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BERN/ Bühnen: LA TRAVIATA. Wen bitte interessiert es, ob Violetta hätte Mutter werden können?. Premiere

20.09.2026 | Oper international

Giuseppe Verdi: La traviata • Bühnen Bern • Premiere: 19.09.2026

Wen bitte interessiert es, ob Violetta hätte Mutter werden können?

Bühnen Bern eröffnet die Saison mit «La traviata» in der Regie von Raimund Orfeo Voigt. Eine Woche später folgt seine Inszenierung von «Tosca» als Wiederaufnahme.

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Foto © Tanja Dorendorf

Mit der Technik der Fokussierung macht Raimund Orfeo Voigt in «Tosca» einzelne Details oder Personen sichtbar und lässt anderes bewusst im Hintergrund, was zu einer kinematographischen Operndramaturgie führt. So gelingt ihm eine bildmächtige, absolut theaterpraktische Inszenierung. Im Falle von «La traviata» führt Raimund Orfeo Voigts (Regie & Bühne) kinematographischen Operndramaturgie, da mit der Fokussierung wichtige Dinge und Szenen im Hintergrund bleiben, letztlich zu einer Überschreibung von Verdis Meisterwerk. «Die Figur der Violetta ist hochkomplex. Das Paris der 1850er-Jahre und die beschriebene Halbwelt stehen deshalb nicht im Zentrum» (Zitate aus dem Programmheft). Die Konflikte der Figuren und die Entscheidungen, die sie träfen, knüpften an Situationen an «die man aus dem eigenen Leben kennt, wenn auch in anderer Art und unter anderen Umständen. Denn die Grundfragen, die sind unserem heutigen Leben immanent: Handle ich für mich selbst? Verzichte ich auf mein Glück für jemand anderen? Welche Kraft hat die Liebe?» Bei der Arbeit am Stück hätten sich ihm folgende Fragen gestellt: «Wie soll man sich an mich erinnern? Wie blicke ich selber auf mein Leben und woran erinnere ich mich?» Und weiter: « Dadurch kommt in meiner Lesart. Ein weiterer wichtiger Aspekt dazu, der sich der Perspektive auf das Leben in unterschiedlichen Lebensabschnitten und Altern widmet: Wie betrachtet man Situationen je nach Lebenserfahrung anders? Violetta stirbt sehr jung und konnte beispielsweise nie Mutter oder Grossmutter werden […]»

Diese «Perspektive auf das Leben in unterschiedlichen Lebensabschnitten und Altern» führt weit weg von der eigentlichen Geschichten des Stücks hinzu einer zeitgeistigen Überschreibung und den Homestorys aus der Regenbogenpresse. Wen bitte interessiert es im Zusammenhang mit dem Libretto von Piave und Verdi, ob Violetta hätte Mutter werden können? Die Kurtisane wird hier zur einfachen Prostituierten, ersichtlich aus der immer wieder auftauchenden, leicht bekleideten Dame und deren Kolleginnen, die der Zuschauer wohl im erst später erfundenen Kaiserpanorama vermuten sollen. Die Männer gehen mit den Mädchen um, wie es das eine Kurtisane nicht zugelassen hätte (Kostüme: Ursula Renzenbrink). Das Bühnenbild des ersten Akts, ein Raum in einer grossbürgerlichen Wohnung oder einem Stadtpalais werden auch für die weiteren Akte der Oper nicht verändert und so müssen für die Andeutung des Landlebens beleuchtete Fensterläden genügen. Im dritten Akt ist dieser Raum bis auf das obligate Waschbecken und ein Cheminée leergeräumt. In Kombination mit den mehrfachen Figuren der Violetta – Annina ist als alternde Violetta mit einer sechsundachtzigjährigen Sängerin besetzt – trägt diese nivellierte Umgebung nichts zur eigentlichen Geschichte bei. Das Weiterleben Violettas, sie stirbt nicht, sondern geht einfach ab, soll wohl zum Nachdenken anregen.

Lina Tsiklauri als Traviata setzt, ob gewollt oder nicht, diese Rollenkonzeption der weiterlebenden Violetta musikalisch um: von Violettas Krankheit ist bei ihrer Interpretation nichts zu bemerken. Bei gleichbleibender Lautstärke spricht der farbenreiche, solid geführte Sopran gut an. In seiner dramatischen Ausrichtung entspricht er nicht den Stimmen, mit denen die Violetta Valery üblicherweise besetzt ist. Am Ausdruck der Emotionen könnte noch gearbeitet werden. Sophie Kidwell gibt mit gut fokussiertem Mezzosopran die Flora Bervoix. Barbara Martig-Tüller, die schon in den siebziger Jahren am Haus sang, gibt die Annina. Davide Tuscano singt die Partie des Alfredo sauber, aber unter permanentem Hochdruck. Diese Art des Singens mag für den Verismo passen. Aber sicher nicht für den Verdi der Trilogia popolare. Jonathan McGovern bleibt als Giorgio Germont ungewohnt blass, wozu sicher die Rollenkonzeption als «älterer Bruder» oder «Ratgeber» Violettas beiträgt. In seiner grossen Arie («Di Provenza il mar, il suol») will die Sonne der Provence nicht so recht leuchten und die gross Szene im 2. Bild des zweiten geht in der Regie unter. Mit Fabio Dorizzi als Gastone, William Meinert als Barone Douphol, Dario Lupi als Marchese d’Obigny, Christian Valle als Dottor Grenvil, Roberto Santos Luy als Giuseppe und Maël Stähler als Commissionario/Domestico sind die übrigen Rollen adäquat besetzt.

Alevtina Ioffe pflügt mit dem Berner Symphonieorchester mit brachialer Urgewalt und inkonsistenten Tempi durch die Partitur, treibt dieser das letzte Fünkchen Intimität aus und zwingt die Solisten wie den Chor (Chor und Extrachor der Bühnen Bern; Chordirektor: Zsolt Czetner) zu blindem, hemmungslosen. So ist von dem, was die Traviata ausmacht, nichts mehr auszumachen.

Schade um den Aufwand.

Weitere Aufführungen:

Di. 29.09.2026, 19:30; So. 11.10.2026, 18:00; So. 25.10.2026, 18:00; Sa. 31.10.2026, 19:30;

So. 29.11.2026, 16:00; Do. 10.12.2026, 19:30; So. 13.12.2026, 18:00; Mi. 16.12.2026, 19:30;

Fr. 18.12.2026, 19:30; So. 27.12.2026, 16:00; Do. 31.12.2026, 18:00; Di. 19.01.2027, 19:30.

22.09.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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