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BLINDENMARKT/ Herbsttage: DER ZAREWITSCH als sensationelle Operettenproduktion

06.10.2026 | Operette/Musical/Show

37 Jahre Blindenmarkter Herbsttage – „Der Zarewitsch“ als sensationelle Operettenproduktion des Intendanten Michael Garschall

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Foto: Lukas Beck

In einer Zeit, in der offensichtlich, doch hoffentlich nur scheinbar, die Unterhaltungsproduktionen der Marke Musical jene der traditionellen Operette überrunden wollen, gibt es, was Österreich betrifft, mit den oberösterreichischen Festspielorten Bad Ischl und Zell an der Pram, der Bühne Baden sowie den Landesbühnen Linz und Graz Theater, die sich des Werkes der österreichischen Musiktheaterspezies „Operette“ regelmäßig widmen. Das tut natürlich auch die Wiener Volksoper, jedoch leider in einer künstlerischen Absage an das Genre mit zu vielen Produktionen der Publikumsvertreibung mit dem absoluten Tiefpunkt der zu Johann Strauss’ 150. Geburtstag im Vorjahr neu inszenierten „Nacht in Venedig“.

Wenn wir von Festspielen sprechen, sind die 1961 von Eduard Macku gegründeten ehemaligen Operettenwochen in Ischl, die von Michael Lakner später in Lehár-Festival umbenannt wurden, weltweit führend und finden alljährlich in den Monaten Juli und August statt.

Das größte Wunder allerdings bietet Blindenmarkt im niederösterreichischen Mostviertel. Dort ist der in dieser Gemeinde im Jahr 1967 geborene und aufgewachsene Theaterwissenschaftler und -praktiker Michael Garschall seit nunmehr 37 Jahren erfolgreicher Intendant. Wobei ich als Rezensent des ehemaligen Volksblattes in Linz die Ehre hatte, viele der Kritiken zu verfassen und alle Aufführungen sehen zu können. Das Niveau in einer ehemals benützten Turnhalle und erst recht in der Ybbsfeldhalle war stets hervorragend.

Nun aber, mit seiner 37. Produktion, hat sich Garschall, der auch jahrelang für die Klosterneuburger Opernproduktionen erfolgreich tätig war, selbst übertroffen. Franz Lehárs grandiose, tief in die Psyche der Charaktere des Librettos von Béla Jenbach und Heinz Reichert nach einem Volksstück von Gabriela Zapolska eindringende Musik wurde vom subtilen Bearbeiter und Regisseur Wolfgang Dosch werkgerecht auf die Bühne gestellt. Dosch hat den Vorteil, gleichzeitig Wissenschaftler, Ausbildner von Sängern und Sängerinnen, brillanter Bariton mit Hang zum Buffo, Regisseur und Generalsekretär der Internationalen Lehár-Gesellschaft mit Kontakten auf allen diesen Ebenen zu sein. Musikalisch und szenisch ist er der ideale Partner.

Im Bühnenbild des selbst vielfach als Regisseur tätigen Marcus Ganser, das alle psychologischen Grundlagen des genialen Textes vereint, kann Dosch mit seinem Prachtensemble den musikalischen Interpreten alle Wünsche des Publikums erfüllen, wobei ihm Garschall eine Besetzung bescherte, die gesanglich und darstellerisch nicht besser sein könnte.

In den meisten Szenen blickt ein überdimensionales Auge, das den „Überwachungsstaat“ repräsentiert, auf das Geschehen und die Liebesbeziehungen spielen sich in einem neutralen Bühnenbild ab. Wenn im Finale der Zarewitsch die Herrschaft übernehmen muss, herrscht Stillstand: Der Titelheld rückt auf den Zarenthron vor, Sonja verzichtet auf ihr Lebensglück. Der Aufstieg als Herrscher eines Weltreiches löst einen doppelten psychischen Schaden aus. Es ist zu befürchten, dass das Spionageauge im Hintergrund nicht verschwinden wird.

Das Bravo an Michael Garschall und Wolfgang Dosch wurde bereits vergeben. Die Besetzung der vier Hauptpartien ist sensationell. Als Titelheld dürfen wir Clemens Kerschbaumer als Ersten nennen. Natürlich sind seine musikalischen Höhepunkte dank Lehár kaum zu übertreffen. „Hast du dort droben vergessen auf mich?“ in Kombination mit „Es steht ein Soldat am Wolgastrand“ hat Lehár offensichtlich nicht nur dem Premieren-Zarewitsch Richard Tauber, sondern vorausschauend auch in die Kehle des in Höchstform befindlichen Kerschbaumer geschrieben.

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Clemens Kerschbaumer, Maja Triler. Foto: Lukas Beck

Mit der slowenischen Sopranistin Maja Triler debütiert eine junge, zarte, optimal aussehende und agierende Sänger-Darstellerin als Sonja. Ein Volltreffer in jeder Hinsicht. Zumal Triler die erste Operettenpartie ihres Lebens spielt. Bravo! Und dann das Buffo-Paar: Andreas Sauerzapf mit ausgewiesener Dresden-Erfahrung (Staatsoperette und Semperoper) sowie seine Vielfalt-Partnerin Katrin Fuchs bilden ein dramaturgisch auch ernste Züge aufweisendes phänomenales Buffo-Paar mit harmonierender Stimm- und Bewegungsperfektion. János Mischuretz als Ministerpräsident und Kammerschauspielerin Marianne Nentwich als Großfürstin gefallen in den kleineren Rollen.

Natürlich steht neben all den genannten großen Leistungen ein Team, das umfangreicher und besser nicht sein könnte: Die gesamte Blindenmarkter Bevölkerung agiert im Sinn der Operette und ist in Kleinrollen sowie im Chor inkl. Kinderchor vertreten.

Am Pult des Kammerorchesters Ybbsfeld, des von Kurt Dlouhy, Garschall-Mitstreiter seit 37 Jahren, geleiteten Chores und der Crew des Kinderchores, steht Thomas Böttcher, der für Präsenz und Klangschönheit sorgt. Von den übrigen Mitwirkenden dürfen wir stellvertretend Choreografin Monika Rusu-Radman mit ihrem flexiblen Ballettensemble besonders erwähnen.

Abschließend noch zwei Tipps des langjährigen Rezensenten: Liebe Marianne Nentwich (die ich seit 1964 in fast allen ihrer 134 Rollen in der Josefstadt und den Kammerspielen erleben durfte), bitte nehmen Sie das von Frau Rötzer angebotene Gastrollenangebot an! Das hilft uns Besuchern und Besucherinnen, die Sie als Doyenne schätzen, so wie der Josefstadt selbst, die auch künftig Publikum brauchen wird.

Ein Tipp an die Volksoper: Bitte unternehmen Sie einen Betriebsausflug zu Michael Garschall und dem Blindenmarker Zarewitsch! Alle ehemaligen Volksopern-Fans, nicht nur ich, wollen in ihrem Haus auch wieder Operetten in sinnvoller Inszenierung besuchen.

 

  1. R.

 

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