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BERLIN/Staatsoper Unter den Linden_ LOHENGRIN am 1.2..2026

02.02.2026 | Oper international

Glaube? Liebe? Hoffnung? Benjamin Bruns gibt in Calixto Bieitos ausweglosen “Lohengrin” glanzvolles Hausdebüt.

Wenn in der Oper kurz vor Beginn der Vorstellung die Abendspielleitung vor den Vorhang tritt, bedeutet das in der Regel nichts Gutes. Dieses Mal gab es gleich zwei kurzfristige Ausfälle und Umbesetzungen zu verkünden. Ensemblemitglied Roman Trekel musste dabei so kurzfristig als Heerrufer des Königs für den an einer Bronchitis erkrankten Arttu Kataja einspringen, dass nicht einmal Zeit war, seinen Namen auf dem Programmzettel zu ändern – so bravourös, wie er die Partie dann gemeistert hat, ist sowieso zu fragen, wieso er das nicht immer macht. Benjamin Bruns hatte immerhin einen Tag mehr Zeit, sich als Einspringer für Eric Cutler auf sein Hausdebüt als Lohengrin an der Staatsoper Unter den Linden vorzubereiten. Gesungenhatte er diese Partie zuvor bereits in Salzburg, München und Chemnitz. Und was in Berlin als Notlösung begann, geriet zum Glücksfall für die Opernwelt.
Benjamin Bruns begann seine musikalische Laufbahn als Altsolist im Knabenchor seiner Heimatstadt Hannover. Während seines Studiums an der Hochschule für Musik und Theater
Hamburg erhielt er sein erstes Festengagement am Bremer Theater, wo er sich ein breit  gefächertes Repertoire erarbeitete. Es folgten Engagements an der Oper Köln und an der Semperoper Dresden, bevor er im Juni 2010 Mitglied des Ensembles der Wiener Staatsoper wurde – eine künstlerische Heimat, der er ein Jahrzehnt lang verbunden blieb. Seit 2020 ist Benjamin Bruns regelmäßig als Gast an bedeutenden Opernhäusern zu erleben, wo er mit den großen Partien seines Fachs begeistert: unter anderem als Max (Der Freischütz), Florestan (Fidelio), Kaiser (Die Frau ohne Schatten), Erik (Der fliegende Holländer), Siegmund (Die Walküre) sowie in der Titelrolle von Parsifal oder wie gestern als Lohengrin. In Bayreuth wird er im Sommer 2026 sein Debüt als Erik im Holländer geben.
In dieser Rolle hatte ich ihn bereits im vergangenen Jahr an der Bayrischen Staatsoper an der Seite von Camilla Nylund und Nicholas Brownlee erleben dürfen. Damals dachte ich schon, dass ich diese große, unverbrauchte lyrische Stimme gerne auch in einer anderen Wagner-Partie hören wollte. Gestern war es dann soweit. Bruns’ Tenor besitzt jene schwer zu definierende Qualität, die man vielleicht als „lyrisch mit kernigem Rückgrat“ beschreiben könnte. Es ist ein heller, weicher, kultivierter Klang, getragen von scheinbar unerschütterlicher Kraft, solider Technik und einer auch in
dramatischen Partien fast unverschämten Leichtigkeit. Die Höhe sitzt bemerkenswert stabil, die Linien fließen mit natürlichem Atem, und die Ausdauer und Kraft scheinen grenzenlos. Seine Gralserzählung „In fernem Land“ wirkt nicht wie ein heroischer Kraftakt, sondern mehr wie eine innere Offenbarung – entrückt, nobel, von poetischer Transparenz, schwebend. In der Tradition von Klaus Florian Vogt stehend ist Bruns nicht der stählerne Erlöser und Retter, sondern der lichte Fremde, der eher aus Klang und Licht als aus Fleisch und Blut zu bestehen scheint. Sagen wir herzlich willkommen zu einem neuen, herausragenden Lohengrin der Generation Lyrik, mit dem wir sicher noch viel Freude haben werden.
An seiner Seite gestaltet Elza van den Heever eine Elsa von bemerkenswerter psychologischer Tiefenschärfe und stimmlicher Kraft. Ihr Sopran verbindet strahlende Höhen mit einer warmen, tragfähigen Mittellage, die Zweifel und Sehnsucht gleichermaßen hörbar macht.
Anja Kampe dominiert als überwältigende Ortrud mit stimmlicher Urgewalt und elektrisierender darstellerischer Präsenz: ihre Ortrud ist eine kluge Machtstrategin, vokal wuchtig, darstellerisch radikal. Für mich in dieser Rolle, aber auch als Brünnhilde, eine der aktuell besten Interpretinnen.
Wolfgang Koch gibt einen kräftigen, sängerisch wie darstellerisch herausragenden Telramund, René Pape einen nach wie vor beeindruckenden König Heinrich, mit melancholischer, mehr menschlicher als patriarchalischer Würde.

