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BERN/ Bühnen: GUILLAUME TELL . Ein ganz und gar unschweizerischer Tell

08.01.2023 | Oper international

Gioacchino Rossini: Guillaume Tell • Bühnen Bern • Vorstellung: 07.01.2023

 (8. Vorstellung • Premiere am 23.10.2022)

Ein ganz und gar unschweizerischer Tell

Rossinis «Guillaume Tell» ist die Überraschungs-Produktion dieser Saison bei den Bühnen Bern. Weit davon entfernt ein Repertoire-Dauerbrenner zu sein und dann noch in einer ganz und gar «unschweizerischen» Konzeption, sorgt die Produktion bei praktisch jeder Vorstellung für ein ausverkauftes Haus.

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Foto © Tanja Dorendorf

Rossinis «Guillaume Tell» ist die letzte Oper des Komponisten und zugleich die erste «Grand Opéra». Ein Charakteristikum der Gattung «Grand Opéra» ist, dass aktuelle politische Themen anhand historischer Ereignisse thematisiert, den aktuellen Themen ein historisches Mäntelchen umhängt. Amélie Niermeyer (Regie) nimmt dem Werk für Ihre Umsetzung das historische Mäntelchen, dass nötig war, um kurz vor der Juli-Revolution 1830 das Thema «Tyrannen-Mord» diskutieren zu können, und siedelt die Diskussion in der Gegenwart an, gibt dem Thema ein neues Mäntelchen. Entscheidend ist, dass das Thema bleibt – so wie für Verdi bei seinem «Rigoletto» die Leiche im Sack, und nicht der Ort der Handlung entscheidend war. Mit folgendem Kunstgriff (zitiert nach dem Programmheft zur Produktion) verbindet Niermeyer die drei Zeitebenen von Gegenwart, Zeit der Uraufführung (Diskussion des Thema Tyrannen-Mord) und Zeit, in der die Oper spielt (Hochmittelalter in der Innerschweiz; das Märchen mit dem Hut und Apfel, wie Schiller selbst einmal den Kern der Sage bezeichnete, ist älter und tritt das erste Mal in den «Gesta Danorum» des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus auf): «Die Jugendliche Jemmy erlebt die politische Situation in ihrer Heimat zunehmend als repressiv und macht sich Gedanken zum Thema Widerstand: Wann ist dieser gerechtfertigt mit allen brutalen Konsequenzen? Dabei stösst sie auf eine Geschichte, die ihrer Situation gleicht, und beginnt zu lesen.» Auf diese Art und Weise funktioniert «Guillaume Tell» auch unter Ausblendung aller «Folklore», also ganz und gar «unschweizerisch» (was aber die Wirkmächtigkeit der Geschichte in und für die Schweiz nicht in Frage stellt). Christian Schmidt (Bühne) hat Niermeyer dazu eine mehrstöckige Villa auf die Dreh-Bühne gestellt, die sowohl Jemmys Jugend-Zimmer wie auch Räumlichkeiten für die Erwachsenen enthält. Die Kostüme von Axel Aust changieren, der Konzeption entsprechend, zwischen ziviler Alltags-Kleidung und militärischer Kampfkleidung. Dustin Klein besorgt die Choreographie von Choristen und Statisten. Ein besonderes Lob verdienen die Video-Einblendungen von Janosch Abel, denn sie unterstützen so diskret Niermeyers Konzept, dass die geographische Verortung erst zum Schluss deutlich wird. Mit dem visuellen moralischen Vorschlaghammer könnte die Produktion nicht diese atemberaubende Wirkung entfalten.

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Foto © Tanja Dorendorf

Das Berner Symphonieorchester unter musikalischer Leitung von Sebastian Schwab befindet sich in grossartiger Form. Von zarten Piano-Stellen bis hin zu wuchtigen Forte-Wogen ist alles möglich und die meisterliche Instrumentation Rossinis bleibt immer noch klar durchhörbar. Die exzeptionelle Leistung, die Zsolt Czetner mit dem Chor und Extrachor der Bühnen Bern und dem Studierenden-Ensemble der HKB erarbeitet hat, verdient höchstes Lob.

Modestas Sedlevičius gibt die Titelrolle mit kernigem, sicher geführten Bariton und grosser Bühnenpräsenz. Anton Rositskiy singt den Arnold Melcthal mit viel Schmelz und Metall und, abgesehen von einer kleinen Pause, vorbildlicher Höhensicherheit. Giada Borrelli ist mit jugendlichem Sopran eine szenisch höchst glaubwürdige Jemmy. Matheus França gibt mit herrlichem Bass einen despotischen Gessler, der optisch an asiatische Despoten erinnert. Michał Prószyński ist ein als die Banalität des Bösen verkörpernder Rodolphe der ideale Adlatus Geslers. Masabane Cecilia Rangwanasha ist eine in jeder Beziehung mustergültige Mathilde und kann vor allem im anspruchsvollen 1. Bild des 3. Akts überzeugen. Claude Eichenberger gibt Tells Gattin Hedwige. Christian Valle als Walther Furst, Andreas Daum als Arnolds Vater Melcthal, Filipe Manu als Ruodi und Jonathan McGovern als Leuthold ergänzen das formidable Ensemble.

Ganz grosse Oper, die man erlebt haben muss!

Weitere Aufführungen auf Grund grosser Nachfrage: So. 26.03.2023, 16:00.

Jan Krobot/Zürich

 

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