Michael William Balfe: Falstaff • Theater Orchester Biel Solothurn • Stadttheater Biel • Premiere: 11.09.2026
Reduzierte Fassung (2026) von Valerie Langfield
«Möge die uns verbleibende Zeit ein einziger Morgen der Liebe sein!»
Theater Orchester Biel Solothurn eröffnet die neue Spielzeit mit einer veritablen Rarität: der zweiten neuzeitlichen szenischen Produktion von «Falstaff». Natürlich nicht der Verdis, sondern der des irischen Komponisten Michael William Balfe. Intendant und Operndirektor Dieter Kägi setzt die Opera buffa mit überragender Handwerkskunst um.

Foto © Joel Schweizer
Besonders interessant macht diesen «Falstaff» die Tatsache, dass der Komponist auch als Sänger (Bariton) höchst erfolgreich war und das Stück den berühmtesten Sängern seiner Zeit, dem «Puritani-Quartett», mit denen er wenige Jahre vor der Uraufführung selbst noch auf der Bühne gestanden war, in die Kehlen komponieren konnte. Für die Uraufführung am Londoner «Her Majesty’s Theatre» (19.07.1838) schuf der Komponist auf das Libretto von S. Manfredo Maggioni eine genuin italienische, das heisst vollumfänglich den damals geltenden Konventionen der italienischen Oper entsprechende, Opera buffa. Maggioni konnte, da er nicht nur als Hauslibrettist der italienischen Oper am «Her Majesty’s Theatre» sondern auch als Übersetzer in London tätig und des Englischen entsprechend mächtig war, im Gegensatz zu den italienischen Librettisten der Belcanto-Epoche direkt auf Shakespeare zurückgreifen (erste Übersetzungen Shakespeares ins Italienische erschienen 1838 und 1843). 55 Jahre nach der Uraufführung des «Falstaff» von Balfe erblickte das Opus ultimum Giuseppe Verdis das Licht der Welt. Gründe, dass das auch bei Lucca in Mailand verlegte Werk mutmasslich 170 Jahre nicht aufgeführt wurde, gibt es viele. An erster Stelle sicher die Schwierigkeit die Rollen adäquat zu besetzen. Der Fenton der Uraufführung zum Beispiel, der legendäre Giovanni Battista Rubini, besass als «tenore di grazia» einen Stimmumfang der weit bis in den eines Alt reichte. Mit dem Untergang dieses Sängertypus war dann auch für längere Zeit das Schicksal der Kunst des Belcanto besiegelt.
Dieter Kägi (Inszenierung) transferiert die Geschichte von Schürzenjägertum und Eifersucht mit viel Gefühl, mit grosser Menschlichkeit, in eine nur durch das (wohltuende) Fehlen von Mobiltelefonen definierte, vielleicht vom Schlussrondo («Möge die uns verbleibende Zeit ein einziger Morgen der Liebe sein!») inspirierte, nähere Vergangenheit. Ort des Geschehens ist nicht mehr Windsor, sondern das Café Odeon in Biel, das mit seinem historischen Art-Deco-Ambiente mit dunkelrotem Samt, Marmortischen und Kugelleuchten auf floralen Messinghaltern (Bühnenbild und Kostüme: Dirk Hofacker; Lichtgestaltung Samuele D’Amico) als eines der schönsten Cafés der Schweiz gilt. Aus dem fetten, prahlerischen, raufsüchtigen Ritter wird ein letztlich liebenswertes Stadtoriginal, das das Stadtbild bereichert und trotz all seiner Ecken und Kanten als Stammgast im Café akzeptiert ist. In diesem Rahmen erzählt Kägi die Geschichte eng am Libretto mit tiefem Verständnis für die Menschen und gutem Gehör für den Subtext der Musik. Die von Maggioni zum Shakespearschen Original hinzuerfundene Szene, in der Fenton an der Liebe Annettas zweifelt steht exemplarisch für Kägis Regie-Kunst. In der vorangehenden Szene haben die Gäste des Cafés für den vermeintlich Toten an dessen Stammplatz eine kleine «Gedenk-Ecke» mit einem Foto, einem Kondolenzbuch und zwei Teddybären eingerichtet und sammeln auch für das Begräbnis. Der von seinem unfreiwilligen Bad durchnässte, aber sonst quicklebendige Falstaff zeigt sich höchst erfreut über das unerwartete Geld. Dann verbildlicht Fenton seine Zweifel im Spiel mit den beiden Teddybären der Gedenk-Ecke. Besser kann man die der Komödie eigene Mischung von Komik und Tragik nicht aufzeigen.
