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Blu-ray: W. A. MOZART COSÌ FAN TUTTE – Live-Mitschnitt aus der Wiener Staatsoper vom Juni 2024; Unitel

24.07.2026 | cd, dvd

Blu-ray: W. A. MOZART COSÌ FAN TUTTE – Live-Mitschnitt aus der Wiener Staatsoper vom Juni 2024; Unitel

In der Regie von Barrie Kosky und mit Philippe Jordan in Doppelfunktion als Dirigent und am Fortepiano

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Hochschaubahn der Gefühle und sexuelle Begierden: Eigentlich geht es in Mozarts „Così fan tutte“ nach einem der genialen Da Ponte Libretti um eine Wette über die Untreue von Frauen. Ein Thema, das schon Mozart wesentlich weiter sah, wenn man seiner Musik lauscht. Dieses Stück aus Zynismus, Täuschung, Doppelmoral, zarter Liebe und aufflammenden erotischen Fantasien kann auch im Sinne von Pasolinis „Teorema“ als eine gefährliche Versuchsanordnung des Einbruchs dunkler beherrschender Mächte in junge Seelen verstanden werden. Verführung als die Kunst der kalten Eroberung und des Siegs über den anderen, die andere. Am Ende haben alle verloren.

Natürlich nutzt Barrie Kosky da Pontes und Mozarts notorische Untreue-Parabel, um daraus ein wuseliges theatralisches Feld von Identitätsfindung, Spiel und Realität, romantischen Gefühle versus sexueller Attraktion, Biologie und Psychologie, emotionale Instabilitäten sowie ‚Auf den Rausch folgt der Kater‘ zu beackern.

Bei ihm ziehen Don Alfonso als Regisseur und sein dienstbarer Geist für alles, die Inspizientin Despina, die Fäden aus einem Textbuch, in dem alle ihre Rollen kennen. Mitgedacht, dass der Theaterregisseur – als alter Ego von Kosky selbst? – die Kontrolle über das Geschehen verliert, wenn sich Handlung, Charaktere, Beziehungsgeflechte auf der Bühne heillos mit alchemistisch unbewusstem wie erkannt kribbelndem privaten zueinander Hingezogenfühlen vermischen.

Wenn vorgegebene Rollenbilder und aufkochende Liebesverhältnisse einander karikieren und opponieren. Dazu kommt die Erfahrung, die wahrscheinlich viele (junge) Menschen irgendeinmal machen, dass Partnerschaft und metaphysisch tiefe Gefühle zu jemandem nicht immer mit der größten sexuellen Anziehung korrelieren. Sondern der Kobold des erotischen Magnetismus, Amor mit seinem willkürlich geschleuderten Pfeil, durchaus teuflische Lust an seinem unlauteren Treiben hat.

Zur Visualisierung hat sich Kosky von seinem Bühnenbildner und Kostümdesigner Gianluca Falaschi auf einer Drehbühne die Fassade eines herabgekommenen Theater- Probenraums samt einer nackten Rückwand mit Feuerleiter bauen lassen. Da spielt sich das Drama giocoso, die “Schule der Liebenden“, wie das so wunderbar lebensnahe Stück im Untertitel als eigentlich ursprünglich für Antonio Salieri bestimmt, heißt, um den inszenierten Partnertausch der ursprünglichen Paare Fiordiligi und Guglielmo sowie Dorabella und Ferrando ab.

Wir erleben keine neapolitanischen Offiziere und Schwestern aus Ferrara im 18. Jahrhundert, sondern heutige junge Leute in ihren Schlabber-Outfits, die sich in den Rokoko-Kostümen und Krinolinen, den engen Miedern für Frau wie Mann so gar nicht wohl fühlen. Klarerweise eröffnen aber gerade Maskeraden Freiräume für Sehnsüchte und Bedürfnisse, die erst dann an die Oberfläche blubbern, wenn der Alltag abgestreift und die Nacht ihr verborgenes Spiel beginnt.

