Giacomo Puccini: Tosca • Bühnen Bern • Vorstellung: 29.12.2023
(9. Vorstellung • Premiere am 15.10.2023)
«Klar und scharf wie ein blankes Messer»
Die bildmächtige und ästhetische Inszenierung der «Tosca» von Raimund Orfeo Voigt ist weiterhin absolut sehenswert. Voigts Realismus («Die Ästhetik des Realismus muss wie ein blankes Messer klar und scharf sein») tut dem «altbekannten» Werk ausgesprochen gut.

Foto © Tanja Dorendorf
«Tosca» gilt gemeinhin als Werk, das nicht ohne kapitalen Schaden zu aktualisieren, zu modernisieren ist. Raimund Orfeo Voigt (Regie & Bühne) zeigt in Bern, dass dies mit minimalsten Einschränkungen doch möglich ist. Seine vom «film noir» inspirierte Umsetzung lebt davon, dass Manches im Dunkeln bleibt und nicht gezeigt wird. So reichen ihm im ersten Akt die Leiter und die Eimer mit den Pinseln um Cavaradossi als Maler zu zeigen. Die Architektur macht klar, dass die Handlung in der Kirche stattfindet (die Kapelle der Attavanti ist sichtbar nur in gebückter Haltung zu betreten: das muss aber nicht der Haupteingang sein). Der zweite Akt spielt in der einem anzunehmenden Garten zugewandten Salon (mit grossen, gläsernen Flügeltüren) eines Palast. Die Hauptfassade des römischen Palazzo Farnese kennt man. Wer aber kennt das Innere oder die Rückseite? Und das Treppenhaus des dritten Akts kann man sich durchaus in der Engelsburg vorstellen. Gut, die leuchtenden Sterne und die duftende Erde beanspruchen dann etwas Phantasie. Die Kostüme von Klaus Bruns passen ideal in das skizzierte Umfeld, dessen Atmosphäre Bernhard Bieri mit seinem Licht befeuert.
Ein grosser Pluspunkt des Abends ist das Berner Symphonieorchester unter der musikalischen Leitung von Artem Lonhinov. Lonhinovs scharfer Blick in die Partitur führt zu einem kristallklaren Orchesterklang. Befreit vom Dunst der Tradition kann sich Puccini voll entfalten und tut dies, ohne dass das sonst übliche, sich anbiedernde Pathos fehlen würde. Im Gegenteil führt der scharfe Blick dazu, dass instrumentale Details hörbar werden, die sonst chancenlos untergehen. Und das Berner Symphonieorchester unterstützt diese Sichtweise mit vollem Engagement, sei es in den einzelnen Instrumentengruppe wie als Ganzes.
In die gleiche Richtung zielen der Chor der Bühnen Bern (Chor: Zsolt Czetner) und der Kinderchor der Bühnen Bern (Kinderchor: Abélia Nordmann). Der wie immer hervorragend vorbereitete Chor überzeugt mit sattem, homogenem Klang. Besonders reizvoll ist die Idee, den Chor im 2. Akt nicht auf der Hinterbühne, sondern die Türen des Zuschauerraums zu öffnen und den Chor im Foyer des ersten Ranges singen zu lassen. So ist der Chor immer noch eindringlich präsent, die Distanz tönt aber deutlich natürlicher. Der Kinderchor überzeugt mit der gleichen Homogenität und grosser Spielfreude.
Elizabeth Caballero kann ihren positiven Eindruck als Tosca an diesem Abend leider nicht bestätigen. Der Sopran trögt weiterhin und die notwendige Bühnenpräsenz ist unbeschädigt. Gibt es im ersten Akt noch Passagen ohne Vibrato, nimmt dieses im Verlauf des Abends immer mehr zu und beginnt die Interpretation unangenehm zu dominieren. Myhailo Malafii gibt sich als Cavaradossi redlich Mühe, scheitert aber letztlich doch. Die Stimme wird immer enger und rutscht in den Gaumen und versagt an exponierten Stellen wie den Vittoria-Rufen oder dem im Staccato vorgetragenen «E lucevan le stelle» mehrfach. Seth Carico legt den Baron Scarpia als Getriebenen an und bringt ihn so mit intensiver Präsenz auf die Bühne. Seiner Stimme fehlt etwas der Donner: mit seinem Spiel macht er das aber mehr als wett. Mit Christian Valle und Matheus França sind die Rollen des Messners und Cesare Angelottis ausgesprochen luxuriös mit starken Stimmen und engagierten Schauspielern besetzt. Michał Prószyński ist Scarpia ein zuverlässiger Assistent. Andres Feliu als Sciarrone, Iayd Dwaier als Schliesser und Maël Stahler (Kinderchor der Bühnen Bern) als Hirte ergänzen das Ensemble.
Ein durchaus interessanter Abend.
Weitere Aufführungen: 31.12.2023, 13.01.2024, 17.02.2024, 02.03.2024 und 24.03.2024.
29.12.2023, Jan Krobot/Zürich

