Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN / Staatsoper Unter den Linden „TANNHÄUSER“. Luxuriöser Repertoireabend

01.05.2023 | Oper international

BERLIN / Staatsoper Unter den Linden „TANNHÄUSER“; 30.4.2023

Luxuriöser Repertoireabend mit den vom Publikum herzlichst begrüßten Staatsopern-Debüts von Lise Davidsen und André Schuen als Elisabeth und Wolfram von Eschenbach

tan
Foto: Bernd Uhlig

Was kann man am Nachmittag vor der Walpurgisnacht Besseres tun als in den Tannhäuser gehen? Das Brauchtum rankt(e) sich um die Themen Fruchtbarkeit, rituelle Liebesakte, die Abwehr von Seuchen und generell dem Bann der Umtriebe des Bösen. Einiges von diesem Hokuspokus ist auch in der Inszenierung der Berliner Choreografin Sasha Waltz aus dem Jahr 2014 zu sehen. Natürlich greift sie in ihrer einzigartigen Bühnenarbeit (ein Weiterreichender Produktion beliebig an andere Häuser ist gar nicht möglich, weil die komplexe Ballettregie nur von ihrer eigenen Compagnie geleistet werden kann) auf das zurück, was sie kann: Tanz, Bewegungstheater, Pantomime. Hemmungslose Sexualität, Sublimierungen, idealisierte, sakrale Unantastbarkeit von Frau und Mann und alles dazwischen sind Auslöser der unversöhnlichen Konflikte der Titelfigur der Wagner Oper. Entweder-Oder ist aber im realen Leben nicht: Natürliche Triebe und „pure“ Liebe, die mehr für andere als für sich selbst will, müssen unter ein Dach. Das ist nicht einfach. Da kann das Verhalten des Tannhäuser im Grunde gut nachvollzogen werden, dem abwechslungslos vom Einen wie vom Anderen rasch zu viel ist, der sich hin und hergerissen zwischen beiden Polen aber deshalb grob versündigt, weil er egoistisch und empathielos stets nur seinen Bedürfnissen nachgibt.

Sasha Waltz hat in gemeinsam mit Pia Maier Schriever designten, ästhetischen Bühnenbildern stilisierte Tableaus mit Sängern, Chor und Tänzern eingerichtet, die starke Bezüge zur Kunstgeschichte – etwa in der Folge der fantastischen Bilder von Luis Ricardo Falero – aufweist. Mit gefällt die Produktion sehr gut, weil sie eben dem Tannhäuser durch die parallel ablaufenden Bewegungsdeutungen der Bühnencharaktere und ihrer Emotionen das Statische, das Oratorienhafte nimmt, was Regisseure vor schwierige Aufgaben stellt. Außerdem wird auf dämliche Aktualisierungen verzichtet, was ebenfalls ganz wunderbar ist, denn Tanz ist per se abstrakt…

Die Aufführung ist außerdem wieder ein schöner Beweis dafür, wie spannend und beinahe rundum erfüllend Repertoireabende sein können abseits von den uneinlösbaren Erwartungen gehypter Events, wie der lt. überwiegender Medienberichte enttäuschenden Tannhäuser-Premiere der Salzburger Osterfestspiele.

Sebastian Weigle, der zu Beginn seiner musikalischen Laufbahn 15 Jahre lang erster Solohornist der Staatskapelle Berlin war, bevor er zum Dirigentenstab griff, leitete die Aufführung mit Bedacht auf die zauberisch erotischen Klangwirkungen der Partitur, wusste aber auch, die dramatischen Schürzungen Ende der Venusberg-Szene im ersten Akt, und die Aktschlüsse zwei und drei packend und mitreißend zu gestalten.

Die Staatskapelle Berlin, u.a. durch das langjährige Wagner-Training mit Chef Daniel Barenboim in der allerersten Liga rangierend, sorgte für einen festspielwürdigen Orchestersound. Man weiß gar nicht, wo mit dem Schwärmen beginnen und wo aufhören: Bei den lichtsilbern und furios präzise fiedelnden Geigen (Vorspiel zur Hallenarie!), dem luxuriös und gnadenlos perfekt spielenden Blech (Trompeten, unfallfreie Hörner, deren 12 beste am Ende des ersten Akts für einen instrumentalen Show-Act der Sonderklasse sorgen) bis hin zu den anbetungswürdigen Holzbläsern im dritten Akt. Das Publikum würdigte diese große Leistung am Ende mit heftigem Applaus.

