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BIETIGHEIM/ BISSINGEN/ Kronen-Zentrum: TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN

Zerstört durch den Kapitalismus

19.02.2020 | Theater


Marcel Schrubbe, Helmut Zierl, Julian Härtner. Foto: Tom Philippi

„Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller mit dem Euro-Studio Landgraf am 19.02.2020 im Kronenzentrum/BIETIGHEIM-BISSINGEN

ZERSTÖRT DURCH DEN KAPITALISMUS

Das Stück erzählt von den beiden letzten Lebenstagen Willy Lomans, der einst ein erfolgreicher New Yorker Handelsvertreter war. Helmut Zierl stellt hier sehr eindrucksvoll diesen Loman dar, der nicht Schritt halten konnte mit den Veränderungen in seinem Kundenkreis. Und auch in seiner Familie entwickelt sich alles nicht zum Besten. Sein Haus, seine Möbel und seinen Wagen hat er auf Ratenzahlung erworben. Gerade als er die letzte fällige Summe für sein Haus bezahlt hat, wird er von seiner Firma entlassen. Er ist ein Opfer des amerikanischen  Traums geworden. Und er hat sich mit Haus und Hof einem Wirtschaftssystem verschrieben, das ihn plötzlich zum alten Eisen wirft und abgeschrieben hat. Seine beiden Söhne Biff und Happy haben es ebenfalls zu nichts gebracht. Wahrend der antriebslose Happy durch zahreiche Liebesaffären von sich reden macht, empfindet Biff die Hoffnungen, die sein Vater in ihn setzt, als Belastung. Er möchte sich ihm entziehen, was zu schweren Konflikten führt, die in der Inszenierung drastisch herausgearbeitet werden. Er rennt gegen die Lebenslügen seines Vaters an – und dann ist es bereits zu spät. Loman springt letztendlich in sein Auto und begeht Selbstmord, während man im Hintergrund die verzweifelten Rufe seiner Frau Linda hört. Am Grabe Willy Lomans spricht ihm sein Freund Charley ein ergreifendes Requiem: „Willy war Handlungsreisender. Und für einen Handlungsreisenden hat das Leben keinen festen Boden. Er ist ein Mann, der irgendwie in der Luft schwebt, der mit seinem Lächeln reist und mit seiner Bügelfalte. Und wenn sein Lachen nicht mehr erwidert wird – dann stürzt eine Welt ein…“

Helmut Zierl stellt Loman ganz im Sinne Arthur Millers als einen von Schrecken überwältigten Mann dar, der in die Leere hinein um Hilfe ruft, die niemals kommen wird. Die Begegnung mit seinem Chef Howard Wagner (nuancenreich: Martin Molitor), der ihn schließlich entlässt, gehört zu den Höhepunkten dieser an szenischen Einfällen reichen Inszenierung von Harald Demmer. Vor allem hinsichtlich der Personenführung lassen sich viele Pluspunkte feststellen. Die Auseinandersetzungen eskalieren. Lomans Sohn Biff bezeichnet sich als „Niete“, und gesteht, dass er wegen kleineren Diebstählen immer wieder aus seinen Stellungen hinausgeflogen ist. Loman erkennt zum ersten Mal, dass sein Sohn ihn wirklich liebt.

Das Bühnenbild von Oliver Kostecka zeigt im Guckkastenformat zuweilen Ausschnitte einer Landschaft, die das Seelenleben des Protagonisten beschreibt. Und die Kostüme von Monika Seidl passen sich gut der Szenerie an. Patricia Schäfer gelingt als Lomans Frau Linda ein packendes Charakterporträt: „Willy Loman hat nie viel Geld verdient, aber er ist ein Mensch. Im März werden es fünfunddreißig Jahre, dass er für diese Firma arbeitet; er hat ihnen ungeahnte Märkte für ihre Ware erschlossen, und jetzt, wo er alt wird, streichen sie ihm den Lohn.“ Sie verteidigt hier ihren Mann in heftiger Weise gegenüber den ständig aufbegehrenden Söhnen. Helmut Zierl macht als Willy Loman auch deutlich, dass er von einer gewissen Lebensfreude erfüllt ist, als er sich seinem Ende nähert. Dafür sorgt Susanne Theil als mondäne Frau in Boston, mit der er eine Beziehung hat. Sie mimt auch schillernd Charleys Sekretärin Jenny. In weiteren Rollen überzeugen ferner Julian Härtner als Biff, Marcel Schubbe als Happy, Jonas Gruber als Onkel Ben und Maximilian Wrede als Charleys Sohn Bernard, der zudem den Kellner Stanley spielt. Bei dieser Inszenierung zerplatzt der berühmte „american way of life“ wirklich wie eine Seifenblase. Die Zerstörung durch den Kapitalismus in der Welt eines Donald Trump wird vor allem durch den brillanten Schauspieler Helmut Zierl gut herausgestellt, dessen Verzweiflung zuletzt keine Grenzen kennt. Ganz im Sinne Peter Zadeks hat diese Figur die Größe und Unbedingtheit von Shakespeare-Figuren. Die Selbsterkenntnis des Sohnes Biff kann den Untergang Willy Lomans nicht aufhalten. Auch dies kommt drastisch zur Geltung. Da er sich als Versager fühlt, glaubt Willy auch, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Dieses Ausgestoßensein gelingt Helmut Zierl als Schauspieler am besten. Das Stück von Arthur Miller hat auch heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. 

Alexander Walther

 

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