Das Sinfonieorchester Biel Solothurn TOBS! bringt Balfes wunderbare Komposition (Details zur Musik in einer folgenden Kritik) schlicht mitreissend, rhythmisch perfekt, locker und leicht zu Gehör. Unter musikalischer Leitung von Franco Trinca, der den Belcanto-Fans schon so manche Sternstunde beschert hat, geraten die Crescendi in Balfes Komposition so fesselnd wie bei seinem Mentor Rossini, die Melodien erinnern an seinen Zeitgenossen Donizetti, die «melodie lunghe» Fentons können es ohne weiteres mit der Süsse Bellinis aufnehmen und die Anklänge an die zukünftigen musikalischen Entwicklungen lassen überrascht aufhorchen. Herrlich! Wunderbar! Das muss man gehört haben!
Der in dieser Produktion szenisch stärker als sonst geforderte Chor TOBS! (Chorleitung: Valentin Vassilev), er hat neben den Café-Gästen auch die lebendig auf der Strasse davor flanierenden Bürger darzustellen, überzeugt vor allem szenisch. Klanglich ist doch noch etwas Luft nach oben.
Leonardo Galeazzi gibt mit kräftigem, perfekt fokussiertem Bariton einen rundum überzeugenden und berührenden Sir John Falstaff. Bianca Tognocchi, Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt, bewältigt die enorm anspruchsvolle Rolle der Mrs. Rosa Ford – in der Uraufführung von der legendären Giulia Grisi gesungen – mit klarem, substanzreichem Sopran. Die Premieren-Nervosität ist an diesem Abend noch etwas zu spüren, was aber bei einem Rollendebüt (alle Solisten debütieren) in einer so schwierigen Partie kein Wunder ist. Das Potential ist auf jeden Fall vorhanden! Charles Rice überzeugt mit jugendlichem, agil geführtem Bariton als charismatischer Mr. Ford. Remy Burnens lässt als Mr Carlo Fenton mit perfektem Stilbewusstsein, atemberaubenden Höhen und schier endlosem Atem, kurz mit einem überragenden «Tenore di grazia» erahnen, wie Giovanni Battista Rubini in der Uraufführung geklungen haben könnte. Marta Pluda als Miss Annetta Page macht mit wunderbar vollem, rundem, farbenreichem Mezzo schon im ersten Moment klar, warum Fenton sich in sie verliebt hat und welche Qualen er durchleiden muss, wenn er um ihre Zuneigung bangt. Gemma Ní Bhriain als Mrs. Page und Anastasia Evdaimon als Mrs. Quickly bilden zusammen mit Bianca Tognocchi das gleichermassen sympathische wie überzeugende Trio der Powerfrauen. Konstantin Nazlamov als Mr. Page, Leo Vettoretti als Cameriere und Michèle Péquegnat als Cameriera ergänzen das Ensemble des Abends.
Ganz einfach: Wer es verpasst, hat wirklich etwas verpasst!
Stadttheater Biel:
Di. 15.09.2026 19:30; Fr. 18.09.2026 19:30; So. 20.09.2026 15:00; Mi. 11.11.2026 19:30;
Do. 12.11.2026 19:30; Di. 17.11.2026 19:30.
Stadttheater Solothurn:
Do. 24.09.2026 19:30; Sa. 26.09.2026 19:00; Mi. 07.10.2026 19:30; So. 06.12.2026 19:00;
Mi. 09.12.2026 19:30; Fr. 11.12.2026 19:30.
Podium Düdingen:
Mi. 28.10.2026 19:30.
Kurtheater Baden:
Sa. 14.11.2026 19:30.
12.09.2026, Jan Krobot/Zürich

