BERLIN / Staatsoper Unter den Linden DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN, Premiere, 28.2.2026

Foto: Monika Rittershaus
Riesenjubel für Sir Simon Rattle und das Regie-Leading Team: Leoš Janáčeks große Naturkreislaufbeschwörung als eine al fresco comicreduzierte, schöpfungsumarmende pantheistische Hymne aus Böhmen
Nach Jenufa dürfte „Das schlaue Füchslein“ mittlerweile zu den bekanntesten und am meisten gespielten Opern des aus Mährisch-Ostrau stammenden Leoš Janáček gehören. In Berlin haben sie nun alle drei Opernhäuser abrufbereit. Dabei ist die in einzelnen Episoden abspulende Handlung samt philosophischer Mystik und erst recht die motivisch klein- bis mikroteilige Musik über den Lebensweg der jungen, rebellischen Füchsin Schlaukopf oder Scharfohr, wie dieses so hinreißend attraktive, selbstbewusste und doch so verletzliche Wesen auch genannt wird, alles andere als einfach.
Denn es geht auf einer Subebene zum ewigen Kreislauf der Jahreszeiten um den Platz des Menschen in der Schöpfung, Geburt und Tod, um die Trauer des Alterns und verlorene Illusionen, um die Tragik unerwiderter Liebe, um Nostalgie und Einsamkeit und nicht zuletzt um das komplexe Verhältnis von Zivilisation zu Tier, Wald, Wasser und Luft.
Für die beiden Sphären, diejenige des Menschen und diejenige der Tierwelt, verfolgt Janáček motivisch und atmosphärisch unterschiedliche Ansätze: Die fantastische Tierwelt zeichnet Janáček volkstänzerisch beschwingt mit pentatonischen Skalen, während die Erdenschwere und überwiegend als trostlos empfundene Menschenwelt von zerbrochenen Träumen, kalt gewordenem Eheleben, mitleidloser Ausbeutung (Wilderer Harašta) Gefangenschaft und Gewalt erzählt. Sie baut ebenso motivisch verschränkt vielmehr auf Ganztonleitern. Zudem bemüht Janáček hier, wie auch in anderen Werken, in seiner so spezifischen Orchestersprache repetitiv kleinste Muster. Der symbolistisch dargestellte Kreislauf der Natur spiegelt sich direkt in der Musik wider. Die Sphären von Füchslein und Förster, Traum (das Füchslein träumt, in ein schönes Mädchen verwandelt zu werden) und die Realität wollen sich erst durch die mesmerisierenden, rhythmisch straffen Klänge aus dem Orchestergraben zu einer höheren Einheit fügen.
Eine die Natur mit Respekt und Bewunderung begegnende Öko-Oper aus den Zwanziger-Jahren also? Nein, eher eine Fabel über das schwierige Verhältnis von Mensch und Tier, sowie den Zauber der Natur, wobei sich die beiden Ebenen bei Janáček überlappen. So trägt etwa der Dackel Züge des Försters und der Dachs symbolisiert den Pfarrer. Die Oper will aber wesentlich mehr, denn Janáček verband mit ihr das Ziel, „das Leben in seiner Ganzheit“ vorzuführen.
Ist dieser Anspruch auch in der tatsächlich allerersten Premiere des „Schlauen Füchsleins“ in der Staatsoper Unter den Linden eingelöst worden? Aus meiner Sicht teils ja, wenngleich ein Erdenrest bleibt. An sich sind die Idee und die Ästhetik der Inszenierung (Ted Huffman, Regisseur und neuer Intendant des Festivals Aix-en-Provence) und Ausstattung (Bühne Nadja Sofie Eller, Kostüme Astrid Klein) bestechend. Sie orientieren sich am schnörkelreduzierten Comicuniversum der literarischen Bildvorlage. Janáček hatte sich in dem von ihm selbst eingerichteten Textbuch nämlich auf die Fortsetzungsnovelle in Bildern (heute sagen wir graphic novel) Příhody lišky Bystroušky von Rudolf Těsnohlídek und des Zeichners Stanislav Lolek gestützt, die 1920 in Comicbebilderung in der Brünner Tageszeitung Lidové noviny erschien.
Die Bühne stellt einen leeren weißen Raum dar, in dem die bunten Farben der (Tier)Kostüme als Deko dienen und die wenigen Versatzstücke – ein mittig platzierter Erdhaufen (der eine Kunstinstallation in der im Hamburger Bahnhof untergebrachten Nationalgalerie der Gegenwart sein könnte), tote Baumstämme, eine Biedermeiereinrichtung der Seeförsterei, einfache Tische und Stühle für Páseks Gastwirtschaft, ein Plakat von Dürers Feldhasen an der Wand im Wesentlichen den Bewegungsrahmen der Figuren abstecken. Das ist sicherlich das glatte Gegenkonzept zum Hyperrealismus der legendären Walter Felsenstein Inszenierung an der Komischen Oper 1956 (ein Filmdokument existiert).
Eine Folge der Inszenierung als eine Art Comicdeutung in Anlehnung an den literarischen Ursprung besteht außerdem darin, dass es die Drastik, ja Brutalität der Natur, die um ihren Erhalt bemüht, ohne Moral, sondern nur von innerer Notwendigkeit und Eigenlogik ‚getrieben‘ handelt, ausklammert. Die Szene, in der das Füchslein den Hahn und die Hennen abmurkst, gleitet so in unfreiwilligen Slapstick Humor ab, weil die Legehühner wie von selbst tot umfallen. Ebenso wirkt die Sterbe- und Todesszene der von Harašta erschossenen Titelfigur weitgehend abgesoftet.