Simone Young entfaltet mit der Staatskapelle Berlin einen schillernden, differenzierten Wagner-Klang zwischen irisierender Transparenz und politischer Wucht. Die Vorspiele leuchten, die Massenszenen haben architektonische Gravität, ohne je in Pathos zu versinken. Auch musikalisch eine Sternstunde!

Calixto Bieitos radikal modernisierte Inszenierung erzählt die Geschichte des Gralsritters weniger als romantisches Märchen, sondern mehr als ausweglose zeitgenössische Studie über Projektionen und Erwartungen in Zeiten der Hoffnungslosigkeit.
Er lässt die im Lohengrin thematisierten Katastrophen und Konflikte um Macht, Mord, Nachfolgeregelungen und Vertrauensfragen in einer nach wie vor patriarchalisch geprägten und von Krisen geschüttelten Gesellschaft auf der Führungsetage eines Global Players spielen, der um sein Überleben kämpft. Dabei geht es immer auch um Glaube, Liebe, Hoffnung. Lohengrin meets Succession.
In der aktuellen Übernahmeschlacht um die Zukunft des Familienunternehmens taucht Lohengrin als weißer Ritter auf und rettet, zumindest vorübergehend, Elsa – und das Unternehmen. Am Ende scheitert auch er. Ausgestattet mit Spielzeugtrompete und Plastikschwert wird Elsa als neue Leiterin etabliert. Von Anfang an eine Frau auf verlorenem Posten. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Die Premiere fand am 13. Dezember 2020 statt, also mitten in der Corona-Pandemie und einer der bis dahin weltweit schlimmsten Krisen. Und dennoch war im Rückblick die Welt damals noch vergleichsweise in Ordnung.
Die Krise Deutschlands, des Westens, der Demokratie, der Menschheit hat innerhalb dieser kurzen Zeit noch einmal dramatisch zugenommen: ökonomisch, ökologisch, politisch,
mental, spirituell. Der Welt und der Menschheit fehlt es nicht nur am Glauben, sondern auch am Glauben daran, dass es künftige Generationen mal besser haben werden. Kein Wunder also, dass in so einer Situation die Sehnsucht nach dem Wunder und die Hoffnung auf Besserung/Rettung/Erlösung kollektiv sehr groß ist. Und Lohengrin ist in dieser Hinsicht nicht nur eine ideale Projektionsfläche, sondern leider auch ein Mann, der im 3. Akt Elsa gegenüber alles falsch macht, was Mann nur falsch machen kann. Auch darum geht es am Ende in Bieitos Inszenierung.
Doch jenseits dieser im besten Sinne fragwürdigen Inszenierung bleiben mir ohnehin die nuancierte, überwältigende musikalische Leitung, der herausragende Chor und das herausragend besetzte Ensemble in Erinnerung, ergänzt von dem Eindruck, Zeuge eines besonderen Debüts gewesen zu sein. Benjamin Bruns ist an der Staatsoper Unter den Linden angekommen – und mit ihm eine neue, kräftige und ausdauernde sowie zugleich lichte und leichte Idee von Wagner. Ich würde mich freuen, ihn hier öfters zu hören. Oper ist die Antwort, wenn auch keine Lösung. Erlösung gibt es bis auf weiteres nur in der Kunst.
Bravo Benjamin, bravi tutti!

Dr. Eric Alexander Hoffmann

 

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