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Biographien: FRANZ FERDINAND

11.01.2014 | buch

 

BuchCover Bled Franz Ferdinand   BuchCover Hannig Franz Ferdinand

Jean-Paul Bled:
FRANZ FERDINAND
DER EIGENSINNIGE THRONFOLGER
328 Seiten, Verlag Böhlau, 2013

Alma Hannig
FRANZ FERDINAND
Die Biographie
352 Seiten, Amalthea Verlag, 2013

Das Jahr 2014 ist gekommen, man gedenkt des Ersten Weltkrieges, und damit tritt auch Franz Ferdinand ins Zentrum der Betrachtung –  der Thronfolger der Habsburger-Monarchie, dessen Ermordung in Sarajevo möglicherweise weder Grund noch Ursache des Krieges, wohl aber dessen Vorwand war. Franz Ferdinand, der „Mann, den niemand wollte“, wurde in der Mit- und Nachwelt komplett unterschiedlich gesehen  – vom Hoffnungsträger bis zum Schreckgespenst. Zwei neue Biographien nähern sich seiner komplexen Persönlichkeit von verschiedenen Seiten.

Jean-Paul Bled,  Professor für neuere deutsche und österreichische Geschichte an der Sorbonne, der auch schon Biographien über Kaiser Franz Joseph und Kronprinz Rudolf geschrieben hat, ist ein profunder Kenner der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Er fügt das Schicksal Franz Ferdinands so geschickt in die äußerst komplexe Struktur dieses Staatsgefüges (und der Zeit und ihrer Entwicklungsströme) ein, dass man es hier keineswegs nur mit einem Buch für Historiker zu tun hat.

Zumal sich Bled durchaus für den widersprüchlichen Menschen Franz Ferdinand interessiert, der nicht leicht zu mögen war. Wobei vieles aus äußerst schwierigen Lebensumständen zu erklären ist. Geboren am 18. Dezember 1863 als Sohn von Erzherzog Karl Ludwig, einem antriebslosen Bruder von Kaiser Franz Joseph, tat sich Franz Ferdinand schon als Kind schwer, nicht im Schatten seines charmanten Bruders Otto zu stehen. Ein wesentliches Ereignis im Leben dieses jungen Mitglieds des Kaiserhauses, der bei seiner Geburt dem Thron keinesfalls nahe stand (noch lebte Kronprinz Rudolf, noch bestand die Möglichkeit, dass er Söhne bekam), war das ungeheure Vermögen, das er von dem letzten König aus der Linie Habsburg-Modena erbte, wofür er nur verpflichtet war, sich Franz Ferdinand von Österreich-Este zu nennen (damit das ausgestorbene Geschlecht noch irgendwo namentlich auftauchte). Franz Ferdinand hatte somit nie Probleme, seinen aufwendigen Lebensstil (er besaß zahlreiche Schlösser und Residenzen, war einen großen Teil seines Lebens unterwegs) zu finanzieren. Auch dass er in seiner Stiefmutter Maria Theresia von Braganza eine Bezugsperson erhielt, die lebenslang für ihn einstehen würde, war wichtig für ihn.

Als Kronprinz Rudolf 1889 in Mayerling starb, war Franz Ferdinand (da sein Vater als „logischer“ Nachfolger nicht in Frage kam und dann auch 1896 starb) von einem Tag zum anderen der Thronfolger der Habsburger-Monarchie – schlecht bis gar nicht ausgebildet (im Vergleich zu Franz Joseph, der die meisten in seinem Reich gesprochenen Sprachen beherrschte, konnte Franz Ferdinand wenig mehr als Deutsch) und mit einer schweren Lungenkrankheit behaftet. Wieder musste der nun 26jährige erleben, dass er quasi abgeschoben wurde, während viele sich schon seinem Bruder Otto zuwandten. Ein qualvoller Prozess der Gesundung verlangte ihm viel Kraft ab, und was er aus seinen Erfahrungen mit Menschen mitbrachte, war ein elementares Misstrauen allen und jedem gegenüber.

Nur die böhmische Gräfin Sophie Chotek konnte dies durchbrechen, und  Franz Ferdinand gab Franz Joseph ein Zeichen seiner unerschütterlichen „Sturheit“, indem er diese Ehe durchsetzte – wobei Bled sehr ausführlich die ganzen Schikanen schildert, die der Wiener Hof für die „Unebenbürtige“, die „Morganatische“ bereit hatte.

Bled schildert den „politischen“ Franz Ferdinand, der von seinen Antipathien – gegen Ungarn, Polen, Liberale, Sozialisten, Juden – ebenso geprägt wurde wie von seinem Katholizismus und seinem Konservatismus, der jenen von Franz Joseph bei weitem übertraf. Seine Vorstellungen von einer Reform der Monarchie wandelten sich in den Jahren, wo er im Schloss Belvedere in Wartestellung auf den Tod des alten Kaisers lauerte. Was er sich vornahm – etwa den Ausgleich mit Ungarn außer Kraft zu setzen – gelang ihm nicht, Franz Joseph gab die Zügel nicht aus der Hand.

Bled vergisst nicht auf den privaten Franz Ferdinand mit seiner glücklichen Ehe, der ein guter Vater war, wobei der Autor  eine wichtige Komponente, nämlich die pathologische Jagdsucht, weitgehend herunterspielt.