Ganz besonders freundlich und begeistert wurden die zwei Berliner Rollendebütanten Lise Davidsen (nach einem Liederabend war es ihr erster Opern-Auftritt an der Staatsoper Unter den Linden) als Elisabeth und der Südtiroler Kavalierbariton André Schuen in der Rolle des Wolfram gefeiert. Lise Davidsen, jugendlich dramatischer Sopran auf kerzengeradem Weg ins hochdramatische Fach, ist schlicht und einfach ein Naturereignis. Ihre voluminöse, technisch topsichere Stimme, ihr Bühnencharisma sowie ihre vokale Modulations- und Wandlungsfähigkeiten prädestinieren sie für Schweres und Extra-Schweres. Ihre Tannhäuser-Elisabeth ist rein stimmlich eine Schwester der Isolde, so verzückt emphatisch gestaltete sie das Liebesduett mit Tannhäuser bzw. so resolut stellte sie sich mit „Zurück von ihm! Nicht ihr seid seine Richter!“ im zweiten Akt der meuchelnden Menge entgegen. Genauso dramaturgisch passgenau wie die hochdramatischen Ausbrüche vermochte sie, das Zarte und Elegische der Elisabeth im Gebet berührend zum Ausdruck zu bringen. Zudem fügte sich Lise Davidsen bewundernswert harmonisch und elegant in die auch die Solisten mit einschließende Bewegungsregie von Sasha Waltz ein.

André Schuen profitiert für die Rolle des Wolfram von Eschenbach hörbar durch seine intensive Beschäftigung mit dem Lied im Konzertsaal und auf Tonträgern. Wie seine prominenten Vorgänger Dietrich Fischer-Dieskau oder Eberhard Wächter verfügt Schuen über ein überirdisches Legato, kann innerhalb von Phrasen dynamisch feinzeichnen und unterstreicht so die poetisch-lyrische Grundierung der Figur. Das „Lied an den Abendstern“ begann er am Rücken singend auf goldenem Grund und sonst leerer Bühne, ein singulär verträumtes, einprägsames Bild. Sein charaktervoll, individuell timbrierter, samtiger Bariton mit Kern, der von einem tragfähigen Pianissimo bis zu einem beeindruckend fokussierten höheren Register alles draufhat, ist Weltklasse und aktuell auf dem absoluten Höhepunkt seiner Möglichkeiten.

Das künstlerische Niveau dieser beiden illustren Gäste erfüllten ohne jegliche Abstriche die in sinnlich weiblichem Furor badende bzw. tobende Venus der Marina Prudenskaya (die Einzige, die von der Besetzung der Premiere noch mit von der Partie ist), der engelgleich sopranglockige Hirt der Regina Koncz (beim Solovorhang erhielt sie für die kleine Partie eine der stärksten Ovationen) sowie der Walther von der Vogelweide des Siyabonga Maqungo, der seinen lyrisch strahlenden und klangschönen Tenor mit Elegance und Klasse einzusetzen vermochte.

Grigory Shkarupa als Landgraf Hermann von Thüringen enttäuschte dafür mit seinem herb-metallen-unruhigen Bass. Sein Legato ist wahrlich ausbaufähig. Letzteres gilt auch für Vincent Wolfsteiner, den Interpreten des Tannhäuser. Dieser eigentlich so sichere und zuverlässige Heldentenor alten Schlags, der mich irgendwie an Hans Beirer erinnert (habe ich noch als Tannhäuser erlebt), hatte wohl nicht seinen besten Tag. Zwar mit imponierender Stamina und Top-Höhen gesegnet, geriet er öfter an den Rand des Kippens, immer wieder drohten kleine „Frösche“ den Stimmfluss zu unterminieren. Im so gefürchteten ersten Akt kam Wolfsteiner zwar mit Kraft über die Runden, von sinnstiftenden Bögen und Phrasierung war aber nicht viel zu hören. Im Duett mit Elisabeth gelang manches Piano, in der Rom-Erzählung konnte Wolfsteiner immerhin mit drastischem Ausdruck punkten. Dennoch: Wolfsteiner besitzt die goldrichtige Stimme für diese Partie. Wir werden ihn sicher wieder in besserer Form erleben.

Die Ensemblemitglieder Arttu Kataja (Biterolf), Florian Hoffmann (Heinrich der Schreiber), Friedrich Hamel (Reinmar von Zweter) agierten korrekt, aber nicht mehr.

Insgesamt war es zwar nicht perfekter, aber doch großer Opernabend mit zwei denkwürdigen Berliner Debüts. Dazu die Staatskappelle Berlin mit ihrem Wagner-Wundersound, der alleine schon jede Aufführung wert ist und dem lustvoll bzw. ironisch im Dauereinsatz sich räkelndem Ballett-Ensemble der Sasha Waltz.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken