BERLIN / Staatsoper Unter den Linden SONDERKONZERT „MUSIK AUS FERNEN RUNDFUNKTAGEN“, CHRISTIAN THIELEMANN dirigiert die Staatskapelle Berlin; 15.2.2026

Foto: Stefan Rabold
„Achtung! Achtung! Hier Sendestelle Berlin – Vox-Haus – Welle 400“ So ging am 29. Oktober 1923 die erste deutsche Rundfunkstation offiziell auf Sendung. Das Radio entwickelte sich schnell zu einer grandiosen Kultur- und Informationseinrichtung, die den Menschen Musik und Literatur, Gesellschaftliches und Wissenschaftliches, aktuelle politische, ökonomische Nachrichten bzw. umfangreiche Sportberichterstattung frei Haus lieferte, im weitesten Sinn anspruchsvolle wie unterhaltsam garnierte Bildung ermöglichte. Da versammelte sich auch fallweise die Familie, um Erbauliches oder Schwungvolles zu hören. Ich erinnere mich, wie meine Geschwister und ich in den frühen sechziger Jahren vor einem alten Röhrenradio geklebt sind, und andächtig (zumindest ich) den Hitparaden mit den neuesten Beatles Songs gelauscht haben. Heute nutze ich nur noch im Auto während langer Fahrten diverse Klassiksender je nach Empfangsdichte und Region.
Freilich wurde das Radio in der Nazizeit als auch in den kommunistischen Diktaturen im Osten propagandistisch missbraucht. Aber Propaganda oder Werbung jeglicher Art soll es ja heute in der wesentlich weiter gefassten medialen Landschaft auch noch geben. Das Radio spielte aber auch eine Rolle bei der Demokratisierung, zudem boten ARD-Gastarbeiterprogramme mit ihren Sendungen auf Türkisch, Griechisch oder Italienisch ab 1964 eminent wertvolle Informationsquellen für Staatsangehörige aus diesen Ländern in Deutschland.
Der Bayerische Rundfunk hat im Rahmen des Programmschwerpunkts 100 Jahre Rundfunk ein breites Programm angeboten und aus dem Anlass in der Reihe „Der wilde Sound der 20-er Jahre“ etwa Eduard Künnekes fünfsätziges „Concerto grosso Tänzerische Suite“ op. 26 für Jazzband und großes Orchester für Schallplatte aufgenommen. Ich habe am 29.10.2023 darüber die CD 1929 im Online Merker berichtet. Diese 20-er Jahre waren ja von unglaublichen Brüchen gekennzeichnet. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Hyperinflation versus technischer und wissenschaftlicher Aufschwung, wie etwa auf Musik bezogen, der Siegeszug der Schallplatte. Rundfunkorchester wurden gegründet, die in stilistisch erstaunlicher musikalischer Bandbreite das Publikum mit Eigenproduktionen versorgten. Spezielle „Rundfunkmusiken“ wurden auch von avantgardistischen Komponisten wie Paul Hindemith, Kurt Weill oder Hanns Eisler geschrieben

Foto: Stefan Rabold
Nun hat der Generalmusikdirektor der Staatskapelle Berlin, Christian Thielemann, seine Affinität für gehobene Unterhaltungsmusik mit einem spannenden Programm unter der Marke „Musik aus fernen Rundfunktagen“ erneut unter Beweis gestellt und damit auch einen Nerv der Zeit getroffen. Schwungvoll sinnliche Klänge aus Variétés, Jazzkneipen oder Rundfunksendern. Tänzerisches, ausgelassen bis verrucht, wohin immer auch das Ohr gespitzt lauschte, allerdings nicht nur aus den „Zwanzigern“.
Unbestrittener Gipfel war, es sei vorweggenommen, eben jenes bereits erwähnte „Concerto grosso Tänzerische Suite“ des Wahlberliners Eduard Künneke, in der er Sinfonieorchester und Jazzband reizvoll ineinander verflocht. Ausgangspunkt der Idee war, wie auch im auf der Website der Oper frei verfügbaren Programmheft nachgelesen werden kann, „eine Liste von Musikstücken, die Christian Thielemann anlässlich eines Besuchs bei den Bad Reichenhaller Philharmonikern (die aus einem vor mehr als 150 Jahren gegründeten Kurorchester erwachsen sind) zu treuen Händen gegeben wurde.….Ein reizvolles Unterfangen, wenn man so ‚aus dem Vollen‘ einer Musik schöpfen kann, die im Alltag der Staatskapelle keine oder allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. Die allgemeine Spielkultur des Orchesters kann auf diese Weise neue Impulse und Anregungen erhalten – und die Freude am Musizieren ohnehin.“
Das sonntagsvormittägliche Programm in der Staatsoper Unter den Linden startete mit der „Suite für Varieté-Orchester“ von Dmitri Shostakovich: Der sowjetische Komponist montierte in den 50-er Jahren Tanzsätze mit Jazzcharakter, die er in den dreißiger Jahren geschrieben hatte, zu einer Suite für ein üppig besetztes Varieté-Orchester u. a. mit Saxophonen, Akkordeon, Gitarre und Klavier. Im Ohr bleibt besonders der Walzer Nr. 2 haften. Eigentlich für den sowjetischen Film „Die erste Staffel“ (Pervyy eshelon) aus dem Jahr 1956 geschrieben, dürfte die Musik vielen eher aus Stanley Kubricks Film „Eyes Wide Shut“ bekannt vorkommen.
