Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERN/ Bühnen: TOSCA (Wiederaufnahme)

27.09.2026 | Oper international

Bühnen Bern: Puccini «Tosca», WA – 26.9.2026

buso
Olga Busuioc als Floria Tosca, Foto © Janosch Abel

Manchmal ist weniger mehr. Es kommt nicht von ungefähr, dass Regisseur Raimund Orfeo Voigt auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet. Vielleicht sollte man eher sagen, der Bühnenbildner führte hier nebenbei auch Regie, denn die minimalistischen, im «Film noir-Stil» gehaltenen Szenenräume brennen sich durch ihre kompromisslose Ästhetik und ihre dramatische schwarz-weisse Lichtführung (Bernhard Bieri) ins Gedächtnis. Raffiniert auch Voigts Kunst des Weglassens: Die zu Streit Anlass gebende Madonnenmalerei steht im uneinsehbaren Winkel zum Zuschauer, nur angetönt durch die angelehnte Malerleiter, in der grauen wie auf einem alten Druck umrissenen Kirche. Der Palazzo Farnese im zweiten Akt ist den bodenlangen Glasschiebetüren einer minimalistisch eingerichteten Penthousewohnung gewichen. Und das Innere der Engelsburg ist auf eine Treppe reduziert, Folter und Erschiessungskommando finden mehrheitlich im Verborgenen statt. Kleinere Regieeinfälle, wie die Kirchenbesucher, die Scarpia wie das personifizierte schlechte Gewissen in die Ecke drängen, stören überhaupt nicht (in der Regel das Beste, was über Regieeinfälle zu sagen ist).

Unweigerlich wird damit die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die drei Protagonisten und ihre Gefühlswelt gelenkt. Und diese ist so intensiv, dass ein üppigeres Bühnenbild wohl zu viel gewesen wäre für die Sinne. Die Wiederaufnahme wartet gleich mit zwei Neubesetzungen auf, und diese sind sensationell: Der junge libanesische Tenor Joseph Dahdah singt den Cavaradossi solide, mit sicheren Höhen und Längen, ohne Pathos und ohne Drama, beinahe als wohltuender Ruhepol zwischen den beiden Dramaqueens. Und die moldawische Sopranistin Olga Busuioc, die neu als Floria Tosca zu erleben ist, lässt in dieser Beziehung nichts aus. Mühelos schwebt sie vom einem traumhaft zarten Vissi d’arte zu qualvollem Gejammer mit entsprechendem Crescendo, eine Naturgewalt, gegen die das Orchester manchmal keine Chance hat, im nächsten Moment aber wieder zerbrechlich die leisesten Töne anstimmend – eine Meisterleistung.

Es liegt in der Natur von Bühnenstücken, dass der Schurke oft die beste Rolle bekommt. Was aber Seth Carico aus der Rolle des Scarpia macht, beinahe das personifizierte Böse, lohnt allein eine Reise nach Bern: Der amerikanische Bassbariton mit dem Aussehen eines Robert Taylor und seiner warmen, melodischen Stimme singt und spielt den zerrissenen, von Macht-, Geld- und Sexgier getriebenen, bitterbösen, sadistischen, dabei auch verletzlichen Mafiapaten so intensiv, dass einem die Luft wegbleibt.

William Meinert als Angelotti hinterlässt ebenfalls einen bleibenden Eindruck. Die weiteren Rollen (Fabio Dorizzi als Spoletta, Christian Valle als Sagrestano, Dario Lupi als Sciaronne und Iyad Dwaier als Schliesser) sind allesamt gut besetzt.

Carlo Goldstein dirigiert das Berner Symphonieorchester temperamentvoll, minimale Abstimmungsschwierigkeiten in den Tempi und Lautstärken seien angesichts der Leidenschaft, die Goldstein aus dem Orchester herausholt, verziehen – zu Recht ein aufgehender Stern am Klassikhimmel. Zsolt Czetner dirigiert den Chor der Bühnen Bern sicher, der im zweiten Akt interessanterweise nicht von der Bühne, sondern dem Foyer des Theaters her tönt. Auch dem sehr disziplinierten Kinderchor der Bühnen Bern (Leitung: Abélia Nordmann, Audrey Tan) gebührt Lob, insbesondere dem Hirtenjungen Artian Taipi.

Das traditionell zurückhaltende Berner Publikum ist hier zu Recht für einmal völlig aus dem Häuschen.

Wer die Unesco-Stadt Bern noch nie gesehen hat, sollte dies bis zum 20.10 tun.

Alice Matheson

 

Diese Seite drucken