Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BIEL/ Nebia: La Bohème • Theater Orchester Biel Solothurn

21.02.2026 | Oper international

Giacomo Puccini: La Bohème • Theater Orchester Biel Solothurn im Nebia Biel • Premiere: 20.02.2026
In Kooperation mit dem Luzerner Theater

 Reduzierte Fassung von Mario Parenti «Vendiamo 10 loft»

Lucía Astigarragas Modernisierung von Puccinis Meisterwerk überzeugt auch bei der Übernahme ans Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS). Das Werk kann seine Wirkung auch in Mario Parentis Fassung für kleines Orchester entfalten.

bohr
Foto © Joel Schweizer

Mit der Verlagerung der Handlung in die Hausbesetzerszene in das Spanien von 2009 gelingt Lucía Astigarraga eine behutsame und weil schlüssig auch überzeugende Aktualisierung von Puccinis «La Bohème». Es fällt auf wie sorgfältig die Übernahme geprobt wurde. Manch ein Detail scheint schlüssiger als bei der Luzerner Premiere.

Im Übrigen gilt, was schon anlässlich der Luzerner Premiere bemerkt wurde: Ob Rohbau im 21. Jahrhundert oder Dachwohnung im 19. Jahrhundert; man darf sich beides gleich zugig, kalt und ungemütlich vorstellen. Ähnlich die Probleme der Künstler: Kunst kann immer brotlos sein und entsprechend immer Träume zerstören. Träumen kann man immer, ob am alten Ofen oder der nicht sehr effektiv zur Wärmequelle umfunktionierten Schubkarre. Und die Liebe ist zeitlos… Den Heiligen Abend verbringen die Künstler und ihre Freundinnen auf einem improvisierten Markt mit Billigst‐Ramsch. Hier zeigt sich dann, dass Benoît nicht nur ein «einfacher Vermieter» ist. Er verdient sein Geld mit unsauberen Geschäften und ist auch hier aktiv: so wird er so unsympathisch, dass man es ihm fast gönnt, dass die Bohème ihn ihre Zeche zahlen lässt. Das dritte Bild zeigt dann ein Unterhaltungslokal zwielichtiger Art. Einmal mehr hat Benoît seine Finger im Spiel: Er vermietet Lofts, die, so darf vermutet werden, nur auf einer schönen Werbe-Tafel («Vendiamo 10 loft») existieren. Die Arbeiter, die ihr Tagwerk beginnen, sind die Strassenfeger und die Verkäuferinnen des Ramsch‐Markts. Das letzte Bild spielt wieder in einem Rohbau: einem anderen als zu Beginn, und man dürfte nicht falsch liegen, wenn man den Rohbau vermutet, der einmal die Lofts von der Werbetafel werden sollen. Das ändert aber nichts Wesentliches. Astigarraga setzt diese Modernisierung so sensibel um, dass das Stück genauso gut funktioniert wie in einer klassischen Inszenierung. Aída‐Leonor Guardia hat das dazu passende Bühnenbild entworfen, die Kostüme von Eva Butzkies unterstützen den frischen Wind, den die Regisseurin auf der Bühne wehen lässt. Mario Bösemann setzt das Ganze ins Richtige Licht.

Das TOBS bespielt nicht nur die Theater von Biel und Solothurn, sondern stellt mit Tournee-Vorstellungen auch die kulturelle Versorgung der Schweiz jenseits der grossen Zentren sicher. Daher wird hier die Fassung für kleines Orchester («riduzione per piccola orchestra») von Mario Parenti gespielt. Im Gegensatz zu anderen reduzierten Fassungen ist hier der Klang deutlich verändert, trotz geschickter Kniffe bleibt eine Wiedererkennbarkeit gewährleistet. Einzelne Instrumente, häufig, aber nicht nur, die Solo-Violine spielen dominant die Melodie und der restliche Apparat begleitet. Der «originale» Puccini-Klang ist mit kleinem Orchester (leider) einfach nicht zu erreichen.

