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Bern/ Bühnen: L’AGAMENNONE von Salvatore Sciarrino. Vom Leidens-, Schmerzens- und Sühneweg. Uraufführung

31.05.2026 | Oper international

Salvatore Sciarrino: L’Agamennone • Bühnen Bern • Uraufführung: 30.05.2026

Vom Leidens-, Schmerzens- und Sühneweg

Mit «L’Agamennone» ist Salvatore Scarrino ein (weiterer) Wurf gelungen. Das Werk ist eine «vollständige Revision» von «Il canto s’attrista, perché?» («Der Gesang wird traurig, warum?»).

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Foto © Tanja Dorendorf

Die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos «Il canto s’attrista, perché?» war für den März 2020 am Stadttheater Klagenfurt (Koproduktion mit der Oper Wuppertal) geplant. Die Pandemie liess dann aber nur eine Aufführung vor Medienvertretern zu und so nahm der damalige Klagenfurter Intendant Florian Scholz im Sommer 2021 das Werk bei seinem Wechsel nach Bern mit. Sciarrino hat dann die Gelegenheit genutzt sein Werk zu überarbeiten, es einer «vollständige Revision» zu unterziehen (NZZ 30.05.2026). «Die Oper ist bewusst für ein kleineres Sänger*innen-Ensemble gedacht und beschäftigt sich mit dem familiären Beziehungsdreieck der Eltern Klytämnestra und Agamemnon sowie der Seherin Kassandra – die eine Scharnierfunktion zwischen der privaten Katastrophe zur Öffentlichkeit darstellt und daher immer auch den Bezug zum Publikum ins Visier nimmt. Ansonsten gibt es außer einem Herold sowie einem Diener kein weiteres Personal. Daraus wird ersichtlich, dass der Komponist hier das Konzentrat aus einem Mythos zu ziehen versucht. Die zentralen Rollen werden zudem dem Ensemble der Oper Bern in die Kehle geschrieben, darunter Mezzo und Bariton» (https://evs-musikstiftung.ch/funding-project/kompositionsauftrag-an-salvatore-sciarrino-2/).

David Hermann (Regie) verknüpft in seiner Inszenierung die Zeitebenen von Handlung (Antike) und Entstehung (Gegenwart) und konzentriert sich dabei auf das, was gleich bleibt, was beiden Zeitebenen gemeinsam ist: die Problematik des Umgangs mit den Folgen des Kriegs, dass es nie nur Opfer und nur Täter gibt. Agamemnon war im Krieg Täter und wird nach seiner Rückkehr, physisch wie psychisch gezeichnet, ein Opfer dieses Krieges, in dem er Täter war. Dafür steht der Heimweg Agamemnons, den Bettina Meyer (Bühne) in Form eines Steges quer durch den Zuschauerraum, vom Stadttor Trojas (Brandmauer), wo Agamemnon Krieg geführt hat, bis zum Tor des heimischen Palasts in Argos (Zuschauerraum), wo er dann zum Opfer wird, nachgebildet hat. Hier wird Agamemnon von Klytämnestra erwartet, die seit zehn Jahren, seit Agamemnon sie verlassen und die gemeinsame Tochter Iphigenie für günstige Winde geopfert hat, auf Rache sinnt. Die Seherin Kassandra, die er als «Kriegsbeute» aus Troja mitgebracht hat, warnt zwar, aber da sie sich den Avancen Apollons verweigert hat, wer den ihre Warnungen nicht gehört. Auf diesem Steg spielt sich die ganze Oper ab und so wird der Heimweg zum Leidens-, Schmerzens- und Sühneweg und zur Verknüpfung von Antike und Gegenwart. Der Mythos wie die Oper erzählen von der Spirale von Gewalt und Gegengewalt, von der damit verbundenen Hoffnungslosigkeit: «Das Glück ist der Schatten eines Traumes; wenn das Unglück hereinbricht, schwindet auch der Schatten» (aus der Oper). Orest tritt als Science-Fiction-Figur auf: So bleibt der Lösungsansatz fiktiv und die Oper endet mit einem Blackout. Axel Aust hat die mehrheitlich dunklen Kostüme kreiert, Bernhard Bieri das Licht.

Das Berner Symphonieorchester unter Clément Lonca setzt Sciarrinos anspruchsvolle Partitur präzise und mit grosser Spielfreude um. Der Chor der Bühnen Bern, einstudiert von Zsolt Czetner, hat zur alten, rundum überzeugenden Form zurückgefunden.

Die Tatsache, dass Sciarrino den Solisten ihre Partien «auf den Leib geschrieben» hat, trägt deutlich zum Gelingen des Abends bei und ermöglicht den Solisten, sich und ihre Stimmen von der besten Seite zu zeigen. Timothy Connor gibt den Agamennone ausdrucksstarkem, kernigem Bariton und überragender Bühnenpräsenz. Iris van Wijnen agiert als Clitemnestra mit ihrem souverän geführten Mezzosopran und beeindruckender Bühnenpräsenz absolut auf Augenhöhe. Patricia Westley gibt eine bewegende Cassandra und läuft in ihrer gut zwanzigminütigen Soloszene zu grosser Form auf. Tobias Hechler als Ein Diener und William Meinert als Herold sowie Alexandra Lewis, Amber Opheim, Andries Cloete und Peter Strömberg ergänzen das Ensemble als Bürger von Argos.

Ein denkwürdiger Abend.

Weitere Aufführungen: Di. 02.06.2026, 19:30; Sa. 06.06.2026, 19:30; Fr. 12.06.2026, 19:30; So. 14.06.2026, 18:00.

 

30.05.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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