Gewöhnungsbedürftig ist, wie Kosky seine Akteure anfangs hyperaktiv durch die Gegend wuseln lässt. Da wird im ersten Akt andauernd herumgegrapscht, gezippelt und gezappelt, nach nervöser Art von Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörungen ruhe- und haltlos agiert. Ein Wunder, dass der Regisseur seiner Truppe da nicht den Marsch geblasen hat. Im zweiten Akt besann sich Kosky auf seine Stärke als psychologisch feinsinniger Charaktergestalter. Da stimmen die Verführungsübungen, das Zögern und Zweifeln, das Sich Fallen- und Überrumpelnlassen minutiös.

Das eigentlich Tragische ist, dass den Darstellenden/den Paaren die Kontrolle über ihre Gefühle, ihre Phantasien und Begierden entgleitet und der Spruch „Gelegenheit macht Diebe“ durchaus auch auf so manches sexuelle Abenteuer wie in Così fan tutte zutreffen mag. Eintagsfliege oder nicht? Tja, wer weiß das so genau im Überschwang der Hormone und sonstigen dynamisch schwankenden Energien zwischen Menschen?

Musikalisch wird der Abend von dem in irisierenden Farben schwelgenden Orchester der Wiener Staatsoper und dem damaligen musikalischen Direktor der Wiener Staatsoper, Philippe Jordan, getragen. Jordan, der ab 1. September 2027 die Funktion eines Chefdirigenten des Orchestre National de France ausüben wird, bevorzugt rasche Tempi und ein flüssiges Voran. Nicht zum Nachteil für Effekte hat er sich von den historisch informierten Aufführungspraktiken so manche artikulatorische Ausdruckstricks abgeschaut. Der in Sachen „Così fan tutte“ erfahrene Dirigent – u.a. hat er in seiner Zeit an der Opéra national de Paris die Oper in der ästhetisch hoch attraktiven Inszenierung der Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker (die Videoaufzeichnung aus dem Jahr 2017 hat Arthaus Music herausgebracht) dirigiert – war zudem als musikalischer Stichwortgeber für Rezitative am Fortepiano aktiv.

Bei den Sängern hat der mit seinem kernigen Bassbariton charakterspachtelnde Christopher Maltman als fadisiert saturierter, daher schlaudämonisch sich selbst in den Mittelpunkt stellende Spielmacher Don Alfonso die Nase vorne. Gute Leistungen und eine besonders engagierte Darstellung bieten die kuppelton-luxuriös timbrierte Sopranistin Federica Lombardi als Fiordiligi und der wunderbar lyrisch schwärmerische Tenor des Filipe Manu als Ferrando. Der sympathische Peter Kellner als Guglielmo und die herbe Emily d’Angelo als Dorabella würden mir nicht als erste Reihe an Mozartstilisten einfallen. Die spielfreudige, für eine Despina erstaunlich dunkel tönende Mezzosopranistin Kate Lindsey fügt sich bestens in Koskys Regiekonzept. Keine Spur einer Soubrette oder eines dramaturgisch nur fünften Rades am Wagen.

Mit „Così fan tutte“ hat Barrie Kosky einen Da-Ponte-Zyklus an der Wiener Staatsoper finalisiert. Die Mozart-Oper wird nicht als seine beste Regiearbeit in die Theatergeschichte eingehen, zu sehr gewollt und verkrampft agieren die Personen im ersten Akt. Da fehlt es mir an Leichtigkeit, gelenkigem Ausloten und Abschätzen der Positionen. Dafür ist der zweite Teil als makabres Kammerstück der verirrten Gefühle versus Ehrlichkeit und Persönlichkeitsstärke spannend und ein wiederholtes Sehen wert. Die Frage, wie Rezitative musikalisch richtig und ansprechend zu realisieren sind, bleibt auch in dieser Produktion offen….  

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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