Foto: Monika Rittershaus
Die neue Produktion bezieht ihre Reize aber nicht nur aus der Tatsache, dass die Tierwelt ebenso fabelhaft mit Schneckenhaus und Libellenflügel erscheint wie im Märchen, sondern vor allem daraus, dass der Hauptgedanke, die Tiere von Mitgliedern des Kinderchors der Staatsoper Unter den Linden und der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin (Alter von 12 bis 18 Jahren) teils in poetischer, stupender akrobatischer Präzision darstellen zu lassen, einen ganz eigenen Reiz und Charme hat. Zukunftsgerichtet optimistisch und hoffnungsfroh. Statt Pappe und Kleister sehen wir wandlungsfähige Körper in freier, ungezwungener Bewegung. Und das mit einer Spielfreude und kecken Selbstverständlichkeit, die nicht nur Kindern gefallen wird.
Dieses Konzept deckt sich wiederum mit dem musikalisch gespannten Stimmungsbogen, der, was die symbiotische Einheit von Natur und Liebe anlangt, in einen idealistischen Hymnus mündet. Der Förster darf als Schlussbotschaft an die Schönheit von Wald, Mai und Liebe nämlich die Sätze singen: „Da begrüßen sie einander, weinend fast vor Aufregung, dass sie sich wiedersehen. Dann streuen sie das Glück aus, mit dem Tau, in tausende Blüten, Himmelschlüssel, Veilchen, Anemonen und die Menschen gehen mit gesenkten Köpfen und begreifen, dass ein überirdisches Glück hier vorbeigegangen ist.“
Der wichtigste Handlungsträger der dreiaktigen Oper ist das Orchester. In ihm verarbeitete Janáček akustische Eindrücke, die er im Lužánky Park sammelte, um die Sprachmelodien etwa der Vögel studieren zu können. Sir Simon Rattle, Janáček affiner Brite mit deutscher Staatsbürgerschaft, dirigierte „Das schlaue Füchslein“ bereits mehrfach. Für das Haus Unter den Linden (und des zeitweiligen Ausweichquartiers im Schiller-Theater) bedeutet diese Premiere den Abschluss einer sechsteiligen Serie von Janáček-Opern, die Rattle erarbeiten durfte.
Was bei diesem Dirigenten sofort auffällt (und das man ihm stilistisch auch bei Rameaus „Hippolyte et Aricie“ ankreiden hätte können), ist Rattles Vorliebe für impressionistische Stimmungen bis zur Weichzeichnung. Ich hätte eine strukturell kantigere und scharfe Kontraste nicht meidende Sicht bevorzugt, was der spröden Schönheit der nicht zuletzt auch aus der mährischen Landschaft verständlichen Musiksprache her besser entspräche. (Anm.: ich bin etwa 60 km südlich von Brünn auf der österreichischen Seite des Stacheldrahts genau in dieser vielen aufs Gemüt schlagenden Landschaft ohne jeglichen Blickhaltepunkt am Horizont aufgewachsen).
Rattle eröffnet manchen Hörgenuss und lyrische Verzückung der Extraklasse, nicht zuletzt, weil mit der Staatskapelle Berlin ein erfahrener und subtil charaktervoller Klangkörper zur Verfügung steht. Auf der anderen Seite nivelliert Rattle durch die Pflege eines geglätteten Wohllauts die emotionalen Brüche der Partitur, das rhythmisch Schroffe und Aufgeraute, die granitene Starre und melancholische Bedrückt- und Entrücktheit mancher Szene.
Die Passagen mit Förster, Schulmeister und Pfarrer mögen idZ exemplarisch genannt sein. Sie alle lassen verklärt oder frustriert ihre verflossene Liebe zu Terynka Revue passieren. Die wiederum bevorzugt den Landstreicher Harašta, wie eben das Leben so spielt. Die Regie bittet die eigentlich nur im Gespräch vorkommende Terynka zweifach in die Inszenierung: Als Alter Ego zum Füchslein, von Vera Lotte Boecker dargestellt, und in Form von an Terynka gerichteten, von den nicht erhörten Männern erdachten flehentlichen Liebesbriefen, die während der Orchesterzwischenspiele auf den grünen Zwischenvorhang projiziert werden.
Um die sanglichen Leistungen ist es gut bestellt, wobei Vera Lotte-Boecker mit ihrem qualitätsvollen lyrischen Sopran und einer vorzüglichen tschechischen Diktion als Füchslein besondere Erwähnung verdient. Sir Simon Rattles Ehefrau Magdalena Kožená gab ihr Debüt als Fuchs Goldrücken, wobei sie wie immer mit ihrem warm leuchtenden Mezzo für sich einnahm, in den extremen Höhen aber um Stabilität und Projektion kämpfte.
Die übrige Besetzung mit Svatopluk Sem (Der Förster), Natalia Skrycka (Die Försterin, Eule), Florian Hoffmann (Der Schulmeister, Mücke), David Oštrek (Der Pfarrer, Dachs), Carles Pachon (Harašta), Sandra Laagus (Dackel, Specht), Anna Samuil (Hahn), Adriane Queiroz (Frau Pásek, Schopfhenne), Sonja Herranen (Eichelhäher) und Junho Hwang (Gastwirt Pásek) bot eine gediegene Ensembleleistung.
Der Kinderchor der Staatsoper in Kooperation mit der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin haben mit ihrem Einsatz bei erstaunlicher künstlerischer Reife ihren Jubel redlich verdient. Sie wurden bei der Premierenfeier von der Intendantin des Hauses Elisabeth Sobotka zurecht entsprechend gewürdigt.
Weitere Termine: 3., 7., 13. und 15. März 2026
Dr. Ingobert Waltenberger

