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BERN/ Bühnen: Giuseppe Verdi: LA FORZA DEL DESTINO • Linker Messianismus, Kriegsverniedlichung und plumper Aktionismus. Premiere

04.05.2026 | Oper international

Giuseppe Verdi: La forza del destino • Bühnen Bern • Premiere: 03.05.2026

Linker Messianismus, Kriegsverniedlichung und plumper Aktionismus

Mit Julia Lwowskis «La forza del destino» bringt Bühnen Bern linken Messianismus, Kriegsverniedlichung und plumpen Aktionismus, kurz allerübelstes Regietheater, auf die Bühne. Man fragt sich, wie der «repertoiretaugliche» Liebestrank aussehen könnte, den sie in der kommenden Saison auf die Bühne des Zürcher Opernhauses bringen soll. Um die musikalische Seite ist es leider kein bisschen besser bestellt.

forza
Foto © Florian Spring

Julia Lwowski (Regie) hat durchaus ein paar interessante Ideen zur Macht des Schicksals entwickelt. Leider gelingt es ihr nicht, diese in ein schlüssiges Konzept zu fassen. Je länger der Abend dauert, desto weiter klafft die Lücke zwischen dem musikalisch-textlichem Gehalt und der Szene auseinander. Die Regisseurin scheint eine ausgeprägte Angst vor der szenischen Ruhe zu haben: dabei gibt es einige Momente, die keiner szenischen Aktion bedürfen. Die hinzuerfundene Rahmengeschichte eines Vaters, der seine Tochter «standesgemäss» in eine Oper über die Macht des Schicksals ausführt und verhindert, dass die Tochter im Theater Kontakt zu einem unbekannten Zuschauer knüpft und die Tochter dann in der Oper ihre eigene Geschichte erzählt sieht, könnte ja noch passen. Aber warum muss das Ganze mit tumultartigem Klamauk erfolgen? Und warum muss der Kulturbetrieb auf jene eindreschen, die den Kulturbetrieb finanzieren? Warum wird insinuiert, die Farbigen mit den Pappschildern, die sich den Logenplatz «erspart» haben, seien die besseren Besucher, als der reiche, weisse Mann, der die Finanzkraft seiner Familie erwähnt? Es gibt genug Weisse, die sich im Theater grenzwertig benehmen und genug Farbige, die den Kulturbetrieb mittragen. Die ganze Szene muss dann noch von einem Kameramann (der den ganzen Rest des Abends hyperaktiv bleibt) aufgezeichnet und live in Gross (Video: Martin Mallon) gezeigt werden. Nichtssagende Fragen an die Zuschauer inklusive. Sollte die anfängliche Bitte ans Publikum, die Mobiltelefone zu Gunsten der Technik nicht nur in den Flugmodus, sondern ganz auszuschalten ernst gemeint gewesen sein, wäre das vielleicht der richtige Zeitpunkt gewesen, über die Sache an sich nachzudenken. Mit den folgenden Aussetzern der Technik in der Saalansage und der Videoübertragung wirkt das wahlweise wie eine Karikatur oder einfach nur armselig. Der plumpe Aktionismus des Beginns prägt den weiteren Abend und lässt das Thema der Oper und ein Regie-Konzept bestenfalls am Rande erkennen. Eine weite Beeinträchtigung des Abends ist der linke Messianismus in Form oberstudienrathafter Belehrungen (unter Verwendung von Texten von James Baldwin) und völlig überflüssiger Provokationen wie «Schicke Deinen Vater auf den Strich!». Das hat man im Theater mehr als genug erlebt und vermag ausser der zahlenmässig bestens und besonders lautstark vertretenen Claque (die gute Auslastung bringt) niemanden zu begeistern. Die Wirkung dürfte wohl eher eine Gegenteilige sein, denn in dieser Massierung wie in der «Moralpredigt» direkt nach der Pause wird beim Publikum kaum mehr als Gleichgültigkeit oder ein Abwehrreflex ausgelöst. So löblich das Ansinnen ja ist, aber vielleicht wäre es einmal einen Gedanken wert, was von den verwendeten Texten beim Publikum, das nicht wochenlang geprobt und an diesem Abend das erste Mal mit den Texten konfrontiert ist, eine Chance hat wirklich hängen zu bleiben. Völlig degoutant ist die Verniedlichung des Kriegs zu einem «Sandkastenspiel», in dem man Preziosilla in einer Trümmerlandschaft (immerhin) Soldaten-Figuren und Flaggen zerstören lässt. Böse Zungen mit Beobachtungsgabe würden nun fragen, wie verlogen man sein muss, um draussen die ukrainische Flagge an die Fassade zu hängen und drinnen genau diese zu zerstören und die russische unangetastet zu lassen. Schon fast erwartbar ist die Inkonsequenz, dass man sich fürs Kirchen-Bashing der Figur einer (nicht kanonischen) Heiligen bedient. Mit der «Heiligen» Kümmernis (Wilgefortis) hat man gleich noch die Genderfrage mitgenommen. Der Legende zufolge betete Wilgefortis, um einer erzwungenen Heirat zu entgehen, um körperliche Verunstaltung und wurde erhört: es wuchs ihr ein Bart. Yassu Yabara (Bühne) lässt sich von der Brandmauer des Theaters «inspirieren», kann dies aber in keinen weiteren Zusammenhang bringen. Die Kostüme, mit viel Kreativität und wenig Konzept entworfen, stammen von Romy Springsguth.

