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BONN: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER. Premiere

28.09.2015 | Oper

BONN: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER            Premiere am 27. September 2015

In den Opernhäusern von Nordrhein-Westfalen-Süd begehrte das Publikum zu Beginn der neuen Spielzeit mehrfach auf, so in Dortmund („Tristan“), Aachen („Tosca“) und Düsseldorf („Arabella“). Die Bonner sind von Natur aus offensichtlich zurückhaltender. Am Ende der Premiere des „Fliegenden Holländers“ hörte man nur ein leichtes Murren. Dabei hätte ein Sturm der Entrüstung den Regisseur von der Bühne fegen müssen. Er heißt WALTER SCHÜTZE, kommt von der Architektur her, hat sich aber in letzter Zeit der Bühnenbildnerei verschrieben, vor allem bei der Oper. Dass er von der Zeitschrift „Opernwelt“ vor drei Jahren als „Bühnenbildner des Jahres“ ausgerufen wurde, (für „Salome“ in Bozen und Piacenza), ist natürlich ein gutes Zeugnis. Nach seiner Wagner-Regie in Bonn möchte man freilich sagen: Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten.

Freilich liefert auch der Ausstatter (und Lichtdesigner) nicht sonderlich viel. Man sieht eine Riesenhalle mit seitlichen Durchgängen; der Boden ist treppenformatig, die raumhohe Hinterwand lässt sich senken und dann ebenfalls bespielen. Manchmal wird ein Schiffsprospekt oder werden auch kleine, silhouettenhaft geformte Schifflein herab gelassen und wieder herauf gezogen, bei Sentas Ballade erscheint aus dem Orkus ein roter Segler. Warum, ist nicht ganz einsichtig, Dekorative Bebilderung? Dafür spricht viel, denn die Schütz-Inszenierung dekoriert auch sonst ausgiebig, wobei die einfallslose, rampenfrontale und oft simpel symmetrische Gruppierung der Chöre besonders nervig ausfällt. Warum zu der großen Szene des dritten Aktes auch noch Kinderlein auf der Bühne erscheinen, erschließt sich nicht. Schon Eriks erste Arie wird durch einen nicht deutbaren Knabenauftritt ergänzt.

Die Personenregie von Schütz erschöpft sich weitgehend darin, die Sänger in irgendeine gut gemeinte Position zu bannen, ohne den geringsten Versuch, die „Chemie“ zwischen ihnen visuell zu erfassen. Die Begegnung von Senta und dem Holländer ist nachgerade ein inszenatorischer Offenbarungseid. Es wird gestanden, gesessen, das Gesicht meist voneinander abgewandt. Ein Heißa Hopsasa gibt es bei den Chören (trinkfeste Spinnerinnen, juchzende Matrosen); man glaubt sich auf dem Oktoberfest. Abwechslung für’s Auge bieten auch die Lichtspielereien von Schütz, nach deren Sinn man wohl besser auch nicht fragt. Daland sorgt bei seiner Arie für Lichtwechsel mit Fingerschnipsen. Die pausenlose Aufführung ist für Zuschauer, die sich eine individuelle interpretatorische Sicht auf ein bekanntes Werk erhoffen, nicht nur eine bittere Enttäuschung, sondern geradezu eine Qual.

Musikalisch vermag die Bonner Produktion immerhin über weite Strecken zu punkten. Unter HENDRIK VESTMANN spielt das BEETHOVEN ORCHESTER zwar mitunter etwas grob, aber schneidig, dramatisch eloquent und farbig. Ein besonderes Lob gebührt dem verstärkten Chor (VOLKMAR OLBRICH), der vor allem mit seinen Forte-Attacken für regelrechten Nervenkitzel sorgt.

Dass MARK MOROUSE einen erstklassigen, virilen Holländer abgeben würde, stand zu erwarten. Leichte Müdigkeit am Schluss; sein Ausdrucksradius ist durch die Regie zweifellos unterfordert. Mit leuchtkräftigem Sopran gestaltet MAGDALENA ANNA HOFMANN die Senta (in dieser Rolle demnächst auch in Essen). Nachgerade zum Publikumsliebling avanciert CHRISTIAN GEORG mit seiner lyrisch leichten Steuermann-Stimme, während sich PAUL McNAMARA beim Erik mit seinem engen, angestrengten Tenor schwer tut (dennoch heftige Akklamation aus dem Auditorium). PRIIT VOLMERs spröder Daland-Bass macht wenig Freude, ANJARA I BARTZ absolviert die Mary als aufgedrehte Trulle. Ob sie diese idiotische Figurenzeichnung innerlich mitträgt, muss eine offene Frage bleiben.
Christoph Zimmermann

 

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