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BERN/ Stadttheater: „HÄNSEL UND GRETEL“

11.12.2025 | Oper international

„Hänsel und Gretel“ am Stadttheater Bern vom 10.12.2025

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Auf diesem Bild von Ingo Hoehn ist Claude Eichenberger (Knusperhexe) und Hänsel (Evgenia Asanova) und Gretel (Patricia Westley) zu sehen.

Mit Humperdincks Hänsel und Gretel präsentiert das Stadttheater Bern eine Produktion, die musikalische Präzision, klare szenische Linien und eine zurückhaltend atmosphärische Gestaltung verbindet. Unter der Leitung von Alevtina Ioffe entsteht ein Klangbild, das stärker an der psychologischen Anlage des Werkes orientiert ist als an traditionellen, weihnachtlichen Märchenassoziationen.

Raimund Orfeo Voigt entwirft eine Inszenierung, die das Märchenhafte ernst nimmt, jedoch auf übermässige Süsse verzichtet. Gemeinsam mit Kostümbildner Klaus Bruns entwickelt er eine moderne, leicht verfremdete Zauberwelt, die die Geschwister über eine Schranktür betreten. Der Wald erscheint nicht als klassischer Märchenwald, sondern als unheimliche Lichtung: bühnenhohe dunkle Mäntel hängen von der Decke, bewacht von einem übergrossen farbigen Vogel. Das Sandmännchen tritt aus einer Manteltasche hervor, die Engel des Abendsegens erscheinen mit Lampions aus dem Inneren des Mobiliars. Die Bühne bleibt ab dem zweiten Akt in ständiger Bewegung. Besonders prägnant wirkt die Phase unmittelbar vor dem Auftritt der Hexe, in der sich der vermeintlich sichere Ort zunehmend in eine bedrohliche Umgebung verwandelt. Im ersten Akt werden Hänsel und Gretel zusätzlich von Adriaan Sanders und Mina Dwaier in einer jüngeren Doppelung verkörpert – ein Regieeingriff, der das Motiv des Sich-selbst-Begegnens betont und später nochmals aufgegriffen wird. Die Kostüme verbinden historisierende Elemente mit moderner Zurückhaltung. Das Lichtdesign von Bernhard Bieri setzt kontrastreiche Stimmungen zwischen warmen, sonnigen Momenten und harten Schatten, die die unheimlichen Anteile des Stoffes hervorheben.

Alevtina Ioffe führt das Berner Ensemble mit spürbarer Struktursicherheit. Transparenz, rhythmische Genauigkeit und ein bewusstes Hervorheben der dunkleren Partiturfarben prägen den Abend. Die Waldszenen erhalten dadurch eine erdige Tiefe, während Abend- und Traum-Musiken schlank und kontrolliert bleiben. Besonders das Vorspiel zum dritten Akt wirkt konzentriert und unaufdringlich aufgebaut, ohne in plakative Feierlichkeit zu kippen.

Evgenia Asanova gestaltet den Hänsel mit warmem Mezzo, stabiler Höhe und einer darstellerischen Direktheit, die der Figur Natürlichkeit verleiht. Atricia Westley als Gretel überzeugt mit hellem, tragfähigem Sopran und flexibler Phrasierung. Gemeinsam bilden sie ein glaubwürdiges Geschwisterpaar, das den emotionalen Schwerpunkt der Produktion trägt.

Jonathan McGovern verleiht dem Vater Peter einen klaren, erzählerisch geführten Bariton. Claude Eichenberger überzeugt sowohl als Gertrud wie auch als Hexe mit einer stimmlich wie darstellerisch herausragenden Leistung. Als Gertrud bringt sie ein kraftvolles, klar fokussiertes Timbre ein, das die Figur unmittelbar fassbar macht. In der Doppelrolle der Hexe zeigt sie eine deutlich konturierte, ernst zu nehmende Bühnenpräsenz: weniger Karikatur als vielmehr eine unheimliche, präzise gezeichnete Gestalt, die den Szenen spürbare Spannung verleiht. Musikalisch wie szenisch bleibt sie ein zentraler Fixpunkt der Produktion.

Die Auftritte des Sandmännchens (Irati Berraondo Ibarguren) und des Taumännchens (Chloé Underwood) sind stimmlich sauber und zurückhaltend gehalten. Beide Figuren ergänzen die Inszenierung mit feinen, präzise gesetzten Akzenten. Der Kinderchor unter der Leitung von Abélia Nordmann präsentiert sich präzise, ausgewogen und klanglich frisch – besonders im Finale.

Fazit; Die Berner Hänsel und Gretel-Produktion überzeugt durch eine klare musikalische Handschrift, ein homogenes Ensemble und eine Regie, die das Märchenhafte ernst nimmt, ohne in Überzeichnung zu verfallen. Das Ergebnis ist ein konzentrierter, atmosphärisch stimmiger Opernabend.

Marcel Emil Burkhardt

 

 

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