Im Graben scheint an diesem Abend die Devise «Je lauter, desto besser» zu gelten. Alevtina Ioffe (Musikalische Leitung) legt das Hauptgewicht auf die kriegerischen Töne und lässt mit grösster Begeisterung fürs Knallige das Berner Symphonieorchester mit ungebremster Wucht und brachialer Lautstärke durch die Partitur pflügen. Die zarten Töne, die es in der Forza durchaus gibt (und sich bei einer Auseinandersetzung, mit der in einer reichen Diskographie überlieferten Aufführungstradition auch entdecken liessen), gehen so natürlich völlig unter. Erschwerend kommt natürlich hinzu, dass Lwowski völlig am Text und der Musik vorbei inszeniert: beim Zusammentreffen dieser beiden «Konzepte» kann die Musik gar nicht mehr wirken. So verliert zum Beispiel «La Vergine degli Angeli» jegliche Zartheit und Emotion. Und der Chor wie die Solisten werden zum Forcieren gezwungen. Der sonst so formidable Chor und Extrachor der Bühnen Bern (Chor: Zsolt Czetner) kann dem Graben weitestgehend Paroli bieten, aber auch ihm wird jede Nuancierung und jede Emotion verwehrt.

Die Solisten stellen sich heldenhaft dem Kampf. Christian Valle gibt den Marchese di Calatrava und den Padre Guardiano mit tadellos geführtem, frei strömendem Bass. Caterina Marchesini kann als Leonora mit einem wunderbar vollem, rundem Sopran überzeugen. Mit einer entsprechenden musikalischen Leitung hätte sie alle Voraussetzungen zu einer erstklassigen Leonora. Gustavo Castillo hat als stimmgewaltiger Don Carlo di Vargas an diesem Abend immer wieder mit Trübungen der Phrasierung zu kämpfen. Die Stimme erweckt den Eindruck, als höre man ihr die Anstrengung der Probenzeit an. Mihails Čuļpajevs gibt den Don Alvaro ganz im Sinne der musikalischen Leitung und geht hemmungslos und ohne Rücksicht auf Verluste in die Vollen. Die Stimme steht entsprechend unter dauerhaftem Druck und klingt eng und wenig frei. Feinzeichnung und Spitzentöne liegen in dieser Interpretation, weit entfernt von dem, was vermutlich möglich wäre, dann nicht mehr drin. Marcela Rahal überrascht in der Rolle der Preziosilla: ihr Sopran ist tadellos fokussiert, voll und rund und kann wunderbar frei strömen. Jonathan McGovern gibt einen prächtigen Fra Melitone. Als er mit einem Karren voller Totenköpfe zur Kapuzinerpredigt auftritt, überrascht die Regie: das erwartete Fussballspiel mit den Totenköpfen unterbleibt. Diana Mian als Curra, Michał Bączyk als Alcalde und Chirurgo, Oksana Vakula als Braut und Gina Maiwald als Kummernissa ergänzen das heldenhaft kämpfende Ensemble, das nur zwei Tage später schon die nächste Aufführung bewältigen muss. Wie das wohl die Stimmen mitmachen?

Valentina Carrasco hat vor kurzem gezeigt, wie man «La forza del destino» mit Niveau brandaktuell inszenieren kann. Julia Lwowski ist das definitiv nicht gelungen. Von daher:

Ein Abend zum schnellen Vergessen.

Weitere Aufführungen:

Di. 05.05.2026, 19:30; Fr. 08.05.2026, 19:30; So. 10.05.2026, 16:00; Di. 12.05.2026, 19:30;

So. 24.05.2026, 18:00; Di. 09.06.2026, 19:30; Fr. 19.06.2026, 19:30.

 

04.05.2026, Jan Krobot/Zürich

 

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