Engelbert Humperdinck: Hänsel und Gretel • Bühnen Bern • Vorstellung: 29.12.2025
(8. Vorstellung • Premiere am 08.11.2025)
Potential der Produktion nicht ausgeschöpft
Neben dem Opernhaus Zürich hat auch Bühnen Bern zur Weihnachtszeit Humperdincks «Hänsel und Gretel» produziert. (Mit Luzern 2023/2024 und St.Gallen 2024/2025 ist Humperdincks Oper in den Schweizer Spielplänen der letzten Jahre gut vertreten). Ob die deutsche Tradition von «Hänsel und Gretel» als der Weihnachtsoper schlechthin in der Schweiz so lebendig ist? Leider vermag keine der beiden aktuellen Produktionen zu überzeugen.

Foto © Ingo Hoehn
Die Inszenierung von Raimund Orfeo Voigt (Regie und Bühne) bringt die Erkenntnis, dass er offenbar zu jener Gruppe Regisseuren gehört, bei denen man recht genau ahnt, was den Zuschauer erwartet. So ist die Handlung hier in einem Wohnzimmer mit anschliessender Küche im Stil der späten fünfziger Jahre und einem ererbten Kleiderschrank angesiedelt. Der Bezug zum Film wird durch die Gestaltung des Vorhangs als Kamerablende gewahrt, was im ersten Bild erlaubt auf Wohnzimmer oder Küche zu fokussieren. Das Wohnzimmer als Daheim des ersten Akts wandelt sich im dritten Akt zum Knusperhäuschen: der Gegensatz von Armut und Überfluss, von Hunger und Völlerei, ist so gewahrt und ein Stück weit auch optimistisch gedeutet, denn der Schritt von Armut zu Überfluss scheint ja nicht weit zu sein. Der zweite Akt im Wald findet in einer Phantasiewelt der Kinder statt, die sie durch den Kleiderschrank (in dem noch Opas Wehrmachtsgarderobe hängt) erreichen und als Innenleben von Opas Kleiderschrank von grauen Mänteln und Tierfiguren bevölkert ist. Hier also machen die Geschwister ihren Reifungsprozess durch, der (nicht ganz konsequent) dadurch verdeutlicht wird, dass im ersten Akt zwei Mitglieder des Kinderchores die volksliedhaften Passagen übernehmen. Nach den Erfahrungen andrer Berner Produktionen bewahrt das Konzept Voigts wohltuenderweise vor zeitgeistigen Umdeutungen: Hänsel darf ganz einfach Hänsel sein und Gretel darf Gretel sein. Gretels Bubikopf geht als stilistisch nicht zum Umfeld passender Tribut an den Zeitgeist durch: in diesem Umfeld wären lange Haare oder Zöpfe stimmiger gewesen. Aber man will nicht übermässig klagen, denn Kostüme von Klaus Bruns passen tadellos ins Bühnenbild. Bernhard Bieri setzt das alles ins richtige Licht. So ist der Abend frei von szenischen Provokationen. Und das ist ja schon mal was.
Das Dirigat von Chefdirigentin Alevtina Ioffe ist, wie schon bei der Premiere von «Manon Lescaut», von ausserordentlicher Lautstärke dominiert. Das Blech dröhnt, die dunklen Streicher drängen sich in den Vordergrund. Es klingt, als gelte es der Verstärkung der Kinderstimmen (der geneigte Leser erinnert sich: Doppelbesetzung der beiden Hauptrollen) Paroli zu bieten. Darunter leiden besonders die volksliedhaften, «leichteren» Passagen, denn es klingt viel zu sehr nach (einem knalligen, «auf Effekt gebürsteten» Wagner). Das Berner Symphonieorchester lässt erkennen, dass es die Partitur durchaus näher am Original spielen könnte. Abélia Nordmann hat den Kinderchor der Bühnen Bern gut vorbereitet.
Jonathan McGovern gibt mit gut fokussiertem, strahlendem Bariton einen rundum überzeugenden Besenbinder. Claude Eichenberger überzeugt als Gertrud wie als Hexe mit grosser Bühnenpräsenz. Florence Losseau gibt den Hänsel mit herrlich warmem Mezzo und überragender Spielfreude. Aus dem Kinderchor übernimmt Nikita Gutjahr die Lieder des jungen Hänsel. Patricia Westley gibt die Gretel in Sachen Bühnenpräsenz auf Augenhöhe. Die Stimme neigt häufig zu Schärfen. Aus dem Kinderchor übernimmt Salome Gimelli die Lieder der jungen Gretel. Tadellos stimmschön ergänzen Irati Berraondo Ibarguren als Sandmännchen und Chloé Underwood als Taumännchen das Ensemble.
Das Potential der Produktion wird leider nicht ausgeschöpft.
Weitere Aufführungen: So. 04.01.2026, 18:00; Mi. 07.01.2026, 10:00; Do. 08.01.2026, 19:30; So. 18.01.2026, 18:00;
So. 22.02.2026, 18:00.
01.01.2026, Jan Krobot/Zürich

