BERLIN / Staatsoper Unter den Linden SAMSON ET DALILA; 7.6.2026

Aigul Akhmetshina, Roberto Alagna. Foto: Ingobert Waltenberger
Sängerisch triumphaler Saisonausklang mit Dalila-Hausdebütantin Aigul Akhmetshina und Roberto Alagna als stimmgewaltigem Bilderbuch-Samson
Premiere hatte die historisierende, pappmachefelsenwuchtige und theaterblutrünstige Produktion des argentinischen Filmregisseurs und Drehbuchautors Damián Szifron 2019 mit Elīna Garanča und Brandon Jovanovich in den Hauptrollen. Des Argentiniers Film „Wild Talkes“ hatte den Intendanten und Dirigenten Daniel Barenboim so fasziniert, dass er den Landsmann vom Fleck weg für sein Regie-Operndebüt engagiert hatte.
Gestern war zum Saisonausklang der Start einer kleinen dreiteiligen Serie von Samson et Dalila mit der russischen Mezzosopranistin Aigul Akhmetshina und einem vokal in Bestform sich zeigenden Roberto Alagna zu bewundern.
Camille Saint-Saëns zwischen Oratorium und Grand Opéra pendelnde musiktheatralische Realisierung des biblischen Stoffes ist dank der Arienhits der Dalila „Printemps qui commence“, „Amour! Viens aider ma faiblesse“ sowie „Mon cœur s’ouvre à ta voix“ mit anschließendem Liebesduett ein Renner der großen romantischen französischen Oper.
Damit die Partitur mit wuchtigen Chören und einem raffiniert instrumentierten Orchesterpart ihre volle Wirkung entfalten kann, braucht es vor allem eines geschmeidigen Mezzos mit saftiger Tiefe und leichtgängiger Höhe sowie eines italienischen Heldentenors von Rang.
Aigul Akhmetshina, die vielleicht elegantest und aufregendst timbrierte Mezzosopranistin seit der jungen Grace Bumbry, kam sah und siegte als Dalila in der Nachfolge von Elīna Garanča. Mich hat nicht nur die wunderbar sämige, bruchlos geführte Stimme, ihr Gurren und Locken, ihr traumhaftes Legato und die markant gesetzten Spitzentöne imponiert, sondern auch ihre Carmen-ähnliches Temperament in der doch sehr statisch behäbig, kunsthistorisch üppig bebilderten Produktion.
Akhmetshina sang ihre Arien, besonders „Mon cœur s’ouvre à ta voix“ mit traumhaft schönem Mezza Voce, dynamisch subtil abgestuft und einer stimmlichen Souveränität ohnegleichen, angenehmerweise ohne im Brustregister in den tiefen Lagen auf den „Putz zu hauen“. Ihr edler Mezzo strömte balsamisch in den Raum, ein steter Flow an vibrierender Erotik und himmlischer Sangeskultur.
Als Partner stand Roberto Alagna zur Verfügung. Was für ein Glücksfall und was für eine ideale Ergänzung zur jungen Akhmetshina. Schon im Auftritt überzeugte Alagna von Statur, Stamina und seinem stählern ausladenden Tenor als unbesiegbarer und gottgeweihter Held der Hebräer in den religiös kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Philistern. Jéhovah versus Dagon. Zwei Götter, um deren Vorherrschaft in der Oper mit Schwert und Menschenopfern mit allen Mitteln und Tricks gerungen wird.
Seiner Mission bewusst, kämpft dieser Samson trotz seiner Faszination für die Dagon Priesterin Dalila lange gegen alles, was einen militärischen Erfolg gefährden könnte. Vor allem stemmt er sich gegen den Verrat des Geheimnisses seiner Stärke (die langen Haare sind es), bis er am Ende des zweiten Akts in einem unbedachten Moment nachgibt. Das Resultat: Geschoren und geblendet gerät er in die Gefangenschaft der Philister.
Bewundernswert und dramatisch bis zum Anschlag spannend ist, wie Alagna dieses Hinauszögern, das Zerrissensein zwischen Pflichterfüllung und gefordertem Liebesbeweis sowie final den letzten Kraftakt der Rache eines gedemütigten und gestürzten Helden im dritten Akt nicht nur darstellerisch glaubhaft und mitreißend vermittelt, sondern mit seinen imponierenden stimmlichen Mitteln überwältigend zu verkörpern vermag. „Arrêtez, ô mes frères“ und „Israël, romps ta chaine“ singt Alagna mit volltönender Mittellage und einer heldischen, derzeit von keinem anderen Tenor so erreichbaren Attacke, während er im Liebesduett mit Dalila zu sanfteren, weicheren Tönen findet. Toll, wie sehr sich Alagna über die langen Jahre seiner Karriere hinweg das markante Timbre und die ungeheure Strahlkraft seines robusten Tenors bewahren konnte.
Von den tiefen Männerstimmen ragte vor allem der mit väterlich sonorem Bass mahnende alte Hebräer des Nicolas Testé hervor. Der polnische Bassbariton Łukasz Goliński stattete die Figur des intriganten Oberpriesters des Dagon passend mit voluminöser Pechschwärze und zeitweise einem metallischen Näseln aus. Carles Pachon als Abimélech, Álvaro Diana und Hanseong Yun als erster und zweiter Philister absolvierten ihre Auftritte mit Anstand.

Alexander Soddy. Foto: Ingobert Waltenberger
Einen Volltreffer bildete die Betrauung des britischen Dirigenten und Pianisten Alexander Soddy mit der musikalischen Leitung der Aufführung. Soddy realisierte die farbtriefende fin de siècle Partitur mit der Staatskapelle Berlin in absoluter topForm klanglich berückend und berauschend, emotional aufgeputscht, aber dennoch durchhörbar unter Bedachtnahme auf die vielen instrumentalen Details. So muss große Oper klingen, so geht sie durch Mark und Bein, wenn ihre dunkel glühenden Strahlen direkt Bauch und Hirn des Publikums durchdringen.
Der Staatsopernchor lief nach einer erweiterten Einsingphase im ersten großen Chor mit unruhigem Vibrato in den hohen Frauenstimmen zu Form und Größe auf.
Fazit: Ein musikalisch vollmundiger Abend mit umjubelten Glanzleistungen von Aigul Akhmetshina, dem unverwüstlichen Roberto Alagna und der Staatskapelle Berlin unter der animierenden Leitung von Alexander Soddy.
Weitere Vorstellungen am 10. und 12.7.

Foto Schlussvorhang: Ingobert Waltenberger
Dr. Ingobert Waltenberger

