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BERLIN/ Volksbühne: „RAUSCHEN“ – eine Uraufführung von Sasha Waltz & Guests

29.04.2019 | Ballett/Tanz


Ballett von Sasha Waltz. Foto: Julian Roeder/ 2019

Berlin/ Volksbühne: „RAUSCHEN“, eine Uraufführung von Sasha Waltz & Guests, letztmalig am 28.04.2019

Sasha Waltz – das ist für viele ein Muss, und so bleibt auch bei der letzten Aufführung ihres neuen Stücks „rauschen“ kein Platz im Großen Saal der Volksbühne leer. Außerdem wollen wohl alle sehen, ob sie – als Einstieg in die Intendanz des Staatsballetts – Besonderes bietet. Bekanntlich beginnt ihre Zeit als dortige Co-Intendantin in der kommenden Spielzeit. 

Setzt sie also bereits Maßstäbe, die ihr bisheriges Tun in den letzten Jahren übertreffen? Nach dem packenden, sehr konzentrierten Stück „Half Life“ von Sharon Eyal beim Staatsballett Berlin, das die Fans des zeitgenössischen Tanzes gestürmt haben, wird von ihr ähnlich Mitreißendes erwartet. 

In ihrer neuen Arbeit „in Koproduktion mit der Volksbühne Berlin beschäftigt sich Sasha Waltz mit einer Gesellschaft, der in den Kulissen ihres perfekten Lebensraumes die Welt abhanden gekommen ist. Durch bodenlose Zustände steuert die Choreografie mit 12 Tänzer*innen in einen Enthüllungsprozess.“ So die offizielle Ankündigung.

Dieser Enthüllungsprozess ist im Verlauf der pausenlosen, fast zweistündigen Darbietung tatsächlich zu erleben. Beim Rauschen in diversen Lautstärken und Klangfarben entblößen die Tänzerinnen und Tänzer von Sasha Waltz and Guests jedoch nicht nur ihre Körper, sondern auch ihre Seelen. Neu ist die Hinzufügung von Songs, speziell einige von den Beatles.

In edlen weißen Kostümen, kreiert von Bernd Skodzig, betritt nun eine Frau nach der anderen die ebenfalls weiße Bühne. Sie zucken, drehen sich teils sonderbar, stehen manchmal schräg im Raum und anscheinend nicht sicher auf ihren Beinen. Offenbar haben sie die Bodenhaftung verloren, können sich selbst und ihre Bewegungen nicht mehr richtig steuern.  Vielleicht sind es Luxusfrauen, die nicht arbeiten müssen und ihre Tage nur mit Hilfe von Facebook-Bekanntschaften irgendwie ausfüllen. 

Das wird hier zwar nicht explizit gezeigt, dürfte aber der Hintergrund ihrer allgemeinen Unzufriedenheit und Haltlosigkeit sein. Zu ihren Bewegungen sprechen sie auf Englisch die Texte, die Agnes Scherer für „rauschen“ geschrieben hat. Nur manches klingt real, anderes poetisch wie sonderbare Träume.  

Jedenfalls haben diese Frauen zunächst Angst vor dem eingespielten Rauschen, die schwarz gekleideten Männer weniger. Zumindest zeigen sie es nicht, gehören aber auch zu den irgendwie Gestörten. Ihren Frust entladen einige, indem sie sich mit akustisch verstärktem Knall mehrmals hintereinander auf die Bühnenbretter werfen. (Bühne: Thomas Schenk, Sasha Waltz).

Wie das alle tänzerisch umsetzen, ist durchaus interessant zu sehen. Sasha Waltz hat ihre Guests mit neuen jüngeren Tänzerinnen und Tänzern angereichert. Sie zeigen auch teils neuartige Bewegungsmuster und eine insgesamt exemplarische Fitness und Ausdauer.

