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Berlin / Staatsoper: „VIOLETTER SCHNEE“ von Beat Furrer, Uraufführung

14.01.2019 | Oper

Bildergebnis für staatsoper berlin violetter schnee
Copyright: Monika Rittershaus

Berlin / Staatsoper: „VIOLETTER SCHNEE“ von Beat Furrer, Uraufführung 13.01.2019

 Passender könnte der Uraufführungstermin für diese neue Oper gar nicht gewählt sein. In Berlin vor der Staatsoper Unter den Linden prasselt zwar nur der Regen, aber die Horrornachrichten über Lawinentote und Dörfer, die durch die Schneemassen von der Außenwelt abgeschnitten sind, erschrecken auch die Berliner, die keine Wintersportler sind.

Vor diesem höchst realen Hintergrund lässt das nun zu Erlebende sicherlich zahlreiche Besucher und Besucherinnen erschauern und sorgt für gespannte Aufmerksamkeit, obwohl der Schnee in diesem Auftragswerk der Staatsoper an Beat Furrer nicht gefährlich violett schimmert. Muss er auch nicht. Die Landschaftsbilder, die Regisseur Claus Guth in Breughel-Manier entwickelt hat, sind eindrucksvoll genug.

Gleich zu Anfang geht es um ein Bild, ein Gemälde von Pieter Breughel d.Ä.: „Die Jäger im Schnee“. Das hängt in Wien im Museum und erweist sich als der Türöffner für Augen und Ohren. Eine Frau, auf der Bank vor dem Bild sitzend, betrachtet es lange und intensiv.  

Tanja heißt sie, und nur mit Wortbrocken schildert sie, was sie beim Blick auf das Gemälde sieht und fühlt. Der Text von Furrers Mitstreiter Händl Klaus, basierend auf einer Vorlage von Wladimir Sorokin, vermittelt den Eindruck, als hätte sie solch gefährliche Schneemassen schon selbst erlebt und womöglich nicht überlebt. Die bekannte Schauspielerin Martina Gedeck spricht leise diese abgehackten Sätze.

Immer wieder sind von ihr die Worte „Hunger, Fressen, Fleisch“ zu hören. Träumt diese weiß gekleidete Frau dieses nur? Vermutlich nicht, geht sie doch kurz vor dem Ende als weißlicher Schatten durch das Haus, in das sich fünf Menschen vor dem andauernden Schnee geflüchtet haben. Jacques, ein älterer Mann – der großartige Bassbariton Otto Katzameier – meint in ihr seine verstorbene Frau zu erkennen. Der nimmt das Schneetreiben ganz gelassen.

Die beiden jüngeren Paare verhalten sich unterschiedlich. Das eine Paar, Natascha und Jan (Elsa Dreisig und Gyula Orendt) haben Hoffnung auf Rettung. Das andere, Silvia und Peter (Anna Prohaska und Georg Nigl), sind pessimistisch. Peter hinkt, hat ein verletztes Bein. Ob ein wetterbedingter Unfall der Grund war, bleibt offen.

Doch Hunger haben sie alle, sie frieren und verheizen den Holztisch, um das recht große Haus mit der langen Treppe nach oben ( Bühne: Ètienne Pluss) etwas zu erwärmen. Nur Jacques, ständig im dunklen Mantel (Kostüme: Ursula Kudrna) sitzt öfter oben auf dem Dach im leise rieselnden Schnee. Rauf und runter per Hubbühne wird das Umfeld gewechselt. 

Unter den Händen des renommierten Dirigenten Matthias Pintscher – selbst ein Komponist und 2004 mit dem Musikpreis der Stadt Wien geehrt – entfalten sich Furrers Klänge mit Hilfe der Staatskapelle Berlin auf eindringliche Weise. Zuerst klingt die Musik schneidend und dissonant, was vom Schlagwerk noch drastisch unterstrichen wird. War das vielleicht eine niedergehende Lawine? 

Doch je mehr das Geschehen fortschreitet, umso einsilbiger werden alle, umso weniger kommunizieren sie miteinander. Die schick gekleidete Elsa Dreisig als Natascha fordert mit absichtlich schrillem Sopran gerettet zu werden. Doch das Haus liegt mitten im dichten Wald und ist fast unauffindbar.

Gyula Orendt (Jan) setzt Hände und Bariton ein, um die zurückhaltende Silvia (die stark verkleidete Elsa Dreisig) zum Beischlaf zu animieren. Doch in dieser Situation hat sie dazu keine Lust. Rastlos gehen einige die lange Treppe rauf und runter, solange die Füße noch tragen.

Genau wie diese fünf Menschen werden die Klänge immer leiser, aber auch feinfühliger, wabern mitunter wie Lounge Musik durch den Saal. Angenehm singt das Vokalconsort Berlin im Hintergrund. Mehrmals laufen Breughel-Gestalten stumm und ganz langsam über die Bühne, alte, Holzbündel schleppende Frauen mit weißen Häubchen, winterlich eingemummelte Kinder, auch Jäger, Bauern und Soldaten.

Claus Guths Welt der Bilder beeindruckt. Womöglich entstehen sie durch Halluzinationen, hervorgerufen durch Hunger, Kälte, Hoffnungslosigkeit und einen unruhigen Schlaf. Welche Bilder erscheinen den Menschen beim Übergang vom Leben in den Tot?

Beim plötzlich aufleuchtenden Sonnenschein meinen dann die Eingeschlossenen, sich dem Mars zu nähern. Schon längst ist ihnen alles fremd geworden, wahrscheinlich sind alle schon gestorben und schweben in einer anderen Welt.

Es ist dieses Rätselhafte und Geheimnisvolle um Schnee und Tod, dass bei dieser Uraufführung das Publikum spürbar fasziniert. Der Beifall für das Ungewohnte ist ungewöhnlich heftig und anhaltend. Den größten Applaus erhalten Matthias Pintscher und die Staatskapelle Berlin, die diese Uraufführung zu einem Erfolg gemacht haben. Auch das Regieteam erhält deutlichen Applaus.  

Ursula Wiegand

Weitere Vorstellungen am 16., 24., 26. und 31. Januar 2019. Die letzte wird Beat Furrer selbst dirigieren.
 

 

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