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BIEL/ SOLOTHURN/ Theater Solothurn: I CAPULETI E I MONTECCHI

Vergleich zweier Produktionen von Bellinis «I Capuleti e i Montecchi»

27.01.2022 | Oper international

Vincenzo Bellini: I Capuleti e I Montecchi • Theater Orchester Biel Solothurn, Stadttheater Solothurn • Vorstellung: 26.01.2022

(15. Vorstellung • Premiere am 05.11.2021)

Vergleich zweier Produktionen von Bellinis «I Capuleti e i Montecchi»

I Capuleti e i Montecchi, Bellini | Theater Orchester Biel Solothurn |  Operabase

Die letzte Aufführung in Solothurn bietet die Gelegenheit zwei der drei Produktionen, die die Schweizer Theater in dieser Saison zur Diskussion stellen, jene vom Opernhaus Zürich und von Theater Orchester Biel Solothurn zu vergleichen (die Produktion der Bühnen Bern hat am 21. Mai 2022 Premiere). Es kann bei diesem Vergleich naturgemäss nicht um ein Besser oder Schlechter gehen: von Interesse sind die verschiedenen Regiekonzepte, ihre handwerkliche Umsetzung und Werkdienlichkeit wie natürlich auch die musikalische Umsetzung, gerade in stilistischer Hinsicht. Von oberstem Interesse ist dabei die Frage, ob die künstlerische Äusserung dem Werk dient.

In Zürich lässt Regisseur Christof Loy das Stück im Mafia‐Milieu der 1950er‐Jahre (Ausstattung: Christian Schmidt) spielen und betont die Vater‐Tochter‐Beziehung von Capellio und Giulietta (in der Ouvertüre postulierter und später immer wieder angedeuteter Missbrauch Giuliettas durch ihren Vater) und reduziert das Drama auf einen häuslich‐familiären Konflikt, in den die Gewalt von aussen hereingetragen wird. Das Bühnenbild zeigt unter der Verwendung der Drehbühne das Haus der Capuleti mit den nebeneinanderliegenden (sic!) Zimmern von Capellio und Giulietta, als die Ereignisse schon einige Zeit zurückliegen und Giulietta zusätzlich unter dem Stockholm‐Syndrom, Schuldgefühlen gegenüber dem Täter und die Angst ihn zu verletzen, leidet. Die grosszügige Verwendung der Drehbühne, die Reduzierung auf den familiären Konflikt und die Sexualisierung der Handlung sind wenig werkdienlich.

Für Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) beschreibt Regisseur Yves Lenoir beschreibt seine Inszenierung, die in der Gegenwart spielt, als antikes Theater, das die Grenzen des persönlichen Leidens und die Extreme der menschlichen Psyche auslotet. Jede Melodie werde zum «Seelenschrei», durch den man erfahre, was die Figuren denken, begehren, träumen; welchen Illusionen sie unterliegen, welchen Phantasmen, welch trauriger Realität. Lenoir setzt damit das Interesse der (italienischen) Romantik an der Emotionalität, an den dunklen Seiten des Menschen um, ohne der Versuchung einer Über‐Psychologisierung, einer Psychologisierung nach den Kriterien der Gegenwart zu erliegen. Lenoir zeichnet Giulietta als saufende und kiffende Rebellin, was sicher mehr dem Werk entspricht.

Die Fokussierung auf die Familie und die zukunftsweisenden Seiten des Werks in Zürich zeigt sich musikalisch darin, dass die Kollektive, der Chor der Oper Zürich und die Philharmonia Zürich, im Stile des frühen Verdi aus dem Vollen schöpfen und die Solisten auch gnadenlos zudecken können. Warum auch immer sieht Dirigent Fabio Biondi hier keinen Grund einzugreifen. Die solistischen Stellen gestaltet er ganz im Gegensatz zu jenen des Kollektivs schon fast zerdehnt.

Am TOBS erweist sich Franco Trinca als begnadeter Sängerbegleiter und trägt die Sänger auf Händen durch den Abend. Die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Sinfonieorchester Biel Solothurn (seit 1991/92) trägt gerade auch in stilistischer Hinsicht reife Früchte.

In Sachen Werkdienlichkeit, szenischer wie musikalischer Umsetzung, hat das TOBS die Nase vorn. Gespannt warten die Bellini-Liebhaber nun auf die Produktion der Bühnen Bern.

Keine weiteren Aufführungen der Zürcher Produktion in dieser Saison.

Weitere Aufführungen der Produktion des TOBS:

Do. 03.02.22, 19:00, Sa. 05.02.22, 19:00 und So. 06.02.22, 14:30 jeweils im Theater Winterthur.

 

05.11.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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