Es wird viel gerannt, als liefen sie alle vor ihrem eigenen Leben davon oder vor eingebildeten Feinden weg. Einer hängt mal am Trapez und spricht – verzweifelt gegen das Hinterunterfallen ankämpfend –  Sätze aus der Erklärung der Menschenrechte, die ihm ein Mann zu seinen Füßen, der Tänzer László Sandig, zum Nachsprechen vorliest. Ist er ein Flüchtling, der auf Einlass in ein anderes Land hofft?

Per saldo scheinen die dargestellten Damen unter extremer Langeweile und ebenso unter Schreckhaftigkeit zu leiden, die Herren ansonsten eher unter karrierebedingter Überforderung und/oder dem Wahn, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen.

Manchmal treten Tänzerinnen mit Plastikschläuchen auf, die später zum Prügeln oder zum Nass-Spritzen dienen.  Bald duschen sich die Männer und Frauen in einer durchsichtigen Kabine die Kleidung vom Leibe und agieren eine Zeitlang in voller Nacktheit. Die sämtlich gut trainierten Körper bieten ein angenehmes Bild. Bei den Tänzerinnen bleibt es bis zuletzt beim „oben ohne“.

Aus den erwähnten Schläuchen scheint nun auch schwarzes Wasser zu kommen, färben sich doch die vorher weißen Wände beim Besprühen düster ein. Diese schwarze Periode bildet in etwa den zweiten Teil, in dem es noch unzufriedener und hilfloser zur Sache geht. Einer wirft sich immer wieder auf ein Bett, andere erneut krachend auf den Boden. Eine Tänzerin schreit ihre Einsamkeit und ihren Protest heraus. Ob sie das selbst spricht, oder nur die Lippen zum eingespielten Text bewegt, sei dahingestellt.

Nur ganz gelegentlich sind vorsichtige Annährungsversuche zweier Menschen zu sehen, die aber sofort wieder abgebrochen werden. Hier kämpft offenbar jede und jeder für sich allein, aber gegen was? Gegen die eigene Einsamkeit, gegen eine befürchtete Bedrohung, für mehr Anerkennung? 

Letztendlich fehlt dem neuen Stück „rauschen“ eine greifbare Handlung, ein roter Faden und der gewisse Witz, den Sasha Waltz’ frühe Stücke, wie „Allee der Kosmonauten“ oder „Travelogue I – Twenty to eight“, besaßen. Die wurden in den letzten Monaten wieder aufgenommen und machen den Unterschied zwischen den kraftvollen ersten Kreationen und den neueren Choreografien mehr als deutlich.   

„rauschen“ besteht aus lose aneinander gereihten Szenen, die mitunter durchaus einige interessante Aspekte bieten, aber vage bleiben und kein Ganzes werden, trotz des spürbaren Engagements aller Tanzenden (Blenard Azizaj, Davide Camplani, Clémentine Deluy, Edivaldo Ernesto, Hwanhee Hwang, Lorena Justribó Manion, Annapaola Leso, Zaratiana Randrianantenaina, Aladino Rivera Blanca, László Sandig, Yael Schnell und Stylianos Tsatsos).

Insgesamt betrachtet ist Sasha Waltz’ neue Kreation – ähnlich wie vorher „Exodus“ – deutlich zu lang und erschöpft sich und das Publikum durch Wiederholungen. „In der Kürze liegt die Würze“, lautet das bekannte Sprichwort. Ein handlungsarmes Stück zu dehnen, ermüdet anstatt zu animieren.  

Letztlich dominiert Trauerstimmung, passend untermalt von George Harrisons „While my guitar gently weeps“.  Die hier gezeigten Menschen haben sich allerdings in ihrer Unzufriedenheit und Lebensunlust eingerichtet und interessieren uns eigentlich überhaupt nicht. Wahrscheinlich ist das ein Grund dafür, dass der Beifall für die Tänzerinnen und Tänzer zögernd startet und schon nach wenigen Minuten  verebbt. Sie hätten mehr Anerkennung für ihre Leistung verdient.  

 Ursula Wiegand 

 

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