Puccini, so Dirigent Yannis Pouspourikas, beschreibe mit «echter Leichtigkeit» die «Freude eines freien Lebens». Leichtigkeit und Lebensfreude scheint Pouspourikas primär in Lautstärke ausdrücken zu wollen. So spielt das in Sachen Farben und Dynamik mit mitreissendem Wohlklang tadellos agierende Sinfonieorchester Biel Solothurn viel zu laut. Nur in wenigen Momenten ist zu erleben, dass das Orchester auch «piano» kann. Den Solisten scheinen keine Grenzen gesetzt.

Im zweiten Bild überzeugen der Chor TOBS! (Chorleitung: Valentin Vassilev) und der Jugendchor 1 der Musikschule Biel (Chorleitung Jugendchor: Melanie Kummer) mit Wohlklang und überbordender Spielfreude.

Die Besetzung kann sich weitgehend erfolgreich gegenüber der, trotz «reduzierte Fassung», aus dem Graben kommenden Klangwucht durchsetzen. Amy Ní Fhearraigh gibt die Mimì mit vollem, rundem und gut fokussiertem Sopran. Kann sie das wohl der Premierennervosität geschuldete phasenweise unangenehme Vibrato und die Tendenz zu tief zu intonieren ablegen, wird sie in der Rolle überzeugen. Giuseppe Infantino begeistert als Rodolfo bei seinem Schweiz-Debüt mit einem makellos strahlenden, superb geführten Tenor mit viel Schmelz und Durchsetzungskraft, aber gerade auch der in der Gegenwart nicht mehr selbstverständlichen Fähigkeit zu Diminuendi und Piani. Eine so stimmige, rollengerechte Interpretation des Rodolfo hat man schon lange nicht mehr gehört und wird sie so schnell auch nicht wieder zu hören bekommen. Léonie Renaud gibt die Musetta mit klarem Sopran und viel Gefühl für ihre Rolle. Vokale Kraftmeierei ist ihre Sache nicht: sie setzt sich mit Qualität statt Quantität durch und begeistert mit einem superb vorgetragenen Walzer. Jungrae Noah Kim als Marcello und Mykyta Burtsev als Schaunard beeindrucken mit ihren Kraftreserven und der daraus resultierenden Lautstärke und leider auch Einförmigkeit des Vortrags. Szenisch überzeugen sie. Der Colline (mit Philosophenbart) von Fionn Ó hAlmhain überzeugt mit einem perfekt fokussiertem Bass, angenehm dunklem Wohlklang und einem weit überdurchschnittlich vorgetragenen „Vecchia zimarra, senti„. Konstantin Nazlamov gibt in der Doppelrolle von Benoît und Alcindoro einen aalglatten Immobilienmogul. Roberto Santos Luy als Parpignol und Dario Lupi als Sergente ergänzen das szenisch hoch präsente Ensemble.

Lucía Astigarragas Modernisierung von Puccinis Meisterwerk überzeugt auch bei der Übernahme ans TOBS.

Weitere Aufführungen im Nebia Biel:

So. 22.02.26, 15:00 – 17:15; Di. 24.02.26, 19:30 – 21:45; Mi. 11.03.26, 19:30 – 21:45;

Fr. 13.03.26, 19:30 – 21:45; So. 15.03.26, 15:00 – 17:15.

 

Weitere Aufführungen im Stadttheater Solothurn:

Sa. 28.02.26 19:00 – 21:15, Mi. 04.03.26 19:30 – 21:45, Fr. 06.03.26 19:30 – 21:45,

Do. 19.03.26 19:30 – 21:45, So. 22.03.26 15:00 – 17:15, Do. 26.03.26 19:30 – 21:45.

Auswärtige Vorstellungen:

Stadttheater Schaffhausen: Di. 31.03.26, 19:30 – 21:45;

Casino Theater Burgdorf: Do. 23.04.26, 19:30 – 21:45;

Podium Düdingen: Sa. 25.04.26, 19:30 – 21:45;

KKThun: Sa. 02.05.26, 19:30 – 21:45;

Kurtheater Baden: Fr. 08.05.26, 19:30 – 21:45;

Stadttheater Olten: Di. 19.05.26, 19:30 – 21:45.

20.02.2026, Jan Krobot/Zürich

 

Diese Seite drucken