wir wissen: Die „große Oper“ ist ein Stück für Kinder und Weise, heiter, verspielt und märchenhaft, gleichzeitig lebensklug und unerschöpflich. Kein Wunder, dass es die Aufführungszahlen im deutschsprachigen Raum unentwegt anführt; kein Wunder, dass es auf der ganzen Welt sein Publikum findet.
Man kann sich also der „Zauberflöte“ als reiner Tor oder als reflektierender Intellektueller nähern – oder als beides zugleich. Man kann sie als psychologisches Drama, als Spiel der Archetypen, als Märchen oder Emanzipationsstück lesen. Man kann ihr, wie Magdalena Fuchsberger vor zwei Jahren in Essen, mit verkopften Winkelzügen die Poesie austreiben oder sie wie Barrie Kosky in Berlin und Düsseldorf als spannenden Bilderbogen versinnlichen. Julien Lubek und Cécile Roussat wählen für ihre Version – zunächst für die Opéra Royal du Château de Versailles und die Opéra de Wallonie in Liège erarbeitet – den Weg einer Traumerzählung. Damit holen sie die märchenhaften Aspekte geschickt ein, sparen sich aber auch die Beschwernisse einer allzu ausgefeilten Erzähllogik. Deutungen und intellektuelle Überbauten darf man nicht erwarten; dafür entschädigt aber, dass leichtfüßig und zauberhaft erzählt wird.
Begeben wir uns also in der Oper Bonn ins Schlafzimmer des „Prinzen“ Tamino, dessen Möblierung zunächst nur zu großdimensioniert wirkt, mit dem Wegdämmern des Protagonisten aber seine Merkwürdigkeiten offenbart: Die Dekoration des Betts verselbständigt sich zur listigen Schlange, die Schmuckfiguren des Kaminrahmens lösen sich und werden zu drei Fantasiegestalten, halb Frau, halb Säule. Von oben herab äugt ein Porträt einer Frau, das sich als Prinzenmutter oder als Maria Theresia lesen ließe, aber später als „Königin der Nacht“ herabsteigt, in allen Schattierungen von Blau glitzernd. Drei Mäntel im Schrank verlebendigen sich als knabenhafte Führer in Sarastros Reich. Und Pamina, zunächst im güld’nen Käfig gefangen, ist niemand anderes als eine lebensgroße Version der Puppe, die Knabe Tamino mit ins Bett genommen hat. Dass sie sich wie die Automate Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“ bewegen muss, erschließt nichts.
Diese Zauberflöten-Welt aus der Imagination des Regie-, Bühnen- und Kostümteams Lubek/Roussat, unterstützt von Èlodie Monet (Bühne), Sylvie Skinazi (Kostüme) und Boris Kahnert (Licht), schweift ohne die determinierten Fesseln einer „realen“ Gegenwart durch Traumgespinste, in denen sich wunderliche Figuren wie der Vogelmensch Papageno oder der eine Schar bizarrer Gnome scheuchende, rußgeschwärzte Rauchfangkehrer Monostatos herumtreiben.
Willkürlich floatend lebt sich die Fantasie allerdings nicht aus. Sie gibt spielerisch versteckte Hinweise: Sarastro erinnert irgendwie an Napoleon, die Mitglieder seines Ordens tragen mitraähnlichen Kopfschmuck. Die Zauberflöte hat die Form eines Astes: Der Vater Paminas schnitt sie ja auch aus tiefstem Grunde der tausendjähr´gen Eiche aus. Dennoch: Eine Deutungskonzept wollen die Regisseure dem Publikum nicht zumuten. Bis zur finalen Versöhnung rund ums Bett spinnen sie einen heiteren Erzählfaden ohne Knoten und Schleifen.
Dagegen will Dirigent Daniel Johannes Mayr das Konzept der „großen“ Oper nicht bloß luftigen Klängen oder „raschen Füßen“ opfern. Das Adagio der Ouvertüre hebt bedeutungsschwer an, langsame Tempi nimmt Mayr gemessen, mit sorgfältig ausgearbeiteten Details. Das Beethoven Orchester Bonn ist so in der Lage, Farben und Phrasierungsfinessen zu entwickeln, die bei den oft hetzenden Tempi „informierter“ Wiedergabe zwangsläufig auf der Strecke bleiben.
So hören wir ein sauber gegliedertes Streicherfugato, aber auch ein wenig fahrige Bläserstaccati, feierliches Blech und schmeichelndes Holz. Manchmal hätte man sich ein pointierteres Tempo gewünscht, aber man wird entschädigt: Das langsamere Tempo der ersten Arie der Königin etwa hebt die dramatischen Seiten der Partie hervor. Das kommt der Stimme von Nicole Wacker entgegen, die nicht nur saubere Spitzentöne hat, sondern auch eine üppige, klangvolle Mittellage, und bei den gefürchteten Triolen keinen Schweiß vergießt.
Bemerkenswert auch, was Mirko Roschkowski an Stimmkultur demonstriert. Der in Dortmund aufgewachsene Tenor hat viel Mozart gesungen, aber auch den Max im „Freischütz“, Wagners „Lohengrin“, den Éléazar“ in Froméntal Halévys „La Juïve“ und Amandus Herz in Franz Schrekers „Der singende Teufel“. Sein Tamino ist – bei anfangs etwas gedeckelt klingendem Ton – in Legato, Phrasierung, Tonbildung und Spiel mit vokalen Farben nach wie vor „edel und rein“. Man erlebt, was viele Sänger bestätigen: Mozart zu singen ist ideale Stimmhygiene.
Auch das weitere Bonner Ensemble kann sich hören lassen: Die drei Damen (Kathryn Henry, Susanne Blattert, Alicia Grünwald) liefern ein sauber artikuliertes, wunderbar ausgeglichenes Terzett, die drei Knaben (Valérie Ironside, Milena Belloche, Susanna Kilian) finden die rechte Mitte von zarter und klangvoller Intonation. Ralf Rachbauer ist ein passend grobschlächtiger Monostatos, dessen Wehmut von kräftiger Brutalität überdeckt wird.
Valerie Haunz bezirzt ihren Papageno mit den zuverlässig die Lacher weckenden quäkigen Altweibertönen. Johannes Mertes ist in dieser einstigen Paraderolle Schikaneders eine anrührende Figur, versprüht Frohsinn ohne anbiedernde Scherzchen und ist stimmlich Luxus. Maria Vasilevskaya hat nicht das schmeichelnde Timbre einer klassischen Pamina-Besetzung, überzeugt aber mit dem selbstbewussten Ton einer sich emanzipierenden jungen Frau.
Tobias Schabel bleibt ein zuverlässiger Sarastro ohne Persönlichkeitsprofil. Auch Martin Tzonev (Erster Priester) und Lukas Schmidt (Zweiter Priester) haben als Geharnischte einen regielich blassen Auftritt. Mark Morouse ist ein markanter Sprecher. Zwei Akrobaten und vier Tänzerinnen sorgen für Bewegung und märchenhafte Begleitfiguren – eher Dekoration als Interpretament. Spaß gemacht hat’s – und in der Fülle manchmal arg originalitätssüchtiger Deutungsversuche ist so ein locker erzähltes Märchen einmal eine willkommene Alternative.
Werner Häußner