Das Programm – so unterhaltsam und bei Dostal folkloristisch es auch daherkommen mag – ist im Wesentlichen doch der leichteren klassischen Moderne zuzurechnen. Bei genüsslichen Rhythmen, berauschenden Orchesterfarben und rein tänzerischen Abschnitten ist die Musik immer wieder durchaus anspruchsvoll und nicht mit dem zu verwechseln, was Kurkapellen üblicherweise präsentier(t)en.
Nico Dostals „Spanische Skizzen für Orchester“ stammen aus dem Jahr 1940. Als musikalische Charakterbilder in einer viersätzigen Suite gebündelt, hat der als Operettenkomponist bekannt gewordenen Dostal sich symphonisch beeindruckend auf die berühmten spanischen Tänze Habanera, Seguidilla, Bolero und Furioca gestürzt. Mit welchem schwerblütigen Temperament er das getan hat, kann auch heute noch in einem Ausschnitt in einer alten Aufnahme „Dostal dirigiert Dostal“ mit den Berliner Philharmonikern auf Youtube nachgehört werden. Bei Thielemann und der fabelhaft disponierten Staatskapelle Berlin klangen die kastagnettenklappernden Rhythmen duftiger, transparenter und frecher zugleich.
Wem sagt der Name Ernst Fischer noch etwas? Der Schöpfer von Filmmusiken und Operetten war auch ein veritabler „Radio-Komponist“. Im Konzert war Fischer mit der Suite für Orchester „Ferientage“ vertreten. Mit den programmatischen Titeln „Beim Anblick der Berge, Reisebekanntschaft, Am stillen Weiher, Heimkehr und Rückblick“ ist der Tonus gesetzt. Jeder oder jede kann sich dann lautmalerisch aufgepeppt dazu vorstellen, was sehnsuchtsvoll beliebt. Bezeugt ist Fischers Ausspruch, dass er „die heitere Muse“ stets „verteufelt ernst genommen habe“. Was wahrscheinlich eher für die Vorbereitung und Präzision der Wiedergabe als für die vermittelte Stimmung gegolten haben mag.
Nicht nur „Der Vetter aus Dingsda“: Eduard Künnekes fünfsätziges Concerto grosso Tänzerische Suite op. 26 für Jazzband und großes Orchester ist ein grandioses Stück. Es handelte sich um den sechsten Kompositionsauftrag, die die Berliner Funk-Stunde Künnecke erteilte. Als Ouvertüre wählte er für das 1929 anlässlich der Berliner Funkausstellung uraufgeführte Stück einen Foxtrott, im Andante einen Blues, als Intermezzo einen Tango, für den Valse mélancolique eine Valse Boston und im Finale hören wir einen Foxtrott. Als Wurf an raffinierter Instrumentierung, Orchesterkolorit und rubatobeseeltem Jazz füllt Künnecke das einst barocke Formmodell mit einem strukturell komplexen, hinreißenden Sound, der heute noch fasziniert. Aber auch ein Stimmungsmacher der Sonderklasse ist, auf dessen Applaus hin die Staatskapelle und der sichtlich zufriedene Christian Thielmann sich noch mit einer Zugabe („Blaue Orchideen“ von Wolfgang Friebe) bedankten.
Tipp: Wem es gefallen hat, dem sei verraten, dass die Programmatik „Musik aus fernen Rundfunktagen“ auch in der kommenden Saison fortgesetzt werden soll. Großartig!
Programm
Dmitri Schostakowitsch: Suite für Varieté-Orchester
Nico Dostal: Spanische Skizzen für Orchester
Ernst Fischer: Ferientage Suite für Orchester
Eduard Künneke: Tänzerische Suite für Orchester und Jazzband
Fotos: Stephan Rabold
Dr. Ingobert Waltenberger

