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BERN/ Bühnen: DIE ZAUBERFLÖTE. Premiere

07.09.2022 | Oper international

Bühnen Bern, Premiere der Zauberflöte 4. September 2022

 Darf man heute noch eine Zauberflöte „klassisch“ Aufführen?

 Am 4. September 2022 war die Premiere von Mozarts Zauberflöte bei den Bühnen Bern als Übernahme der Inszenierung von den 2017 verstorbenen Regisseur Patrick Schlösser aus Klagenfurt. Ich habe mir seinerzeit einige Vorstellungen angeschaut und für mich war es eine der besten Zauberflöten, die ich gesehen hatte. Entsprechend groß waren meine Erwartungen. Ich muss zugeben, dass ich bei der Premiere immer den Vergleich zu Klagenfurt mit dieser Inszenierung machen wollte, die von Alexander Kreuselberg szenisch einstudiert und angepasst wurde. Zu präsent waren mir die Aufführungen aus Klagenfurt noch im Kopf, so dass ich am 16. September 2022 die Berner Zauberflöte auch ein zweites Mal anschaute. Es ist eine klassische Zauberflöte die uns Schlösser schenkte mit einem märchenhaften Bühnenbild von floraler Schönheit, das der in Rumänien geborene Künstler Miron Schmueckle, der zur Premiere in New York seine Werke ausstellte, gestaltete. Neben seiner märchenhaften Erscheinung, weist das Bühnenbild aber auch alle Symbole der Freimaurer auf, die eine Zauberflöte braucht. Ebenso fantasievoll sind die Kostüme von Katja Wetzel.

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Szenenfoto Zauberflöte Bern; Foto: Caspar Martig Martig

Der Intendant der Bühnen Bern Florian Scholz eröffnet hiermit die Spielzeit der Opernsparte. Eine Zauberflöte muss ein Bringer sein oder? Aber setzt Herr Scholz sich hier nicht der Kritik aus, gestrige Oper zu zeigen?

Wer sich diese Zauberflöte so ansieht, hat sie einfach nicht verstanden. Das Märchenhafte ist zwar auffällig und überfordert auch nicht die Augen des Publikums, aber Märchen sind ja eigentlich nicht für Kinder gemacht, die aber diese Zauberflöte auch gut sehen können. Die tiefere Botschaft von Schlösser wird erst auf den zweiten Blick klar erkennbar, ohne dass es an modernen Hinweisen fehlt. So kommen die drei Knaben mit Pappschildern auf die Bühne als der schwarze Vorhang unten ist und heben diese Schilder nach einander hoch, dass man sie lesen kann. „Wir sind die drei Knaben“; „Eigentlich sind wir Mädchen“ und „Die Knaben sind im Stimmbruch“.  Ich finde eine sehr subtile Anspielung, die so gestaltet wurde, dass sie zum Nachdenken anregt, wenn man es will. Aber es gibt eine Vielzahl derartiger Anspielungen. So kommt Sarastro auf Krücken gebeugt eindrucksvoll auf die Bühne. Was will uns dieser alte Mann sagen, der eine Loge der Freimaurer führt? Es bleibt jedem Besucher genügend eigener Raum, darüber nachzudenken oder sich nur an der Zauberflöte zu berauschen. Es lohnt sich auch in die Interviews mit Patrik Schlösser zu hören. Er zwingst uns nicht seine Sicht vordergründig auf, die in der Manie des Regietheaters allzu oft abschreckend und verstörend wirkt. Seine Botschaft, die er uns auch über seinen Tod mitgibt, ist eindeutig: „Mehr als Liebe kann es nicht geben“. Ich finde es passt heute mehr denn je. Diese Zauberflöte lässt uns auch die emotionale Größe durch eine durchwegs herausragende gesangliche Leistung des Berner Ensemble genießen. Wenn ich etwas kritisieren möchte, was eigentlich nicht sein muss, dann doch, dass man Dialoge streicht, wenn man meint, dass sie vermutlich heute nicht mehr zeitgemäßes sind. Gerade Monostatos darf schwarz oder sollte es sein. Es ist ein Zitat von Shakespeares und ein Plädoyer für Humanität. Aber so ist es heute mit der Korrektheit. Die Hintergründe will man sich meist nicht mehr erarbeiten. Aber das Monostatos weiß bleibt, stört in dieser sehr feinfühligen Zauberflöte nicht. So muss man auch den Mut des Intendanten Scholz sehr loben, dass er sich der Gefahr der Kritik nicht mehr zeitgemäß zu sein aussetzt. Aber die Inszenierung von Schlösser bleibt neben ihre Zeitlosigkeit ein intensives musikalisches Erlebnis.