Es ist ein ausgewogenes Bild, das er zu zeichnen sucht, das den Mann nicht unsympathischer macht, als er der Welt erschien, ihn aber auch nicht als möglichen „Retter der Monarchie“ verherrlicht. Nicht nur wegen seiner ungezügelten Wutausbrüche, die ihn für sachliche Arbeit so ungeeignet machte, hätte Franz Ferdinand wohl weder das Format gehabt noch die Unterstützung bekommen, das zum Tode verurteilte Völkergemisch der Monarchie in ein funktionierendes Großreich umzuwandeln, dem er Deutsch als gemeinsame Sprache verordnen wollte…

Alma Hannig, die an die Universität Bonn neuere Geschichte unterrichtet und über Österreich-Ungarns Diplomatie am Vorabend des Ersten Weltkriegs dissertiert hat, legt ihre Biographie von Franz Ferdinand stringent „politisch“ an: Der Ärger der Autorin über den Überhang an populärwissenschaftlichen Werken veranlasste sie dazu, den Privatmenschen nahezu auszuklammern, was Leser, die nur dieses Buch hernehmen, vielleicht als Manko empfinden werden.

Die Autorin will vor allem herausbekommen, was Franz Ferdinand in seinem Leben tatsächlich erreicht hat – muss aber auch zu dem Schluss kommen, dass es am Ende gar nichts war -, und warum sein Bild in der Geschichte ein so negatives war und ist. Es hatte natürlich stark mit dem Hochmut des Mannes zu tun, der sich um sein Bild in der Öffentlichkeit bewusst nicht kümmerte, ja, „Popularität“ sogar verachtete – ein Kardinalfehler, den man nie machen darf, schon gar nicht im 19. Jahrhundert, wo es bereits ein höchst lebhaftes Pressewesen gab.

Wohl gelangte negativer Klatsch über seine Unbeherrschtheit an die Öffentlichkeit, und obwohl Franz Ferdinand nie kriegerischen Auseinandersetzungen (nach denen Militärs dürsteten) befürwortet hatte, konnte er seines Benehmens wegen nicht anders denn als „Kriegshetzer“ bezeichnet werden. Auch war seine pathologische Jagdsucht (wie kann man 274.889 Tiere in einer nicht allzu langen Lebenszeit schießen? „Abstoßend maßlos“, nannte man es) wohl auch die Eigenschaft einer Borderline-Persönlichkeit, die beide Autoren nicht so benennen, aber als solche schildern (Zeitgenossen sprachen von Emotionen des Thronfolgers, die „an Abnormalität grenzten“). Es verwunderte nicht, dass nach seiner Ermordung die Erleichterung in Österreich-Ungarn wohl weit größer war als das Bedauern jener, die von diesem Kaiser „Franz II.“, wie er sich nennen wollte, Reformen erwartet hätten…

Ein besonders interessantes Kapitel gegen Ende des Buches von Alma Hannig, das mit einem fast 70seitigen Anmerkungs-Anhang prunkt, ist die Frage, wie es zum schwankenden Franz Ferdinand-Bild der Zeitgenossen und der Nachwelt kam. Leute, die ihn kannten, wussten mehr Böses als Gutes über ihn zu sagen. In der Nachwelt war Hitler in „Mein Kampf“ einer von vielen, der kein gutes Haar an Franz Ferdinand ließ, und zweifellos hat die Autorin recht, dass ein Romanwerk, das so populär wurde wie „Die Throne stürzten“ von Bruno Brehm (bevor der Autor als Nazianhänger verfemt wurde), viel dazu beigetragen haben mag, ein durch und durch negatives Bild von Franz Ferdinand zu hinterlassen. Doch auch höher geschätzte Autoren wie Joseph Roth oder Stefan Zweig sahen ihn nicht freundlicher. Tatsächlich wurde Franz Ferdinand nie – wie vor allem „Sisi“ oder Kronprinz Rudolf – ein Teil des Habsburgischen Mythos, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Buch und Film und Zeitschrift und Fernsehen die absonderlichsten Blüten trieb.

Die Bemühungen seiner Nachkommen, in jenem Schloss Artstetten, wo Franz Ferdinand und seine Gattin begraben sind, ein Museum zu errichten, haben gefruchtet, das Publikumsinteresse ist vorhanden. Es gab dann auch – von der Autorin ziemlich gering geschätzte – Biographien, die versuchten, in Franz Ferdinand den „Fortschritt“, den „verhinderten Retter“ und die „ verlorene Hoffnung“ im Gegensatz zu dem verkrusteten „System Franz Joseph“ zu zeichnen (was sich nach der Faktenlage nicht aufrecht erhalten lässt). Dass man Franz Ferdinands negative Charakterzüge hinterfragen muss und vielfach biographisch deuten kann, ist unbestritten, vor allem das „Zerbrechen“ des Mannes in seine öffentliche und private Persönlichkeit ist wohl ein Fall für einen Psychiater (falls ein solcher es erklären könnte).

Tatsache ist, dass er mit der Rolle, in die ihn die Schüsse von Mayerling katapultiert haben, überfordert gewesen wäre, und dass die Schüsse von Sarajevo am 28. Juni 1914 ihn davor bewahrt haben, diese Rolle auch spielen zu müssen. Dass sein Tod (ein nur durch blinden Zufall dermaßen geglücktes Attentat!) die finale Katastrophe noch beschleunigt hat – das macht Franz Ferdinand zu einem der großen Katalysatoren der Weltgeschichte.

Renate Wagner

 

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