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Szenenfoto Zauberflöte Bern; Foto: Caspar Martig Martig

Wie in Klagenfurt hat auch in Bern Thomas Rösner die musikalische Leitung übernommen. Das Berner Symphonieorchester spielt differenziert und präzise mit pulsierender Wärme. Rösner gelingt die Balance zwischen Bühne und Graben großartig. Das Klangbild schmilzt zu einem einzigen zusammen, wo auch das hervorragende Ensemble sich stimmlich gut zeigen kann. Es ist eine große Freude, wie sich die einzelnen Stimmen ergänzen und gut aufeinander abgestimmt sind. War ich in der Premiere von der Textverständlichkeit von Filipe Manu als Tamino noch nicht ganz überzeugt, was er schon dort aber stimmlich und darstellerisch mehr als ausglich, so hatte er den Ballast der Belastung einer Premiere in der Vorstellung am 16. September völlig abgeworfen und die Textverständlichkeit war nun auch nicht mehr zu beanstanden. Gesanglich ein exzellenter Gegensatz bildeten Diana Schnürpel als Königin der Nacht und Matheus Franca. Höchste und tiefste Töne mit einer Klangreinheit gesungen, wie man sie selten hört. Neben Thomas Rösner war auch Diana Schnürpel schon bei der Premiere in Klagenfurt und ich muss sagen, dass sie auch in der Zeit erheblich gewachsen ist. Wie sie mühelos das hohe f erreicht und ihre Arien mit einer Energie singt, die sie auch spielerisch umsetzt, ist einfach nicht zu steigern. Das Publikum dankte es ihr mit starkem Szenenapplaus.

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Szenenfoto Zauberflöte Bern; Foto: Caspar Martig Martig

Aber alle Sänger*innen sind durchwegs zu loben. So seien sie auch alle namentlich erwähnt: Giada Borrelli als Pamina, Katharina Will als 1. Dame, Lucija Ercegovac als 2. Dame und Evgenia Asanvoa als 3. Dame, Marie Rihane als Papagena, Jonathan McGoven als Papageno, Michał Prószyński als Monostatos, Christian Valle als 1. Priester und als 2. Geharnischter, Anderas Del Castillo als 1. Geharnischter und natürlich die drei Knaben in der Premiere gesungen von Arlett Isenegger, Ranja Leuenberger und Salome Frey.

Entscheidend für die Zauberflöte in Bern ist es aber auch, wie es das Publikum aufnimmt. Die Pandemie bescherte den Theatern leere Ränge und leider ist es auch jetzt in vielen Theatern so. Der Intendant Florian Scholz hat mit der Zauberflöte von Patrick Schlösser aber die Seele seines Berners Publikum getroffen. Nicht nur die Premiere war ausverkauft, ich konnte auch bei der dritten Vorstellung nur ganz wenige freie Plätze erspähen. Was mir weiter auffiel war, dass das Publikum sehr durchwachsen war. Sehr viele Kinder und auch junge Menschen sahen sich die Vorstellungen an. Schon in der Pause redete man im Foyer oder vor dem Theater von dieser Zauberflöte und nach der Vorstellung war es nicht anders. Ich hörte die Melodien vom Publikum singen und angenehm erregt über sie sprechen. Es ist wunderbar zu sehen, dass eine Zauberflöte sein Publikum erreicht. Der Dank zeigte sich auch im anhaltenden Schlussapplauses beider Vorstellungen und vereinzelte Standing Ovation. Vielmehr geht nicht.

Ich habe keine Bange, dass auch die nächsten Vorstellungen so gut wie ausverkauft sein werden. Man sollte sich also beeilen, wenn man diese märchenhafte Zauberflöte noch sehen möchte. Die weiteren Vorstellungen sind am 24.09, 01.10, 09.10, 28.10., 06.12, 10.12 und 31.12.2022

Carl Osch

Bern, den 18.09.2022

 

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